Wenn das Essen schöne Augen macht: Fischaugen

Wenn das Essen schöne Augen macht: Fischaugen

In China ist es üblich, dass der Gastgeber im Restaurant für alle bestellt. Die Platten und Schüsseln stehen dann in der Mitte und jeder am Tisch nimmt sich davon auf seinen Teller, was er mag. Mit einer Ausnahme: Die Augen des Fisches, der je nach Landesteil gedämpft, gekocht oder gebraten und unterschiedlich gewürzt wird, sind dem Ehrengast vorbehalten.

Der oder die Glückliche ist leicht dadurch zu identifizieren, dass der Kopf des Fisches (zumindest zu Beginn, wenn die Speisen aufgetragen werden) in seine oder ihre Richtung zeigt. Spätestens wenn am Ende des Mahls – oder das, was der Uneingeweihte für das Ende hält – die Augen noch unangerührt sind, wird der Ehrengast auf den besonderen Leckerbissen hingewiesen werden.

Wenn man lange ins Essen schaut …

Es kann aber auch passieren, dass ihm bereits während des Essens als besonderes Zeichen der Wertschätzung immer wieder ausgewählte Happen in die Schüssel gelegt werden. Ehe man sich’s versieht, starrt das Essen zurück.

Ähnliches passiert im privaten Rahmen. Wenn die Familie unter sich ist, überlässt oft die Mutter ihren Kindern die Augen, schließlich, so die weit verbreitete Überzeugung, sind diese gut für die Sehkraft. Oder aber sie bestehen darauf, dass die geliebte Oma das »Filetstück« erhält.

Wenn vor allem Gleichaltrige am Tisch sind, wird die Sache auch schon mal mit einer Runde Schnick-Schnack-Schnuck entschieden. Schließlich geht es hier um wertvolle Omega-3-Fettsäuren und zumindest die Hoffnung, so schnell keine Brille oder Kontaktlinsen tragen zu müssen.

Wenn der Fisch im Ganzen zubereitet und aufgetischt wird, hat er meist überschaubare Dimensionen und seine Augen sind nicht größer als Erbsen. Nur dass sie vom Garen milchig geworden sind, so wie man es von Zombies aus schlechten Filmen kennt.

großaugen_klein

Der Großaugen-Thun hat Glubscher für den großen Hunger | © Allen Shimada

Eine ganz andere Nummer sind die Thunfischaugen, die in chinesischen und japanischen Supermärkten verkauft werden, schön einzeln auf einem Styroportablett und unter Zellophan abgepackt, so wie bei uns Fleisch oder exotisches Gemüse in der Selbstbedienungstheke. So ein Thunfisch kann mehrere Meter lang werden und seine Glubscher haben einen entsprechenden Durchmesser.

Verkauft werden sie mitsamt dem umgebenden Bindegewebe, Fett, Muskeln und sonstigem Gedöns, was an der Hinterseite heraushängt, wodurch die Portion etwa handtellergroß wird und aussieht wie ein hässliches Alien. Oder ein Teil davon.

Gartipps für Glubscher

Geschmacklich soll es aber gar nicht schlecht sein und leicht zuzubereiten noch dazu: Der ganze Gucker wird gekocht und nach Geschmack gewürzt (zum Beispiel mit Essig, Sojasoße, Zwiebeln, Ingwer) und soll vom Kaugefühl an Tintenfisch erinnern.

Kleinere Augen schluckt man im Ganzen, nachdem man die Hornhaut entfernt hat. Damit es überhaupt nach etwas schmeckt, sollte man sie kurz im Mund behalten und lutschen – eine begeisterte Verkosterin beschrieb den dabei austretenden Saft als köstlich fettig, wie ausgelassener Markknochen, nur mit Fischaroma. Weniger Sensible schnappen sich den gesamten Fischkopf und saugen die Augen direkt aus den Höhlen, was wie geräuschvolles Knutschen und Schlürfen klingt und den anderen am Tisch weder akustisch noch optisch unbedingt Appetit machen dürfte.

Auch bei uns gibt es Gerichte, bei denen uns die Augen praktisch auf dem Präsentierteller serviert werden, man denke nur an Forelle blau oder Müllerinnen Art. Wenn sich also das nächste Mal mehr als zwei Esser um die Bäckchen streiten, haben Sie noch ein Ass im Ärmel: Der Ehrengast (oder alternativ: Jüngste oder Älteste am Tisch) bekommt das milchig Weiße, was am Fischkopf direkt darüber sitzt.

Nachschlag gefällig? Diese und 98 weitere Gerichte, die Sie (lieber nicht) probieren sollten, finden Sie in Julia Schoons etwas anderem Spezialitätenführer: »Delikatessen weltweit – 99 Spezialitäten, die Sie (lieber nicht) probieren sollten«

Nächster Artikel:
Vorheriger Artikel:
Dieser Artikel wurde geschrieben von

Julia Schoon wurde in Berlin geboren, der Heimat zweifelhafter Spezialitäten wie Mampe Kräuterlikör, Currywurst und Futschi (heißt so, wie man sich am Tag nach dem Genuss dieses Mixgetränks fühlt). Aufgewachsen an der Nordsee und in Baden-Württemberg, hat sie auch mehrere Monate in den USA, in Spanien, Neuseeland und Kanada verbracht. Die Absolventin der Burda Journalistenschule lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin, doch sooft sie kann, packt sie ihren Rucksack, um sich die Welt anzuschauen.