Concierge und Erdbeereis

Concierge und Erdbeereis

Also gut, wir sind uns alle so ziemlich einig. Erdbeereis soll es sein. Ich denke einen kurzen Augenblick über Stracciatella nach, will aber den durchaus volatilen familiär-euphorischen Meinungskonsens nicht wegen einiger fehlender Schokosprengsel aufs Spiel setzen. Erdbeer geht vollkommen in Ordnung. Für Frieden tut man einiges, in der Welt und noch mehr in der Familie. Die Kinder sollen bestimmen. Schließlich haben wir sie wieder einmal für einen viel zu langen Besuch in einem viel zu langweiligen Museum vor uns her gescheucht. Wieso bloß? Nach dem letzten Exponat schauen auch wir Eltern uns am Ausgang des wahnsinnig berühmten Museums mit verwirrtem Blick verständnislos an und fragen uns mit einem Hauch von Verzweiflung, was wir eigentlich zuerst angeschaut haben, was das alles insgesamt gekostet hat und warum wir so unbedingt der Meinung waren, dass ohne die Besichtigung dieses weltberühmten Ortes ein sinnvolles und erfülltes Weiterleben nicht in Betracht kam.

Aber jetzt denken wir nur noch an ein schönes Erdbeereis. Na ja, das stimmt nicht ganz, einer ist abgelenkt. Dieser Eine bin ich, denn meine Konzentration gilt der Suche. Ich schaue so ganz nebenbei und sehr heimlich und trotzdem ebenso intensiv nach einem ersten Fünfsterne-Hotel, um hineinzuhuschen und meine lähmende Orientierungslosigkeit mit einem Schlag aus der Stadt zu schaffen. Minuten später stehe ich vor dem Mann, der alles von dem Ort weiß, von dem ich nichts weiß.

»Warum redest Du so lange mit ihm? Was hat er dir alles aufgeschrieben? Und was macht der den ganzen Tag? Muss der auch Koffer tragen?« Einige durchaus berechtigte Fragen, die mir meine Kinder stellen, wenn ich wieder einmal in irgendeiner Metropole dieser Welt mit meiner vielköpfigen Familie in einer zwar wenigsternigen, dafür jedoch erschwinglichen Herberge wohne, dann aber wie immer gleich beim ersten orientierenden Stadtrundgang in einem der führenden vielsternigen Luxushotels verschwinde, um mich vom dortigen Concierge in die Geheimnisse der vor mir liegenden Straßen und Gegenden einweihen zu lassen. So gut kann man eine Stadt gar nicht kennen, dass ein richtiger Concierge sie nicht viel besser kennt. »Papa, jetzt komm doch endlich, wir wollen los und sehen, was es hier so gibt, wo hier was los ist – und Hunger haben wir auch!« Der Kleinste ist bescheiden, will nur endlich das längst versprochene Erdbeereis und zwar dalli.

Wie sollen sie verstehen, dass es mir gerade beim Besuch des Concierge genau darum geht? Und ich habe, ehrlich gesagt, gar keine Lust, bei den Kindern schlafende Hunde zu wecken, indem ich ihnen erkläre, dass dieser ihnen so unbekannte Mann wahrscheinlich die besten und heißesten Shoppingtipps der ganzen Stadt hat. Man müsste ihn nur fragen! Wahrscheinlich kennt er nicht nur die Eisdiele mit dem besten Erdbeereis, sondern auch die mit dem schnellsten Selbigen, und es würde mich nicht wundern, wenn er dem energischen Drängen meines Sohnes in desaströs unpädagogischer Weise gleich nachgibt und eine Hotelkugel organisiert. Oder zwei – und das auch noch für umme. Er wird damit nicht nur zum Held meiner Kinder, nein, er provoziert auch eine Frage auf die Lippen meiner geliebten Familie, auf die ich gut und gerne auch hätte verzichten können: »Warum wohnen wir eigentlich nicht hier?« Die konsequenten Schlussfolgerungen aus der ersten Frage sind nahezu unausweichlich, eigentlich mehr als verständlich und haben keinen fragenden, sondern äußerst affirmativen Charakter: »Können wir nicht hier wohnen?« Was hier wie eine Frage aussieht, bekommt allein durch den Ton klaren Befehlscharakter: »Warum nicht? Es ist nie zu spät. Wir ziehen hierher um! Also, bis später, Herr Con…äh…Herr Erdbeereis.«

Warum wir nicht zu Herrn Erdbeereis umziehen, erläutere ich den Kindern diskret nuschelnd draußen auf der Straße. Da meine sanft formulierte Meinung, dass wir so ein „Etepetete-Zeug“ nicht brauchen, keinerlei Zustimmung findet, muss ich den innerfamiliären Offenbarungseid ablegen. Es droht eine Vaterinsolvenz, deren dramatischen Auswirkungen mindestens bis zum Urlaubsende reichen könnten.

