»Now it is cancer!« – was einem beim Kamerakauf alles geschehen kann

»Now it is cancer!« – was einem beim Kamerakauf alles geschehen kann

Wenn der Kamera-Akku leer ist, weiß ein echter Mann, was zu tun ist: eine neue Kamera muss her. Er weiß auch, wo er die bekommt: in der nächsten Filiale der Elektronikkaufhauskette Bic Camera, zwei Dörfer stadtauswärts vom eigenen Dorf im Großraum Tokio entfernt.

Drei Klarstellungen

Eines möchte ich vorauseilend klarstellen: mein Japanisch ist ausbaufähig. Läuft der Alltag reibungslos, komme ich einigermaßen zurecht. Wenn meine Frau mit ihren Freundinnen schnattert, verstehe ich inzwischen mehr, als ihnen lieb ist. Ich werde bei Kaffeekränzchen jetzt immer öfter ausgeladen, das betrachte ich als Erfolg (linguistisch, nicht unbedingt menschlich).

Passiert allerdings etwas völlig Unvorhergesehenes, ist in meiner Panik oft das erstbeste japanische Wort, das mir einfällt, ein freundliches: »What?!«

Ich möchte außerdem klarstellen, dass ich nie etwas anderes behauptet habe. Enttäuschte Buchkäufer bekommen kein Geld zurück.

Drittens und letztens muss ich klarstellen, dass mir jede Form von Feilscherei, Schnäppchenjägerei und Geiz-ist-Geilheit hochgradig zuwider ist. Ich sammle keine Rabattmarken und Treuepunkte, ich vergleiche keine Preise, und ich habe noch nie ein Cashback-Formular ausgefüllt und nirgendwo eines hingeschickt.

Jetzt, da das geklärt ist, begeben wir uns mit diesem Vorwissen in die nächste Bic-Camera-Filiale, deren unablässig durch alle hallenartigen Stockwerke lärmender Jingle uns noch Tage und Nächte durch den Gehörgang spuken wird:

Bi-ku, bi-ku, bi-ku – Bic! Ca-Me-Ra!

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© Andreas Neuenkirchen

Der Kauf meiner neuen Kamera geht reibungslos vonstatten, auch sprachlich. Ich kann einen Verkäufer für mein Vorhaben begeistern, er findet genau die Kamera, die ich haben möchte und bringt sie mir auch in der schwarzen Wunschausführung, obwohl das Vorführmodell weiß ist.

Ich verstehe außerdem, dass er mir rät, im zweiten Stockwerk vorbeizuschauen und mir dort die Mehrwertsteuer erstatten zu lassen. Als im Ausland lebender Ausländer (man sieht es mir wohl an der Nasenspitze an) steht mir das zu, zumindest in gewissen Geschäften.

Ich sage, dass ich das tun werde, denke aber nicht im Traum daran, ich spare lieber Aufwand als Geld. Geld wird gern über-, Lebenszeit hingegen oft unterbewertet.

Nichtsdestotrotz verplempere ich geraume Zeit im zweiten Stock, denn ich finde den Ausgang nicht. Irgendwann bekomme ich zwischen 100.000 bunten Handyhüllen und dutzenden brandneuen Hello-Kitty-Sofortbildkameras (warum sehe ich die erst jetzt?) einen Bic-Kamera-Koller und beschließe, am Informationsschalter nach dem Weg zu fragen.

Und wenn ich schon mal dort bin, kann ich auch gleich auf mein gutes Recht als Nichtsteuerzahler pochen und mir die Mehrwertsteuer meines Kamerakaufes erstatten lassen. Meine Frau wird stolz auf mich sein, sie hat zum Wert des Geldes ein konservativeres Verhältnis als ich.

Ich erkläre mich der Dame am Schalter, sie erklärt mir ebenfalls etwas. Etwas sehr Langes und Schnelles. Ich verstehe kein Wort außer »Problem«, was sich für mich nicht gut anhört.

Trotzdem sage ich zu allem »hai«, wie es japanische Gepflogenheit ist. Anscheinend handelt es sich jedoch bei unserem um eines der wenigen japanischen Gespräche, bei denen »hai« nicht die korrekte und erwartete Antwort auf alle Fragen ist.

Die Dame versteht, dass ich wohl höchstens »Bahnhof« verstanden habe, und wiederholt alles noch mal sehr laut und sehr langsam. Schwerhörig bin ich zwar nicht, nur schwer von Begriff, weshalb ich dank der neuen Langsamkeit immerhin so viel verstehe, dass irgendwas mit meiner Kreditkarte gemacht werden müsse, die ich gerne aushändige.

Leider geht das, was gemacht werden muss, wohl gerade mit meiner Karte nicht. Es wird ein Kollege hinzugerufen, der die Karte ganz genau untersucht. Seine Miene verrät nichts über Erfolgs- oder Misserfolgsaussichten. Die Dame beginnt schon mal, wie manisch Geld abzuzählen. Alles Geld, das sie in der Kasse hat. Ich freue mich schon darauf, zumindest einen Teil davon gleich überreicht zu bekommen.

