Panama Geisha und das harte Brot des Heimwehs

Panama Geisha und das harte Brot des Heimwehs

Neulich, auf den letzten Metern unseres letzten längeren Japanaufenthalts, seufzte meine Frau: »Ich habe ein bisschen Heimweh!«

Da seufzte ich innerlich: Was will sie denn noch?! Wir sind in Tokio, wo sie aufgewachsen ist und die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hat, sogar nur wenige Bahnminuten von ihrem Elternhaus entfernt, das wir mehrmals in der Woche besuchen. Ist das nicht Heimat genug?

Da präzisiert sie: »Ich vermisse Laugensemmel, Biergarten und … Platz.«

Ach so, sie meint es andersrum. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Mir ist zwar bewusst, dass sie sich mit ihrer deutschen Wahlheimat gut angefreundet hat. Mir ist aber ebenso bewusst, dass sie diese Heimat in erster Linie mir zuliebe gewählt hat.

Meinerseits war ich von Japan schon angetan, bevor wir uns über den Weg liefen. Sie hingegen hatte nie gedacht: Ach, wenn ich mal groß bin, würde ich gerne in dem Land leben, aus dem die Schurken von The Sound of Music kommen.

Obwohl ›Heimweh‹ für meine eigene Gemütslage ein zu starkes Wort scheint und ich wirklich gerne noch länger in Japan geblieben wäre, kann ich nicht verleugnen, dass ich unserer bevorstehenden Rückkehr nach München vereinzelte Pluspunkte abgewinnen kann. Sie decken sich teilweise mit denen, die meine Frau angesprochen hat.

Das Brot, der Deutschen Reis

Beim Brot versteht der Deutsche keinen Spaß. Ich eigentlich schon. Immer ging mir der deutsche Brotfetisch auf den Keks, insbesondere wenn ich die Landsleute im Ausland jammern hörte.

Nie vermisste ich steinhartes Graubrot oder staubtrockenes Schwarzbrot zum Tagesbeginn und Tagesausklang. Doch nach wenigen Wochen mit alternativlosen, armdicken und watteweichen japanischen Weißbrotschreiben gebe ich mich geschlagen und setze mich ebenfalls an den Stammtisch der Nörgler.

Wohlgemerkt: Tokio ist die Welthauptstadt der Feinschmeckerei. Wer hier nur japanisch isst, verpasst etwas. Es gibt nicht nur das beste Sushi, sondern eben auch die beste Pizza, die besten Burger, die beste haute cuisine der Welt.

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© Andreas Neuenkirchen

Und selbstverständlich gibt es gediegene deutsche Bäckereien. Was die backen ist allerdings, oft nach eigener Aussage, ›an den japanischen Geschmack angepasst‹.

Soll heißen: etwas weniger weich, etwas weniger geschmacklos als der Akkordeon-Toast aus dem Supermarkt, aber immer noch weich und geschmacklos genug, um niemanden zu beunruhigen.

Man muss den Schluss ziehen, dass Japaner in allen kulinarischen Disziplinen den weltbesten Geschmack haben. Nur Brot haben sie nie verstanden. (Es sei im Gegenzug nicht verschwiegen, dass man Japanern in Deutschland nur schwer erklären kann, dass dieses weiße, geschmacklose Zeug in den Kochbeuteln Reis darstellen soll.)

›Platz‹ ist ein weiterer Punkt, in dem ich meiner Frau recht geben muss. Es wird immer behauptet, die Mieten seien so hoch in Tokio. Sind sie ja gar nicht. Wir bezahlen ungefähr dasselbe, was wir in München bezahlen. Leider für nur ein Drittel des Platzes (und vielleicht ist der Mietpreisvergleich mit München auch nicht unbedingt der günstigste).

Unsere Wohnung in Setagaya ist damit ungefähr so groß wie meine erste Studentenbude in Bremen, und in der habe ich es schließlich auch jahrelang gut ausgehalten. Allerdings wusste ich es da erstens noch nicht besser, zweitens war ich damals noch nicht zu dritt.

Inzwischen würde ich es durchaus zu schätzen wissen, mich mal wieder frei zwischen Bett, Kleiderschrank und Wohnungstür bewegen zu können, ohne jedes Mal das Kinderbett umzupositionieren.

Zero-Schwipp-Schwapp mit 0.00% Geschmack!

Eine kontroverse Position: den Biergarten vermisse ich weniger. Nicht weil ich ihn prinzipiell nicht schätzte, das tue ich durchaus, ich bin ja nicht blöd, sondern weil mir im Zweifelsfall Biergartenwetter ohne Biergarten lieber ist als Biergarten ohne Biergartenwetter.

Was ich durchaus vermisse, ist Bier. Und ich präzisiere in aller Eile: alkoholfreies Bier. Ansonsten hat man in Bierbelangen in Japan wirklich nichts zu klagen.

