Wie die Made im Busch: proteinhaltige Lebensretter

Wie die Made im Busch: proteinhaltige Lebensretter

Für Australiens Aborigines sind sie wichtige Eiweißlieferanten in der kargen Outback-Diät: fette, fingerlange Maden, die in den Wurzeln des Witchetty-Busches leben (von dem sie auch ihren Namen haben). Das Gleiche gilt für Papua-Neuguinea, Indonesien, Malaysia und andere südostasiatische Länder, in denen die Sagopalme heimisch ist, denn darin wachsen adipöse, zwei bis drei Zentimeter große Maden zu Rüsselkäfern heran. Und auch die neuseeländischen Maori haben die Nachkommen eines Sechsbeiners auf ihrem Speisezettel. Das von Meer umgebene und Flüssen durchzogene fruchtbare Land bietet zwar eigentlich reichlich Nahrung, aber tief im Busch kann so ein Madenragout durchaus Leben retten. Wie sagte Crocodile Dundee so schön: »Kann man essen, aber schmeckt beschissen.«

Verzehrtipps

© Charlotte Simmonds

Noch zu jung für die Maori-Küche: Zwei »Huhu Grubs« nagen sich durch eine Kiefer | © Charlotte Simmonds

Wie nimmt man nun so einen Proteinshake zu sich, wenn er noch gar nicht gemixt ist? Ganz einfach: In den Mund damit, kräftig kauen, schlucken. Den Kopf, der wie ein brauner Knopf an einem Ende sitzt, sollte man allerdings eher nicht mitessen. Erstens knurpst er ziemlich zwischen den Zähnen und zweitens kann es passieren, dass die Made schneller ist mit dem Zubeißen. Da die Viecher sich den lieben langen Tag durch Baumstämme nagen, kann man sich leicht vorstellen, was so ein Kauwerkzeug mit unseren zarten Schleimhäuten anstellen kann. Nein, diese Variante ist nur etwas für Veteranen mit Hornhaut auf der Zunge. Und man sollte schön den Mund zu lassen, denn beim Kauen auf dem weichen Madenkörper spritzt sein Inneres gern in hohem Bogen heraus. Wie nah Farbe und Aggregatzustand dem Inhalt eines ausgereiften Pickels kommen, möchte man nicht unbedingt genau wissen.

Werden die Maden hingegen gebraten, wobei die Flüssigkeit in ihrem Inneren austritt und für eine Knusperkruste sorgt, sieht die Sache schon anders aus. Auch für Menschen, die nicht im Busch aufgewachsen sind, könnte das machbar sein. Vielleicht mit ein bisschen psychologischer Überlistung: Im Grunde genommen haben die Tiere ja große Ähnlichkeit mit Shrimps. Farblich zwar nicht ganz so hübsch, aber dafür muss man auch nicht erst mühsam Beine und Panzer abpulen. Ihr Geschmack hängt vor allem davon ab, welches Holz die Made gerade genagt hat. Die Maori mögen ihre Huhu Grubs am liebsten, wenn sie sich in ihrer zweiten Lebensphase befinden, in der sie nicht mehr fressen und mit dem Verpuppen beginnen.

Vom Lebensretter zur Delikatesse

Nachdem Sago-, Witchetty- und Huhu-Made jahrhundertelang ein überlebensnotwendiges Lebensmittel waren, beginnen nun die ersten Restaurantchefs, sie aus ihrem kulinarischen Nischendasein zu befreien. Maori-Koch Charles Royal etwa arbeitet in seiner Küche mit verschiedenen Zutaten, die er wie einst seine Vorfahren im Busch sammelt; die Maden backt er beispielsweise in ein Kräuterbrot mit Farnspitzen ein. Seine geführten Busch-Wanderungen mit anschließender Kochsession erfreuen sich bei Neuseeland-Touristen wachsender Beliebtheit.

Vielleicht können die derart Horizonterweiterten dazu beitragen, ein dringendes Problem in ihren Heimatländern zu lösen. Der Sagowurm wurde nämlich, wenn auch unabsichtlich, von Südostasien in die ganze Welt exportiert. Während die gefräßigen Tiere im Dschungel die Stümpfe gefällter Sago-Palmen zernagen können, die die nachhaltig lebenden Ureinwohner dort extra zu diesem Zweck stehen lassen, finden sie in europäischen oder amerikanischen Kulturlandschaften vor allem lebende Bäume.

Und so ist der Rüsselkäfer mit seiner Brut zu einem verhassten Schädling geworden, der Palme um Palme den Garaus macht. Was aber wäre, wenn die Made auch hierzulande plötzlich zur Delikatesse würde? Damit könnten wir die Welt gleich doppelt retten: Bäume schützen und unseren Proteinbedarf nicht mehr mit Fleisch decken, das von Tieren stammt, die vorne und hinten klimafeindliches Methangas absondern.

Wer nun denkt, »Igitt, sowas kann man doch nicht essen«: Huhu Grubs gibt es auch als Cocktail.

Nachschlag gefällig? Diese und 98 weitere Gerichte, die Sie (lieber nicht) probieren sollten, finden Sie in Julia Schoons etwas anderem Spezialitätenführer: »Delikatessen weltweit – 99 Spezialitäten, die Sie (lieber nicht) probieren sollten«

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Julia Schoon wurde in Berlin geboren, der Heimat zweifelhafter Spezialitäten wie Mampe Kräuterlikör, Currywurst und Futschi (heißt so, wie man sich am Tag nach dem Genuss dieses Mixgetränks fühlt). Aufgewachsen an der Nordsee und in Baden-Württemberg, hat sie auch mehrere Monate in den USA, in Spanien, Neuseeland und Kanada verbracht. Die Absolventin der Burda Journalistenschule lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin, doch sooft sie kann, packt sie ihren Rucksack, um sich die Welt anzuschauen.