Es ist einfach so, dass ich es mir mit meinen vier Kindern in der Regel leider nicht leisten kann, in diesen wahren Hotels zu logieren, die es sich noch – apropos leisten – erlauben, diese vielleicht edelste aller Hoteldienstleistungen im Angebot zu haben. Obwohl ich nicht Gast im vom Concierge verwöhnten Hause bin, so habe ich doch immer wieder ungeheuer viele Fragen an den Concierge, die er mir auch ausführlich und geduldig beantwortet, sehr wohl wissend, dass ich gar nicht in seinem schönen Hotel wohne und auch mein Trinkgeld seine Brusttasche keiner zu großen textilen Belastung aussetzen würde. Irgendwie ganz schön frech. Aber dafür bin ich auch erster Vorsitzender eines Geheimbunds von Hotelschläfern, die sich weltweit dafür einsetzen, dass Schlafhäusern ohne wenigstens einen ausgebildeten Concierge die Bezeichnung »Hotel« untersagt wird und dass conciergelose Unterkünfte mit zwar milchstraßenähnlicher Besternung und kathedralischen Eingangsbereichen trotzdem über ihrem goldglänzenden Portal mit der Wahrheit an den Tag müssen: »Gebührenpflichtiger Schlafplatz«.

Ein Hotel ohne Concierge ist ein seelenloser Ort, an dem sich fast den ganzen Tag über verwirrte Menschen über nicht dechiffrierbaren Stadtplänen die Lesebrillen sauber reiben, ängstlich auf die unbekannten Straßen einer fremden Stadt schauen und hektisch darüber diskutieren, in welcher überteuerten Touristenfalle man sich denn dieses Mal abends vergiften lassen will. Die Lobby wird zum Ort der tausend Fragen ohne auch nur eine einzige fundierte Antwort, zum Versammlungsplatz der Suchenden ohne jede Idee von einem Ziel, zum letzten Treffpunkt der niemals etwas Findenden. Ein Territorium der grandiosen Orientierungslosigkeit. Alles erinnert an diesen Plätzen ein wenig an Ostern. Keiner findet ein Nest und wenn doch, dann ist es das Falsche.

Ein Hotel lebt von der Freundlichkeit seiner dienstbaren Geister ebenso wie von der gütigen Weisheit seines Direktors, vom Können des Chefkochs, vielleicht auch von der Größe des Zimmers, der Dusche, der Betten, der Fenster oder des immer wichtiger werdenden FlatscreenganzbreitwandXXLFernsehers und wohl bestimmt auch noch von vielem mehr. Sicher. Dies alles genießt der Gast, aber ohne die informierten, allen und jedem geduldig immer den Weg weisenden, gleichzeitig mit sonorer Stimme uns Hotelgäste unterhaltenden und so ganz nebenbei auch noch mit kleinen Handbewegungen den ganzen Fuhrpark des Hotels dirigierenden Wissensverteiler, ohne diese bestens vernetzten Insider, ohne diese profunden Kenner der Stadt da draußen, ohne diese freundlichen und einfach zu jedem Thema des Reisens und Genießens etwas beitragenden Türöffner ist alles andere fast nichts. Ein Hotel ohne Concierge ist kein Hotel.

Der Mann oder durchaus auch die Frau mit dem berühmten goldenen Schlüssel am Revers sind das Herz eines Hotels, machen aus einem Übernachtungsplatz einen Ort mit vielen Ideen, mit Geist und Seele, mit Charme, Atmosphäre und Wissen, das wärmen kann und Mut macht, einer fremden Stadt aufgeschlossen zu begegnen. Ein guter Concierge erkennt schon am Rouge des Makeups einer Frau, nach welcher Art des Dinierens ihr der Sinn steht. Er ist der Hotel-Bauknecht, er weiß, was Frauen wünschen. Er kann Frauen glücklich machen und damit auch ihre Männer. Das Hotel wird also möglicherweise zu einem Ort, an dem die Frau Gemahlin ihrem Gatten zu später Stunde in der Bar lasziv ins Ohr flüstert: »Wenn ich Dich nicht hätte, mein Schatz, ich würde mich doch glatt in diesen charmanten Herrn in der schicken Uniform mit dem Schlüssel am Revers verlieben! Aber jetzt lass uns rauf gehen, ich habe ja Dich.«

Wie schon gesagt, ich kann mir diese mondänen Hotels im Regelfall nicht leisten. Ist aber auch nicht so schlimm. Meine Frau verliebt sich ganz bestimmt nicht in einen Concierge und wenn sie mir in einer Hotelbar etwas ins Ohr flüstert, klingt das eine kleine Nuance anders: „Lass uns rauf gehen, mein Schatz, die Kinder warten bestimmt!“ Da hilft auch kein Concierge. Nicht mal einer mit Erdbeereis.

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Holger Hommel, Jahrgang 1960, hat so ziemlich alle Länder dieser Erde bereist, will aber nicht von sich behaupten, die Welt auch wirklich zu begreifen. Obwohl oder gerade weil er so manches nicht versteht, bricht er mit großer Begeisterung immer wieder auf, lässt sich in fremde Welten fallen und schreibt darüber. Das Reisen ist sein Ecstacy, die Neugier sein Antrieb, das Schreiben seine Sortiertherapie. Vielen gilt er als Asienexperte. Ihn selbst begleiten die Zweifel auch in den Fernen Osten. Seiner Sehnsucht nach dem geliebten Kontinent tut dies allerdings keinen Abbruch. Asien ist seine Leidenschaft. Vergisst ein Schwabe über diese Passion hinweg aber seine Heimat? Nein, im Gegenteil: Hommel nutzt die geographische Distanz sogar zur liebevollen Betrachtung seines Ursprungs, denn nur, wer seine Wurzeln kennt, wird auch die Quellen anderer Kulturen entdecken.

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