Wildes aus dem Westen: Stierhoden

Wildes aus dem Westen: Stierhoden

Der Name Prairie Oysters könnte einen schon stutzig machen: Austern aus der Prärie? Hunderte von Meilen entfernt vom nächsten Ozean? Trotzdem soll es schon vorgekommen sein, dass jemand Prärie-Austern »auf der halben Schale serviert« bestellt hat. Ob der Kellner die Contenance bewahrt hat, ist leider nicht überliefert. Der Gast hat nämlich unwissend Stierhoden geordert.

Die Spezialität wird heute noch in jenen Bundesstaaten und Provinzen der USA und Kanadas zubereitet, die früher als »der Wilde Westen« galten und in denen es bis heute große Farmen gibt und echte Kerle, die in ihrer Freizeit gerne auf bockenden Pferden Rodeo reiten.

Über die genaue Entstehungsgeschichte ist man sich allerdings uneins. Vielleicht dachten die Cowboys einfach praktisch: Warum Fleisch wegwerfen, das essbar ist? Denn jedes Jahr, wenn sie die jungen Bullen kastrieren, die später einmal zu Steak und Burger verarbeitet werden sollen, fallen Stierhoden en masse an.

Vielleicht stand am Anfang dessen, was heute zur Tradition geworden ist, auch rauer Männerhumor: Wer zuletzt mit seinen Jungbullen fertig ist, muss probieren, oder so ähnlich.

Testical Festival

Draußen, in der Prärie, wo es ums Sattwerden geht, wirft man die etwa Tennisball großen Organe einfach in die Glut, bis sie aufplatzen, und zieht vor dem Reinbeißen die äußere Haut ab. Die etwas feinere Zubereitungsart: Man legt sie zunächst in Salzwasser, häutet sie dann und schneidet sie klein, bevor man sie brät, frittiert, paniert, kocht.

Inzwischen gibt es auch Restaurants, die Western Cuisine anbieten und deren Küchenchefs sich alle Mühe geben, die Kronjuwelen der Bullen (manchmal auch Büffel) als Delikatesse zu präsentieren.

Das Buzzards Restaurant in Calgary etwa feiert jedes Jahr im Juli, wenn in der Stadt das größte Rodeo der Welt stattfindet, sein Testical Festival: »Garantiert unbenutzte« Stierhoden werden dort beispielsweise in feine Scheiben geschnitten und mit kandierten gehackten Walnüssen, Erdbeeren, Maisküchlein und einer Rum-Butter-Soße angerichtet. Das Ganze nennt sich augenzwinkernd »Crushed Nuts«.

stierhoden

© Vincent Diamante

Prairie Oyster Fritters

Wer lieber nicht so genau wissen will, was er da isst, bestellt Prairie Oyster Fritters: Hier versteckt sich die Spezialität in einem Teig aus Maismehl und Buttermilch, der frittiert und mit Ahornsirup-Whiskey-Soße serviert wird.

Die Konsistenz ist übrigens kein bisschen glibberig, wie es »Prärie-Auster« oder »Cowboy-Kaviar« suggeriert, sondern eher bissfest. Und der Geschmack? So dezent nach Fleisch, dass man ihn kaum wahrnimmt – wenn man sie nicht gerade »ohne alles« isst.

Eine ähnliche Tradition gibt es übrigens auch in Torero-Kreisen in Spanien, Mittel- und Südamerika: Nachdem die Stiere in der Arena gekämpft haben, werden ihre Weichteile verspeist. Olé! Oder um es mit dem Souvenir-T-Shirt zu sagen, das im Buzzards verkauft wird: »I went nuts!«

So können Sie es nacherleben:

Jedes Jahr findet in Calgary für zehn Tage im Juli die Stampede statt, das größte Rodeo der Welt, und zeitgleich im Buzzards Restaurant das Testical Festival. Neben verschiedenerlei zubereiteten Prärieaustern stehen auf der Karte auch ausgezeichnete Bisonburger und 80 Biersorten.

Buzzards Restaurant and Bar
140, 10th Avenue SW
Calgary, Alberta, Kanada.
Tel. +1 403 26 46 959
http://cowboycuisine.com.
Geöffnet Montag bis Samstag 11–2 Uhr, Sonntag ab 16 Uhr.

Es gibt auch eine (sogar preisgekrönte) kanadische Countryband mit dem Namen »Praerie Oyster«. de.wikipedia.org/wiki/Prairie_Oyster

Nachschlag gefällig? Diese und 98 weitere Gerichte, die Sie (lieber nicht) probieren sollten, finden Sie in Julia Schoons etwas anderem Spezialitätenführer: »Delikatessen weltweit – 99 Spezialitäten, die Sie (lieber nicht) probieren sollten«

Nächster Artikel:
Vorheriger Artikel:
Dieser Artikel wurde geschrieben von

Julia Schoon wurde in Berlin geboren, der Heimat zweifelhafter Spezialitäten wie Mampe Kräuterlikör, Currywurst und Futschi (heißt so, wie man sich am Tag nach dem Genuss dieses Mixgetränks fühlt). Aufgewachsen an der Nordsee und in Baden-Württemberg, hat sie auch mehrere Monate in den USA, in Spanien, Neuseeland und Kanada verbracht. Die Absolventin der Burda Journalistenschule lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin, doch sooft sie kann, packt sie ihren Rucksack, um sich die Welt anzuschauen.