Kaisas Heimspiele: Biathlon-WM in Finnland

Kaisas Heimspiele: Biathlon-WM in Finnland

Die »Bärenbucht« lädt ein. Nicht zum ersten Mal, bereits 1999 fanden im finnischen Kontiolahti Biathlon-Weltmeisterschaften statt. Nun ist der kleine Ort mit dem bezeichnenden Namen im nördlichen Karelien wieder Gastgeber der Weltelite im Schießskilaufen, wie es auf Finnisch heißt. Wer damals schon dabei war, wird sich an winterliche Temperaturen erinnern.

Winterlich bedeutet in Kontiolahti so um die minus 30 Grad. Das war selbst den Einheimischen zu viel, die Trainingsloipen werden generell nur bis minus 22 Grad offen gehalten. Also mussten mehrere Wettkämpfe verschoben werden. Die Einzel- und Massenstartrennen sind gar in das atlantisch gemäßigte Klima Oslos verlegt worden.

Umso erstaunlicher mag die erneute Entscheidung der Internationalen Biathlon-Union für die Austragung in Kontiolahti sein, zumal ausgerechnet Oslo Mitbewerber war (die nun Gastgeber im kommenden Jahr sind). Aus finnischer Sicht ist Kontiolahtio der einzig passende Ort, denn die größte und wohl einzige finnische Medaillenkandidatin wohnt gerade einmal 25 km entfernt. Es ist ihre Heim-WM, die Loipen dort zählt sie neben den Anlagen in Oberhof zu ihren erklärten Lieblingsstrecken.

Finnlands Medaillenhoffnung

Kaisa Mäkäräinen läuft so schnell, dass der finnische Skiverband sie auch gerne bei den Langlaufrennen der Nordischen Weltmeisterschaften in Falun hätte starten lassen – 2013 in Val die Fiemme ist sie im 10-km-Rennen im freien Stil 14. geworden. In diesem Wettkampf lief übrigens Miriam Gössner als vierte nur knapp am Podest vorbei.

Zu einem erneuten Wettstreit zwischen Gössner und Mäkäräinen wird es in Kontiolahti nicht kommen. Selbst die finnischen Medien haben dieser Tage gemeldet, dass Gössner nicht anreist. Eine auflagenstarke bebilderte Zeitung brachte die Deutsche allerdings weniger als erfolgreiche Sportlerin denn als Playboy-Model in Erinnerung. Es wäre wohl ungerecht zu sagen, dass diese Berichterstattung typisch für das mäßige Interesse der Finnen am Biathlon ist.

Kaisa Mäkäräinen ist es in den letzten Jahren gelungen, durch konstant hervorragende Leistungen wahrgenommen zu werden. Neben Tuija Vuoksiala ist sie die einzige finnische Biathletin, die bei Weltmeisterschaften Einzelmedaillen geholt hat. Und nach ihrem furiosen Sieg über die 15-km-Strecke in Oslo am 12. Februar ist sie eine der Topfavoritinnen.

In ihrer Begeisterung hat die finnische Presse sich hinreißen lassen, sogar den Kommentar eines Schweden zu zitieren – was angesichts der ewigen nachbarschaftlichen Konkurrenz nicht alltäglich ist. Björn Ferry, früher selbst Biathlet und nun Kommentator beim schwedischen Fernsehen, bezeichnete Mäkäräinens Wettkampf als den wohl besten ihrer Karriere, geradezu magisch! Auch im Gesamtweltcup fehlen ihr übrigens nur zehn Punkte auf die führende Darja Domratschewa – könnte sie ihre dritte Kristallkugel gewinnen?

Das mag später interessieren, nun geht es um Medaillen in der Bärenbucht. Erst seit 1980 gibt es übrigens Regeln für Frauenwettkämpfe im Biathlon. Ab dem 18. Jahrhundert hatten sich allein Männer in dieser Sportart gemessen. Der sogenannte Militärskilauf hieß nicht umsonst so. In Kontiolahti wird Biathlon schon seit Gründung des Sportclubs 1956 trainiert – aufgrund der Nähe des finnischen Militärs.

Warum aber sind die nordischen Nachbarländer bisher erfolgreicher? Eine Studie der Universität Jyväskylä näherte sich dem Phänomen von der pädagogisch-psychologischen Seite. Nachwuchsathleten zwischen 13 und 17 Jahren sollten erklären, was sie zum Biathlontraining motiviert. Gesundheitliche Aspekte spielten für viele eine wichtige Rolle: Sie wollten sich durch Training fit halten. Noch attraktiver aber war der Gedanke, sich im Wettkampf mit anderen zu messen, an die Spitze zu gelangen und eventuell sogar die finnische Meisterschaft zu gewinnen. Die Untersuchung fand bereist 1996 statt – wo sind die Erfolge geblieben? Erstaunlich wenige junge Athleten gaben in der Befragung an, dass ihr sportliches Talent und ihre eigene Leistung ihre Hauptmotivation seien. War das nur Understatement oder einfach eine Tatsache? Galt Biathlon eher als nettes Hobby?

