Winke-winke vom Teller: Horrorhühner

Winke-winke vom Teller: Horrorhühner

Solange die Haxen noch unten am Huhn dran sind, ist ihre Beschaffenheit eher als hornig zu bezeichnen. Fußbäder und Pediküre, die bei unsereins das Hautbild verbessern, haben sich noch nicht auf dem Hühnerhof durchsetzen können. Wer einmal das gackernde Federvieh dabei beobachtet hat, wie es auf seinen mageren, nackten Stelzen durch den Mist stakst, wird sich unweigerlich fragen: Kann man Hühnerfüße wirklich essen? Wird einem die südostasiatische Delikatesse dann serviert, lautet die Frage eher: Will man das essen?

Wie Zombiehände sehen die unteren Extremitäten plötzlich aus, die jemand abgehackt und auf dem Teller gestapelt hat. Allerdings haben sie nur vier Finger, wie die Simpsons. Je nach Zubereitungsart sind sie goldgelb bis dunkelbraun oder auch schneeweiß – und gar nicht mehr dürr wie Stöckchen, sondern eher wie aufgeblasene Handschuhe. Oder wie selbst geschabte Spätzle, die zu lange im Wasser gelegen haben … und die mit mikrofeinen Noppen besetzt sind. Obwohl die meisten Köche vor der Zubereitung die Fußnägel stutzen, haben die Hühnerfüße eine grässliche Ähnlichkeit mit Händen. Bevor man den ersten Bissen probieren kann (falls man immer noch dazu entschlossen sein sollte), muss man irgendwie diese Bilder aus dem Kopf bekommen.

© Volker Häring

© Volker Häring | Bereit für Bratpfanne oder Friteuse: Hühnerfüße in einer Laden-Auslage in China

Zwischen den USA und China hat sich in den letzten Jahren ein interessanter Hühner-Handel entwickelt: Weil Amerikaner bevorzugt das weiße Brustfleisch essen, werden die Tiere in den USA oben herum auf Pamela-Anderson-Maße gezüchtet. Wegen des Ungleichgewichts entwickelt das Federvieh allerdings auch überdimensionale Füße. Lange Zeit wanderten diese nach dem Schlachten einfach in den Müll, mittlerweile exportiert man die XXL-Haxen für gutes Geld in die Volksrepublik.

In Asien werden sie dann entweder frittiert zum Knabbern oder als Appetizer angeboten. Es gibt sie sogar als abgepackten Snack, wie hierzulande Salzstangen. Oder sie werden als Tellergericht zubereitet. Chinesische Köche braten die (manchmal zunächst marinierten) Füße erst scharf an und lassen sie dann in einem z. B. mit Ingwer, Knoblauch, Anis, Szechuanpfeffer, Nelken, Cassia-Rinde, Orangenschale, Reiswein und Sojasoße fein abgeschmeckten Sud mehrere Stunden köcheln, bis sie butterzart sind. Obwohl nicht viel an ihnen dran ist, enthalten die Hühnerhaxen viel Collagen und Calcium, sollen gut gegen Bluthochdruck sein und bei Beinschmerzen helfen.

Wer die Bilder im Kopf noch nicht so ganz unter Kontrolle hat, kann die Haut mit Messer und Gabel ablösen (Knorpel und Sehnen bleiben bei dieser Methode auf dem Teller zurück) und sie in kleinen Happen essen. Fortgeschrittene stecken sich die Füße einfach mit den Fingern in den Mund und zuzeln geräuschvoll die Haut ab. Beim Herausziehen sind nur dann noch die Knöchelchen übrig.

So können Sie es nacherleben:
Davon, dass es besser schmeckt als es aussieht, kann man sich auch in Deutschland überzeugen.
z.B. im Restaurant Good Friends
Kantstr. 30
10623 Berlin
Tel. 030 / 31 32 659
www.goodfriends-berlin.de
geöffnet täglich 12–1 Uhr

oder in Tangs Kantine
Dieffenbachstr. 18
10967 Berlin
Tel. 030 / 69 81 46 58
www.tangs-kantine.de
geöffnet täglich 11:30–23 Uhr

In Hamburg ist das Man Wah ein guter Tipp:
Spielbudenplatz 18 (Reeperbahn)
20359 Hamburg
Tel. 040 / 319 25 11
geöffnet täglich 12–3 Uhr

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Julia Schoon wurde in Berlin geboren, der Heimat zweifelhafter Spezialitäten wie Mampe Kräuterlikör, Currywurst und Futschi (heißt so, wie man sich am Tag nach dem Genuss dieses Mixgetränks fühlt). Aufgewachsen an der Nordsee und in Baden-Württemberg, hat sie auch mehrere Monate in den USA, in Spanien, Neuseeland und Kanada verbracht. Die Absolventin der Burda Journalistenschule lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin, doch sooft sie kann, packt sie ihren Rucksack, um sich die Welt anzuschauen.

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