Das Phantom vom Hungry Hill

Das Phantom vom Hungry Hill

Im Norden von British Columbia, im Tal um den Hungry Hill zwischen Houston und Smithers, gab es schon immer Grizzlys. Somit waren dort auch Tiere, die von den Grizzlys gerissen wurden, nichts Besonderes.

Dies änderte sich jedoch eines Morgens im Sommer 1998, als die Rangerin Maxine Bell ihre Herde überprüfte und das zerfetzte Gerippe eines Rindes fand, das zu Lebzeiten über 680 kg wog. Ein Grizzly hatte den Kopf des Tieres mit seinen mächtigen Pfoten einfach eingedrückt.

Völlig geschockt von dem grauenvollen Fund und dem augenscheinlich bösartigen umherstreifenden Bären informierte sie die Behörden und die Beamten für Tierschutz, Kevin Nixon und Brad Lacey.

Für die beiden Beamten war es nicht ungewöhnlich, dass ein Tier von einem Grizzly gerissen wurde. Doch als sie sahen, was das Tier angerichtet hatte, wurde Nixon und Lacey klar, dass ihnen dieser Grizzly einige Probleme bereiten würde.

Sie überlegten, das Tier einfach zu fangen und weit entfernt wieder auszusetzen – eine übliche Vorgehensweise, wenn Bären den Menschen zu nahe kommen. Doch gleichzeitig waren sie sich auch ziemlich sicher, dass es diesen Grizzly sicher nicht davon abhalten würde, wieder zurückkommen.

Trotzdem wollten sie versuchen, das Tier erst einmal einzufangen. Nixon erinnerte sich in diesem Zusammenhang an eine Grizzly-Bärin mit zwei Jungen, die bereits 1988 die Gegend terrorisierte und war sich nach dem aktuellen Vorfall sicher, dass dieses Gemetzel einem dieser Jungen zugeschrieben werden konnte.

Der »Phantomgrizzly«

Mit allen herkömmlichen Fallen gelang es ihnen allerdings nicht, den Bären einzufangen. Die vergeblichen Versuche verliehen dem Bären den Ruf eines »Phantomgrizzlys«. Nach Monaten der Enttäuschung waren Lacey und Nixon so frustriert, dass sie eine neue Fallen-Taktik  ausprobieren wollten.

Der Grizzly wurde von mehreren Kadavern in eine Konstruktion mit einem schmalen Eingang gelockt. Ausgerüstet war diese Konstruktion mit drei Bärenfallen.

Als die Beamten am nächsten Morgen die Falle inspizierten, befand sich jedoch kein Bär darin – die Kadaver waren allerdings verschwunden. Der Bär hatte sich seitlich einen Eingang zum Futter verschafft und beim Wegschleifen der Kadaver sogar einen Teil der Fallen entschärft.

In der folgenden Nacht legten sich die Ranger in der Gegend auf die Lauer, wo sie die Höhle des Bären vermuteten. Dabei machten aber eine ominöse Entdeckung: Sie folgten einem hungrigen Jungochsen in den Bereich der Höhle, wo der Bär Vertiefungen ausgekratzt hatte. Es stank bestialisch nach verwesendem Fleisch, überall waren Knochen und die Überreste der als vermisst gemeldeten Rinder zu sehen, die wahrscheinlich den Jungochsen angelockt hatten. Beim Anblick dieses Friedhofs war den Rangern klar, dass eine solche Bestie nicht einfach zu fangen ist. Sicherheitshalber brachen sie ihre Observation ab.

Grizzlys

Grizzlys in freier Wildbahn | © Helga Walter

Nachdem sie den Schock der Nacht überwunden hatten, geschah etwas vollkommen Unerwartetes: Das Morden hörte von heute auf morgen auf und die Gefahr schien gebannt. Hatte der Grizzly das Revier verlassen?

