2046 Stufen bis aufs Treppchen

2046 Stufen bis aufs Treppchen

»Bù fāngbiàn! Unbequem!«, hört man die Taipeher mit den Achseln zuckend seufzen, wenn der Aufzug oder die Rolltreppe mal ausfallen sollte. Umgeben von grünen Bergen liegt die Hauptstadt Taiwans eingezwängt in einem Becken, und deswegen wird aus Platzmangel in die Höhe statt in die Breite gebaut. Kein Wunder also, dass es hier unzählige Hochhäuser gibt und man tagtäglich auf Rolltreppen und in Aufzügen nach oben und wieder nach unten getragen wird.

»Bù fāngbiàn! Unbequem!«, stöhnen sie leise bei so einem Malheur und sehen ratlos umher. Auch wenn so mancher Großstadtbewohner am Wochenende mit taiwanischen Schlagern im Ohr die halbe Insel umradelt, in der Morgendämmerung im Park mit Tai-Chi-Übungen das kultiviert oder nach Feierabend noch endlos Runden auf dem Sportplatz der Grundschule nebenan dreht: Ist der Aufzug kaputt, beflügelt das trotzdem nicht den Sportsgeist, die Treppen zu nehmen – und sei das Ziel auch nur wenige Stufen entfernt.

Taipei101

Der beeindruckende Wolkenkratzer Taipei 101 | © Peter Schlüter

Der jährliche Treppenlauf

Allerdings einmal im Jahr ist das alles ganz anders: da drängt man sich – meist online – darum, die Treppe zu nehmen, indem man nämlich einen der nur 5500 begehrten Plätze im Taipei 101 Run Up ergattert. Das ist der jährliche Treppenlauf im Taipei 101, dem fünfthöchsten Wolkenkratzer der Welt. An einem Tag im Frühjahr nimmt man dann nicht den schnellsten Aufzug der Welt, der mit 60,6 km/h in die Höhe schnellt. Nein, am Tag des Taipei 101 Run Up erklimmt man die 390 Meter mühsam über 2046 Stufen.

Von bù fāngbiàn ist dann plötzlich keine Rede mehr. Sich bei einer durchschnittlichen Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent und Temperaturen, die schon im Frühling oft die 30 Grad-Marke überschreiten, nach oben zu schleppen, ist an diesem Tag plötzlich in. Im großen Foyer, wo sonst Büroangestellte in Anzug und Kostüm mit Aktentasche in der einen und Kaffee in der anderen Hand in Reihe stehen, um ihre Chipkarte an die Einlassschranke zu halten und dann zum Aufzug zu eilen, scharren die Treppenläufer ungeduldig mit den Sportschuhen.

BlickvomTaipei101

Dieser Ausblick erwartet die Läufer am Ziel: Blick vom Taipei 101 auf den Berufsverkehr | © Changlc

Auf geht’s!

Auf den schrillen Ton der Trillerpfeife hin spurten sie einer nach dem anderen kurz vor den Aufzugstüren rechts ins Treppenhaus hinein. Hier ziehen sie sich an den metallenen Geländern nach oben, Stufe um Stufe, Treppe um Treppe, Etage um Etage. Links, rechts, links, rechts und dann auch mal rechts, links, rechts, links – denn so steht es in den Tipps & Tricks auf der Website des Taipei 101 Run Up: Tauschen Sie das führende Bein, sodass Sie nicht immer mit dem gleichen Bein zuerst zur nächsten Stufe nach oben auftreten.

Wer sonst lieber geduldig am Aufzug wartet, sich in die Schlange an der Rolltreppe stellt und dann gemütlich die Höhenmeter an sich vorbeiziehen lässt, weil er sich davor scheut, von Schweiß durchnässt unter den angeekelten Blicken der Kollegen und dem kalten Wind der Klimaanlage am Computer zu arbeiten oder in Meetings zu sitzen, läuft nun zwischen internationalen Sportlern zu Hochtouren auf, denn im 91. Stock des Taipei 101 winken Ruhm und Geldpreise von bis zu 1.000 Euro.

Am 1. Mai war es auch dieses Jahr wieder so weit. Doch der Rekord des Australiers Paul Crake mit 10 Minuten und 29 Sekunden aus dem Jahr 2005 konnte erneut nicht gebrochen werden.

Mehr Informationen:

www.taipei-101.com.tw/en/event.aspx?cid=412

Unsere Autorin Deike Lautenschläger wohnt selbst in Taipeh und hat ihre langjährigen Erfahrungen als Wahl-Taiwanerin in ihren amüsanten Reiseknigge einfließen lassen: Ihr »Fettnäpfchenführer Taiwan« ist überall im Buchhandel erhältlich.

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Deike Lautenschläger wurde 1977 in Grimma geboren. Sie studierte Medien an der Bauhaus-Universität in Weimar und am Art Institute of Pittsburgh und war danach fünf Jahre als TV-Journalistin in Leipzig für öffentlich-rechtliche und private Sender tätig. Anfang 2005 ging sie nach Taiwan, mit der Absicht, für ein Jahr Chinesisch zu lernen, blieb dann aber für ein Masterstudium der Internationalen Kommunikation mit Schwerpunkt Asien an der National Chengchi University. Nach mehr als zwölf Jahren in Asien, u. a. als Praktikantin in Singapur und Hongkong und als Deutschlehrkraft am Goethe-Institut in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi, ist Taiwan ihre Wahlheimat geworden. Jetzt lebt sie als freie Autorin, Deutschlehrerin und Doktorandin (Asian Pacific Studies) in Taipeh, wo sie noch heute bei schweren Entscheidungen die Götter im Tempel nebenan um Rat fragt und sich in jeder freien Minute vom Meer den Sand zwischen die Zehen spülen lässt.

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