Von Bossa Nova zu MPB und Tropicália

Von Bossa Nova zu MPB und Tropicália

In den 50er-Jahren kam ein junger Mann aus Bahia nach Rio de Janeiro: João Gilberto. Er mischte sich unter eine Clique von Jugendlichen aus der Mittelschicht Copacabanas, die sich in den botecos (Straßencafés und -kneipen) und Wohnungen traf, um zusammen zu musizieren. Er präsentierte ihnen seinen neu entwickelten verzögerten Anschlag auf der Gitarre. Dazu gehört sein fast flüsternder Gesang, der sich elegant verzögert auf die Musik setzt und dabei alle Halbtöne mitnimmt, sodass es sich fast dissonant anhört.

Die jungen Leute, darunter Roberto Menescal, Ronaldo Bôscoli, Nara Leão und Carlos Lyra, waren begeistert. Sie begannen auf Studentenpartys Lieder mit diesem »neuen Anschlag« (die wörtliche Übersetzung von Bossa Nova) zu spielen, woraufhin bei Studios und Plattenfirmen Interesse an dem neuen Stil geweckt wurde. Dem unbekannten João Gilberto gelang es, den schon etablierten Komponisten und Pianisten Antônio »Tom« Jobim und den berühmten Poeten und Sänger Vinícius de Moraes für Aufnahmen zu gewinnen.

Ende der 50er-Jahre erschienen die ersten Bossa-Nova-Platten, größtenteils noch mit Orchesterbegleitung. Erst mit der Zeit setzte sich die Reduktion auf das virtuose Gitarrenspiel im Einklang mit den geflüsterten oder leise und ohne Vibrato gesungenen Texten durch – ein Stil von großer Intimität und Eleganz, der seinerseits wiederum den Jazz beeinflusste und ab den 80er-Jahren auch den internationalen Pop und Wave.

Wichtige Komponisten und Interpreten des Bossa Nova sind außer den bisher genannten: Baden Powell, João Donato, Elis Regina, Edu Lobo und Sérgio Mendes (der den Stil in den USA jazziger adaptiert und somit für das nordamerikanische Publikum zugänglicher gemacht hat). Bei Aufnahmen ist zu beachten, dass nicht jeder, der ein Lied singt, es auch geschrieben haben muss. In Brasilien ist das dann keine Coverversion, sondern eine Interpretation. Das wird als legitim und natürlich angesehen; das Urheberrecht wird nicht so ernst wie hierzulande genommen.

Bossa Nova hing ein bürgerliches Image an, zumal die Texte sich meist um Liebe drehten und nicht um die Probleme des Landes. 1964, als die Militärdiktatur an die Macht kam, war Nara Leão eine der Ersten, die daraus Konsequenzen zog, sich vom Bossa Nova distanzierte und volksnahe Protestlieder von Komponisten aus armen Verhältnissen aufnahm. Aus dieser Bewegung hin zum einfachen Volk entstand MPB (kurz für Música Popular Brasileira), unter deren Label versteckte politische Kritik möglich war. Die absolute Ikone des MPB ist Chico Buarque.

Eine andere musikalische Antwort auf das bürgerliche Image von Bossa Nova war Tropicália bzw. Tropicalismo. 1968 entstand diese brasilianische Hippie-Bewegung. Musik wie Auftreten der Musiker waren schrill und vom Rock ’n’ Roll beeinflusst. Die Bewegung wurde von Konservativen als »unbrasilianisch« kritisiert, und die Diktatur zwang viele Musiker ins Exil. Doch die in wenigen Jahren entstandenen Lieder von Os Mutantes, Gilberto Gil, Caetando Veloso, Tom Zé, Gal Costa, Jorge Ben, Jorge Mautner u.a. sind bis heute stilprägend, und einige der Künstler sind nach wie vor aktiv und erfolgreich.

Im Film

Wie brasilianische Musik die ganze Welt erobert und verändert hat, erzählt der gelungene Dokumentarfilm Beyond Ipanema (2009, Regie: Guto Barra). Brasiliens Musiktradition spürt der finnische Regisseur Mika Kaurismäki in Moro no Brasil (I Live in Brazil, 2002) nach.

Weblinks

> Beyond Ipanema bei IMDb (The Internet Movie Database)

> Die offizielle Webseite von Moro no Brasil

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Seit Nina Büttner ihren einjährigen Schüleraustausch in Brasilien verbrachte, zieht es sie immer wieder dorthin - und auf viele andere Reisen, und sei es »nur« auf ausgedehnte Fahrradtouren. In reisefreien Zeiten trainiert sie den brasilianischen Kampftanz Capoeira. Emel Mangel kannte aus ihrer Familie schon abenteuerliche Reisen und zögerte daher nicht, als sich 2001 die Chance bot, für ein Jahr als Austauschschülerin in den Mittleren Westen Brasiliens zu gehen. Interkulturell inspiriert kehrte sie nach Hannover zurück und nahm 2005 ihr Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg auf. Dort engagierte sie sich im Bürgerfunk Radio ZuSa sowie in studentischen Gremien und entdeckte ihre Leidenschaft fürs Kino. Darüber bloggt sie auf raeuberin.com und movienerd.de und plant nun von Berlin aus ihren nächsten Sprung über den Ozean. Henrieke Moll, geboren 1984, lernte das brasilianische Familienleben bei einem Austauschschuljahr kennen und feierte - als Kölnerin - Karneval mal auf eine andere Weise. Nach einem weiteren Auslandsaufenthalt in Rumänien und verschiedenen Reisen wurde ihre Faszination für andere Kulturen mit der Zeit zu einem Spagat zwischen Brasilien und Südosteuropa. Sie studierte Europa- und Osteuropastudien in Maastricht, Sofia und Berlin. Interkultureller Austausch bildet ein zentrales Thema in ihrem Leben, egal ob als Teilnehmerin oder Organisatorin.

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