Erst im Frühling 2000 wurden auf einer Ranch frische Grizzly-Spuren im Schnee entdeckt. Nixon und Lacey folgten der Fährte in der Hoffnung, den Bär nun ausfindig machen zu können, doch sie verloren seine Spur.

Daraufhin erwarben sie eine eines natürlichen Todes gestorbene Kuh, die quasi als »Lockvogel« die Bestie anlocken sollte. An einem Apriltag schien es, dass endlich ihre Gebete erhört wurden, denn es wurde ein sehr schwerer Bär gefangen und getötet. Man vermaß das Tier und war sicher, dass das Phantom nun getötet sei. Doch zwei Wochen später ging das Telefon und es war wieder Maxine Bell, die von totem Vieh berichtete. Das Phantom war also quicklebendig und weiter auf der Jagd.

In der Falle

Es verging wieder ein Jahr der Frustration, bis im Oktober 2001 ein Anrufer berichtete, dass ein riesiger Grizzly in einer Falle auf Bells Ranch gefangen wurde.

Keine Stunde später waren Nixon und Lacey vor Ort. Nun mussten sie zuerst über ihre Taktik nachdenken, denn schon vor Erreichen der Falle hörten sie das Brüllen des kämpfenden Tieres, das nicht ohne weiteres bereit war, sich endgültig seinem Schicksal hinzugeben.

Während die Männer noch diskutierten, wie sie das gefangene Tier überwältigen konnten, hörten sie plötzlich ein metallisches Klingen, ein Moment der Stille trat ein, der Bär stolperte und … er hatte sich befreit. Der Grizzly realisierte sehr schnell seine wiedergewonnene Freiheit und machte sich aus dem Staub: Allerdings – direkt in Richtung der beiden Männer.

Nun war keine Zeit mehr zu verlieren, die Ranger reagierten instinktiv, schulterten ihre Gewehre, Nixon schoss. Wasser spritzte, als der Bär durch ein Wasserloch lief, und weiter unbeeindruckt auf die Männer zuraste.

Das Herz schlug ihnen bis zum Hals und Nixon versuchte nervös, die Gewehrsicherung ein weiteres Mal zu lösen. Ein ohrenbetäubender Krach ertönte, als die beiden Männer auf den Bär feuerten. Laceys Schuss zertrümmerte die Wirbelsäule des Phantoms und Nixons Schuss traf den Kopf des Grizzlys. Das Tier brach zusammen und die Männer waren sich sicher, das Phantom nun endlich erlegt zu haben.

Später – die Männer saßen in der Küche auf der Bell Ranch – hielten sie zitternd ihre Kaffeetassen in Händen und schlagartig wurde ihnen bewusst, in welch prekärer Situation sie sich befanden, als der Bär auf sie zukam ….

Das erlegte Tier wog 460 kg. Ob es sich aber bei dem erlegten Riesen tatsächlich um das Phantom gehandelt hat – hundertprozentig sicher ist dies bis heute nicht.

Zu »bewundern« ist der nun völlig ungefährliche Phantomgrizzly im Terminal Smithers Airport. Und es sollte allen Reisenden bewusst machen, dass diese höchst gefährlichen Tiere tatsächlich in den Wäldern – und nicht nur dort – unterwegs sind.

Auf der Homepage des Flughafens kann man ein Bild das ausgestopten Phantom-Grizzlys bewundern:

www.smithers.ca/airport/admin/airport-display-information

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Die Autoren Helga und Arnold Walter blicken auf eine langjährige Kanadaerfahrung zurück und bereisen jährlich vor allem den Westen des Landes. Auf ihren zahlreichen Touren durch die Provinzen Alberta, British Columbia, Yukon und Alaska haben sie über Jahre Informationen gesammelt, die sie in ihren Routenreiseführern weitergeben. Ziel ihrer Arbeit sind praxisnahe Reiseführer, die außergewöhnliche Reiseerlebnisse mit einer unverwechselbaren persönlichen Note verbinden.

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