Erst mal überreicht mir der Herr jedoch einen Stapel eng beschriebene Formulare, die ich alle sofort unterschreibe, nachdem ich gewissenhaft geprüft habe, dass sie alle komplett in Japanisch sind.

Danach wird noch einmal was mit meiner Kreditkarte gemacht, was wieder nicht geht. Die Angestellte, die mich ursprünglich bediente, fängt mit dem Geldzählen von vorne an, es wirkt jetzt endgültig wie eine Übersprungshandlung.

Es wird beraten und beschlossen, dass ein dritter Kollege her muss. Der bekommt meinen Reisepass und liest in ihm so gründlich wie in einem Buch. Besonders spannend findet er offenbar die Seite mit dem Visum für die Volksrepublik China, er blättert häufig zu ihr zurück.

Hält er mich vielleicht für einen Spion? Einen chinesischen Spion wird er bestimmt nicht ausgerechnet mit einer Kamera das Haus verlassen lassen!

Nach ausführlicher Lektüre muss er elementare Verständnisprobleme eingestehen: »Wo steht Ihr Name?«, fragte er leicht peinlich berührt.

Ich blättere zurück zur ersten Seite und zeige drauf.

»Und Ihr Heimatland?«

Ich zeige ebenfalls drauf, und die langwierige Lektüre beginnt von vorne.

Als er erneut jeden Stempel auf jeder Seite mehrfach durchgelesen hat, sagt er was über Stornierung, so viel verstehe ich.

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© Andreas Neuenkirchen

Plötzlich kommt mir die irrationale Angst, jetzt würde alles storniert werden, und ich letztendlich ganz ohne Kamera dastehen, wo ich mich doch so auf sie gefreut habe. Ich klammere mich an meiner Plastiktüte fest und rufe wie ein vollkommen verblödeter Geiz-ist-Notgeiler: »Tax free! Tax free!«, in der Hoffnung, diese Worte mögen etwas in den Menschen auslösen, die sich meiner angenommen haben.

Schließlich ist das ganze Haus mit Schildern tapeziert, auf denen diese Worte die einzigen englischen sind.

Der Herr mit meinem Pass hat eine neue Idee: Man sollte jemand rufen, der Englisch spricht.

Auftritt Ishikawa-san

Ishikawa-san nimmt nun so etwas wie die weibliche Hauptrolle dieser Geschichte an. Ich erwähne ihren Namen, weil ich so stolz darauf bin, dass ich ihn problemlos von ihrem Namenschild ablesen kann. All die Japanischstunden und Kanji-Karten waren also doch kein herausgeworfenes Geld, das ich nie wieder nirgendwo zurückerstattet bekomme.

Ishikawa-san ist eine kleine Frau mit langen, rötlich braun gefärbten Haaren und einer forschen Freundlichkeit, die sich von der piepsigen Freundlichkeit, auf die die gemeine japanische Verkäuferin gedrillt ist, angenehm unterscheidet. Generell habe ich nichts gegen die Piepsigkeit, mir ist Piepsen lieber als Brüllen, aber gelegentliche Abwechslung darf schon sein.

Ishikawa-san spricht ungefähr so gut Englisch wie ich Japanisch. Wir werfen uns gegenseitig zweisprachig Stichworte an den Kopf, bis der Motor anläuft und so etwas wie eine Verständigung entsteht. Ich verstehe, dass meine ursprüngliche Bezahlung storniert werden müsse, daraufhin könne ich den steuerreduzierten Preis noch einmal bezahlen.

Ishikawa-san verschwindet mit meiner Kreditkarte, kommt zurück, gibt sie mir wieder und sagt stolz: »Now it is cancer!«

Ich bin ein wenig erschrocken von dieser sehr unerwarteten und dramatischen Wendung, doch bald schalte ich: sie meint cancel, und damit meint sie cancelled. L und R sind eben im Japanischen nicht sonderlich streng voneinander getrennt.

Leider haben wir uns zu früh gefreut. Beim neuen Bezahlvorgang stellt sich heraus, dass der alte doch noch da ist. Ishikawa-san sagt, sie müsse bei meinem Kreditinstitut anrufen. Keine Ahnung, mit wem sie dort so lange spricht, wie sie es tut, vermutlich mit dem Japanischbeauftragten der Landesbank Berlin.

Während des Gesprächs ereignet sich ein kleines Erdbeben. Ishikawa-san legt die Hand auf die Telefonmuschel und bietet mir höflich an: »Bitte nehmen Sie doch Platz.«

Bald sind vom Erdbeben nur die schwankenden Preisschilder an der Decke geblieben und es kümmern sich noch mehr Mitarbeiter um mich und meine Papiere. Wie viele genau kann ich nicht mehr sagen. Ich habe die Übersicht verloren. Es sind immer nur zwei bis vier gleichzeitig, aber die Gesichter und Namensschilder wechseln.

