Amor in Knoblauchsoße – wer isst denn sowas?

Amor in Knoblauchsoße – wer isst denn sowas?

»Igitt, schleimig!«, ist die wohl häufigste Reaktion außerhalb Frankreichs auf den Vorschlag, Schnecken zu essen. Oder wie es Julia Roberts in Pretty Woman formulierte: »Schlüpfrige Scheißerchen!« Oft vermischen sich ja über die Jahrhunderte die kulinarischen Gepflogenheiten von Völkern, die dicht beieinander leben. Doch während die grundehrliche Boulette direkt eingemeindet wurde, ist diese Spezialität unseres Nachbarlandes bei uns an einer Mauer aus Knödel, Kassler und Kohlroulade abgeprallt.

In Frankreich hingegen ist sie Teil der berühmten Haute Cuisine und damit des nationalen Kulturerbes. 2008 schickte Präsident Nicolas Sarkozy auf Initiative einiger französischer Sterneköche sogar eine Bewerbung an die UNESCO, um sie offiziell zum Weltkulturerbe erheben zu lassen. Allerdings bislang ohne Erfolg.

Ein kleiner Happs mit gummiartig-federnder Konsitenz

Schleimig sind die Schnecken zwar nicht mehr, wenn sie serviert werden. Der kleine Happs, den man mit einer zweizinkigen Gabel aus dem Gehäuse pult, welches man mit einem weiteren Spezialwerkzeug festhält, hat eher eine gummiartig-federnde Konsistenz.

Und eigentlich keinen Geschmack. Das fällt nur deshalb nicht auf, weil die Schnecken üblicherweise mit reichlich Knoblauch-Kräuterbutter zubereitet wurden. Bleibt aber die Frage: Muss man das essen?

Ein bisschen mühsam ist es ja schon: Sechs oder auch zwölf Kriechtiere, die typische Serviergröße, regen gerade mal den Appetit auf den ersten Hauptgang an. Die auf dem französischen Speisezettel stehende Weinbergschnecke und ihre Verwandten wiegen schließlich nur sieben bis 45 Gramm. Inklusive Gehäuse und Eingeweiden, die man nun wirklich nicht mitessen will.

Wahrscheinlich ist das aber etwas, was nur Nicht-Franzosen merkwürdig vorkommt. Schließlich hat sich in unserem Nachbarland eine Nationalküche entwickelt, die weltweit gefeiert, kopiert und als Inspiration genutzt wird. Vielleicht hatten sich irgendwann einmal ein paar betrunkene Köche einen Scherz erlaubt. Den ganzen Tag nur Gott in Frankreich spielen, wird ja irgendwann langweilig. Und dann wurde daraus doch wieder eine Gourmetspeise. Merde!

Für den großen Hunger: Afrikanische Riesenschnecken

Ganz anders in Afrika: Dort leben die größten Schnecken der Erde, die bis zu 1,5 Kilogramm schwer werden. Dass man da auf die Idee kommt, sie in den Kochtopf zu werfen, ist nicht weiter verwunderlich. Zumal sie eine viel leichtere Beute sind als Antilope oder Krokodil.

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Treffer: Hier hat der Liebespfeil bereits sein Ziel gefunden | © Eynar

Um die 40.000 Tonnen Schnecken werden pro Jahr in Frankreich verzehrt. Klar, dass die sich nicht einfach so in französischen Weinbergen sammeln lassen. Und das ist genau das Problem. Schon mal von Massenschneckenhaltung gehört? Klingt lustig, gibt’s aber tatsächlich und bei 100 Tieren pro Quadratmeter Fläche wird es dann wirklich schleimig.

In Sizilien werden die Schnecken übrigens gerade wegen ihres »Sirups« gegessen, und zwar roh – er gilt als Medizin bei Magenkrankheiten.

Aber wer sagt denn, dass Schnecken immer »bäh!« sein müssen? Im Herzen jedes Romantikers sollten sie sogar einen mit Rosen geschmückten Ehrenplatz bekommen. Denn Amor, der Liebesgott, war eine Schnecke! Im Ernst!

Das lässt sich heute sogar noch überprüfen: Während ihres Balzrituals schießen Landschnecken nämlich dem Objekt ihrer Begierde einen Pfeil in den Fuß und machen es sich so gefügig. Diese scharfen, je nach Spezies bis zu drei Zentimeter langen Liebespfeile bilden die zwittrigen Kriechtiere in ihren weiblichen Genitalien. .

Was? Sie haben noch nie Schnecken beim Balzen beobachtet? Na dann beeilen Sie sich, bevor unsere Nachbarn die letzten Exemplare weggefuttert haben!

Mehr über die Bedeutung des Liebespfeils für das Balzritual der Landschnecken finden Sie hier: de.wikipedia.org/wiki/Liebespfeil

Nachschlag gefällig? Diese und 98 weitere Gerichte, die Sie (lieber nicht) probieren sollten, finden Sie in Julia Schoons etwas anderem Spezialitätenführer: »Delikatessen weltweit – 99 Spezialitäten, die Sie (lieber nicht) probieren sollten«

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Julia Schoon wurde in Berlin geboren, der Heimat zweifelhafter Spezialitäten wie Mampe Kräuterlikör, Currywurst und Futschi (heißt so, wie man sich am Tag nach dem Genuss dieses Mixgetränks fühlt). Aufgewachsen an der Nordsee und in Baden-Württemberg, hat sie auch mehrere Monate in den USA, in Spanien, Neuseeland und Kanada verbracht. Die Absolventin der Burda Journalistenschule lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin, doch sooft sie kann, packt sie ihren Rucksack, um sich die Welt anzuschauen.