Als Deutscher werde ich hier immer als erstes danach gefragt, wie mir das japanische Bier munde. Oft kommt die Frage feixend, als erwarte man von mir, ich würde mit der international so beliebten Direktheit der Deutschen antworten: »Würg, das schmeckt ja wie von einer nierenkranken Kuh ausgepisst!«

Das tue ich natürlich nicht, sondern bin voll des Lobes. Nicht aus feiger Höflichkeit, sondern von ganzem Herzen. Das reguläre japanische Bier ist Weltklasse.

Das alkoholfreie japanische Bier schmeckt zwar besser als das, was eine nierenkranke Kuh auspisst (vermute ich, mir fehlen die Vergleichswerte). Das ist allerdings auch schon das Netteste, was mir dazu spontan einfällt.

Ich weiß, in den Jahren des Sturm und Drang schwört man sich so manches. Etwa, dass man im Leben niemals alkoholfreies Bier trinken wird, und dass man für immer und ewig Hayzi-Fantayzee-Fan bleibt.

Aber eines Tages wacht man auf und ist keine 44 mehr. Meinen Alkoholkonsum habe ich stark eingeschränkt, als ich das Langstreckenlaufen für mich entdeckte, und dann noch ein bisschen mehr, als ich Familienvater wurde (einer Hayzi-Fantayzee-Reunion stünde ich weiterhin vorsichtig aufgeschlossen gegenüber).

Weil man aber auch als Langstreckenläufer und Familienvater nicht den ganzen Abend Schwipp-Schwapp trinken kann, habe ich irgendwann angefangen, mich durch all die alkoholfreien Biere da draußen zu trinken. Schön war das nicht, doch in Deutschland habe ich inzwischen eineinhalb Produkte gefunden, die trinkbar sind und ein bisschen mehr nach Bier als nach Schwipp-Schwapp schmecken.

In Japan hatte ich bislang kein Glück, und ich glaube, ich habe jetzt alle durch. Man muss in Japan außerdem auf das Kleingedruckte achten: nicht jedes Biergetränk, das mit dem coolen englischen Wort ›Free!‹, einem zackigen ›Zero!‹ im Titel oder der Formel ›0.00%!‹ wirbt, ist alkoholfrei.

Oft bezieht sich die Eliminierung auf Zucker oder andere Inhaltsstoffe, deren Vorhandensein oder Abwesenheit einem als Mann egal ist. Die Vermeidung von Leibesfülle hat in der japanischen Gesellschaft einen höheren Stellenwert als die Vermeidung des Rausches.

Was den Bayern der Biergarten, ist den Japanern vielleicht das Kaffeehaus, zumindest historisch betrachtet. Ein klassenloser Ort der zwanglosen Zusammenkunft, hier trank schon in der späten Meiji-Ära der Edelmann neben dem Tofubäcker.

Kein Wunder, dass Japaner die Bohne ernst nehmen, schlechter Kaffee ist kaum zu bekommen. Günstiger leider auch nicht.

Mit dem Kaffee halte ich es wie mit dem Bier: es muss nicht viel sein, aber gut.

Für den Heimverzehr in Tokio hatten meine Frau und ich schnell einen Nobel-Kaffeeladen in der Nachbarschaft ausgemacht, der gut aussieht und noch besser riecht. Leider kostet dort der Kaffee ungefähr das Achtfache von einem gehobenen Kaufhauskaffee in Deutschland.

Geld sollte zwar beim Genießen nur eine untergeordnete Rolle spielen, aber das fanden wir dann doch finanziell ungenießbar.

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© Andreas Neuenkirchen

So gingen wir lieber in die Nobel-Lebensmittelabteilung des nächsten Takashimaya-Kaufhauses, wo man nur ungefähr das Vierfache des gewohnten Preises bezahlt, und die Röstungen sehr klangvolle Namen haben.

Ich entscheide mich selbstverständlich für die Variante ›Panama Geisha‹. Meine Frau allerdings legt Veto ein, ihr Heimweh ist zu groß: ›German Roast‹ soll es sein.

Dann nehme ich ›Panama Geisha‹ eben mit, trinke ihn in München, und denke mir: Oh, wie schön ist Japan.

Wenn Andreas Neuenkirchen nicht gerade mit seiner Familie durch Tokio reist, schreibt er spannende Krimis, die fest in der japanischen Kultur verankert sind und so Krimifreunden und Kulturinteressierten gleichermaßen gefallen. Die beiden ersten Fälle seiner Ermittlerin Inspector Yuka Sato sind bei CONBOOK erhältlich: »Yoyogi Park« und »Roppongi Ripper«

Und zur Gedächtnisauffrischung für all diejenigen, die sich nicht mehr an Hayzi Fantayzee erinnern können: www.dailymotion.com/video/x27n9b_haysi-fantayzee-john-wayne-is-big-l_music

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Andreas Neuenkirchen ist seit 1993 Journalist, zunächst frei im Feuilleton Bremer Tageszeitungen und Stadtmagazine, später als Redakteur bei Videospiele- und Technikmagazinen. Seit 2001 Online-Redakteur.