Es sind mindestens fünf verschiedene Mitarbeiter, doch es könnten weitaus mehr sein. Die Dunkelziffer derer, die von Captain Ishikawa nur hinzutelefoniert werden, ist außerdem hoch.

Schließlich findet sich eine Lösung: Man händigt mir den Betrag, den ich bereits per Karte bezahlt habe, in bar aus. Daraufhin bezahle ich noch mal, diesmal allerdings den steuerreduzierten Preis. Oder so. Ganz klar ist es noch immer nicht, die vier Menschen hinterm Tresen scheinen unterschiedlicher Auffassung zu sein, wie viel Geld genau wann und warum den Besitzer wechseln muss.

Immer wieder werden mir Scheine zugesteckt, wieder weggenommen, zugesteckt, weggenommen. Es hat etwas von einem Hütchenspiel, bei dem ich mich wie ein Gewinner fühle. Wahrscheinlich habe ich am Ende meine Steuer erstattet bekommen. Kann auch sein, dass ich sie doppelt bezahlt habe. Oder die ganze Kamera.

Oder die Kamera letztendlich geschenkt bekommen habe, plus Bonus. Es wird schon alles seine Richtigkeit haben, also unterschreibe ich gern noch ein paar Formulare, bevor ich gehe.

Wie lange hat das Prozedere nun gedauert? Bei der späteren Schilderung gegenüber meinen Schwiegereltern werde ich sagen: »Ungefähr eine Stunde.« Weil ich das leicht auf Japanisch sagen kann.

Wenn man vom Pferd fällt, soll man möglichst schnell wieder in den Sattel. Aber man muss ja nicht gleich die wildesten Kunststücke vorführen. Möglicherweise ist »eine Stunde« ein kleines bisschen übertrieben, aber wirklich nur ein kleines. Als ich zum ersten Mal an den Schalter trat, war ich noch vom Frühstück pappsatt. Inzwischen knurrt mein Magen für alle hörbar nach Mittagessen.

Dennoch halte ich mich jetzt für problemlos glücklich. Doch kurz nach Verlassen des Tresens fällt mir ein, dass da durchaus noch ein anderes Problem war. Ich kehre zurück zu Ishikawa-san, die merklich erschrickt, als sie mich sieht, und frage sie: »Wo ist noch mal der Ausgang?« Für solche Probleme reicht mein Japanisch dann wieder.

Ishikawa-san gibt mir nicht nur Auskunft, sondern begleitet mich persönlich ins Treppenhaus, wo sie mich mit Verbeugung verabschiedet und in den strahlenden Sonnenschein entlässt. Die Welt hat mich wieder.

Moral

Was nehmen wir aus dieser Episode mit? Dass die Japaner es zu fünft nicht gebacken bekommen, mir meine Mehrwertsteuer zu erstatten? Mitnichten! Die Moral der Geschichte ist, dass sie es zu fünft sehr wohl gebacken bekommen.

Mehr noch: dass sie überhaupt erst fünf Menschen mobilisieren, um das Miniproblem eines einzelnen zu lösen, auch wenn es dauert und umständlich ist. Ich behaupte, in manch anderem Land (ich nenne keine Namen) hätte man die Aktion weitaus früher mit einem pampigen »Kommen Sie morgen wieder!« abgebrochen. Die Erfahrung war keine negative, sondern eine positive.

Ishikawa-san und die Bic-Camera-Gang sind außerdem in ihrem Heimatland nicht verpflichtet, sich den Sprachen anderer anzupassen. Da bin ich im Zugzwang, und dieses Erlebnis hat mir einen neuen Motivationsschub gegeben, für den ich mich herzlich mit Verbeugung bedanke.

Trotzdem werde ich es mit dem Mehrwertsteuernachlass in Zukunft wieder so handhaben, wie ich es bisher gehandhabt habe: die Steuer als Servicegebühr akzeptieren, die es mir erlaubt, einfach so nach dem Einkauf guten Mutes aus dem Kaufhaus hinauszuspazieren und mein Leben weiterzuleben. Falls ich den Ausgang finde.

Wenn Andreas Neuenkirchen nicht gerade mit seiner Familie durch Tokio reist, schreibt er spannende Krimis, die fest in der japanischen Kultur verankert sind und so Krimifreunden und Kulturinteressierten gleichermaßen gefallen. Die beiden ersten Fälle seiner Ermittlerin Inspector Yuka Sato sind bei CONBOOK erhältlich: »Yoyogi Park« und »Roppongi Ripper«

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Dieser Artikel wurde geschrieben von

Andreas Neuenkirchen ist seit 1993 Journalist, zunächst frei im Feuilleton Bremer Tageszeitungen und Stadtmagazine, später als Redakteur bei Videospiele- und Technikmagazinen. Seit 2001 Online-Redakteur.