Kein Wunder also, dass Kaisa Mäkäräinen selbst ausgesprochen viel Aufmerksamkeit erhält. Sie hat auf ihrer Facebook-Seite mehr Likes als Simon Schempp und Arnd Peiffer zusammen. Auf ihrer Homepage präsentert sie ausführlich die Zusammenarbeit mit ihren Sponsoren, vor allem John Deere, der finnischen Forstverwaltung und dem Lüftungsbauer Vallox.

Ungewöhnliche Devotionalien

Wer eine original Mäkäräinen-Autogrammkarte online ersteigern möchte, findet derzeit auf der bekannten Internetseite eine ordentliche Auswahl. Besonders kostspielig (aber für unter zehn Euro zu haben) ist eine Karte mit ihr als Weltmeisterin 2011. Eine finnische Plattform bietet dagegen im Moment nur eine einzige Autogrammkarte an. Dafür kann man dort einen Veltins-Bierdeckel der 1980er Jahre ersteigern. Warum man das tun sollte? Das wird ausführlich erläutert: Diese Marke stehe für ein Stadion in Gelsenkirchen, in dem Kaisa Mäkäräinen im Dezember 2012 im Teamwettbewerb siegte.

Das ist wahre Leidenschaft! Oder zuviel Genügsamkeit? Nein, im allgemeinen ist eher der Erwartungsdruck unglaublich hoch. Kaum eine Biathlonmeldung diesen Jahres in Finnland, die nicht Kaisa Mäkäräinen im Titel nannte. Als Lebensmotto gibt sie an: »Morgen besser zu sein als heute!« Wenn ihr das gelingt, wird Björn Ferry neue Adjektive erfinden müssen.

Zumindest die Wetterbedingungen werden dem nicht entgegen stehen. Derzeit sind es um Null Grad, Schnee liegt nicht massenhaft, aber dennoch genug, und es könnte demnächst noch ein paar Grad frischer werden. Typisch ostfinnisches Winterwetter ist aber nicht zu erwarten. Das freut Kaisa. Obwohl sie über 200 km nördlich von Kontiolahti geboren ist, mag sie tiefen Frost beim Training gar nicht.

Auch für die Zuschauer werden sich die Tage also entspannt gestalten lassen. Nach dem Wettkampf in die Sauna, und vielleicht, ganz freiwillig, noch ein kurzer Sprung ins Eisloch?

Ein bisschen Finnland sollte man sich außerhalb der WM gönnen, wenn man schon die Reise nach Karelien auf sich nimmt. Kaisa Mäkäräinen ist – in entgegengesetzter Richtung – auch dafür beispielgebend: Sie trainiert zu Hause meist alleine und schließt sich deshalb ab und zu internationalen Trainingsgruppen an. Zur Vorbereitung dieser Saison war sie eine Zeitlang mit den deutschen Frauen unterwegs.

Schließen wir uns also ihrem Facebook-Aufruf an: #GoKaisa!

Wer vor, während oder nach der Biathlon-WM noch viel mehr Interessantes und Kurioses über Finnland und seine Kultur erfahren möchte, dem sei der Griff zu Gudrun Söffkers amüsantem Reiseknigge und Kulturführer »Fettnäpfchenführer Finnland« ans Herz gelegt. Dieser ist ganzjährig und witterungsunabhängig im Buchhandel erhältlich.

Hier geht’s zur Homepage der Biathlon-WM: www.kontiolahtibiathlon.com

Wer die finnische Medaillenhoffnung Kaisa Mäkäräinen anfeuern möchte, findet hier ihre Homepage: www.kaisaleena.com

Nächster Artikel:
Vorheriger Artikel:
Dieser Artikel wurde geschrieben von

Gudrun Söffker ist beständig unterwegs. Prägendes Reiseerlebnis ihrer Jugend war eine herbstliche Überquerung der Ostsee auf dem wunderbarsten Fährschiff des Nordens, der legendären GTS Finnjet. Als Historikerin bewegt sie sich in verschiedenen Museen zwischen Mittelalter und Gegenwart, als Studienreiseleiterin erlebt sie den weiten Norden Europas immer wieder neu.