Da ist doch was faul: Tausendjährige Eier

Da ist doch was faul: Tausendjährige Eier

Alle Anzeichen scheinen darauf hinzudeuten, dass mit diesem Ei etwas nicht stimmt. Die Schale lässt sich nicht wie gewohnt aufschlagen und pellen, sondern ist robuster, irgendwie ledrig. Das Innere überrascht dann mit einer bernsteinfarbenen, gold-braunen Farbe und einer Konsistenz von Wackelpudding, manchmal ist das Eiweiß auch zu Eischwarz geworden. Und darin wiederum befindet sich eine olivgrüne, cremige Paste.

Wer bis jetzt noch überlegt hat, ob es sich um das Ei eines unbekannten Tieres handeln könnte, ändert spätestens dann seine Meinung, wenn ihm der typische Geruch nach Ammoniak und Sulphur in die Nase steigt.

»Das riecht nach verfaultem Ei«, ein gerne bemühter Vergleich für üble, aber nicht näher lokalisierbare Gerüche, trifft es ausnahmsweise einmal ziemlich genau. Nur dass das Ei gar nicht verfault ist: Es wurde auf eine spezielle Art und Weise haltbar gemacht, erfunden in einer Zeit, als es noch keine Kühlschränke gab.

Reifeprozess von »Tausendjährigen Eiern«

Tausendjaehrige_Eier

Tausendjährige Eier, appetitlich auf einem Teller angerichtet | © irrational_cat

Tausendjährige Eier heißt diese chinesische Spezialität, deren erste schriftliche Erwähnung auf 1640 datiert, und so sieht sie auch aus. Ummantelt von einer Kruste aus Kalk und Holzasche, Anis, Szechuanpfeffer, Teeblättern, Piniennadeln, Fenchelkörnern und sehr viel Salz reift das Ei (meist von der Ente, manchmal auch vom Huhn oder von der Wachtel) aber nur ein paar Wochen bis maximal drei Jahre.

Was allerdings immer noch definitiv älter ist als ein Ei nach unserer Vorstellung jemals werden sollte. In dieser Zeit löst die schlammige Zweitschale chemische Prozesse aus, die den pH-Wert im Inneren auf bis zu 12 anheben, die ins Faulige changierende Farbe und den dazu passenden Geruch verursachen.

Wie so oft, gibt es auch hier hunderte von Rezepturen und Gewürzmischungen, die jeder Hersteller, ob Hausfrau oder Fabrikant, wie ein Staatsgeheimnis hütet. Leider ist keine darunter, deren Resultat nicht nach Blähungen im Endstadium riecht.

Der Geschmack unterscheidet sich je nachdem, ob es schließlich einen festen oder halbfesten Dotter hat – letzteres wird als »angenehm und leicht, ohne beißenden Nachgeschmack« beschrieben. Chinesen essen das »Leder-Ei« (so die wörtliche Übersetzung) gerne einfach so, wie es aus der Schale kommt. Es wird aber zum Beispiel auch mit eingelegtem Ingwer, mit kaltem Tofu, mit Sojasoße und Sesamöl oder als Salat angemacht gegessen.

Selbst im Nachbarland Laos und in Thailand, in deren Küchen es nicht unbedingt zimperlich zugeht, wird diese Spezialität »Pferdeurin-Ei« genannt. Hier liegt jedoch eine Verwechslung vor.

Zubereitung von »Frühlingseiern«

In China, genauer gesagt in der Stadt Dongyang, werden tatsächlich Eier in Urin gekocht, allerdings in dem von prä-pubertären Jungs. Sie tragen allerdings den unschuldigen Namen »Frühlingseier« und sehen auch ganz anders aus: Ihr Eiweiß ist lachsfarben, was einen hübschen Kontrast zum satten Gelb des Dotters bildet. Die Zubereitung ist auch sehr viel einfacher: Die Eier werden einige Minuten im Pipisud gekocht, bis das Eiklar geronnen ist, dann bricht man ihre Schale an und lässt sie etwa einen Tag lang weiterköcheln, während man regelmäßig frischen Urin nachgießt. Der Geschmack: frisch und salzig – heißt es.

Warum man das essen sollte? Natürlich weil es total gesund ist, sowohl die Tausendjährigen als auch die Unschuldigen Eier. Davon sind zumindest die älteren Chinesen so überzeugt, dass in den Schulen von Dongyang extra Plastikwannen aufgestellt werden, in die die Kinder zu pinkeln haben. Der Inhalt wird regelmäßig von Eier-Verkäufern abgeholt, aber auch Familien ohne Kind im passenden Alter dürfen sich ihre Portion für den Hausgebrauch abschöpfen. Die chinesische Medizin hat schon wirklich faszinierende Seiten.

Wie Sie selbst Tausendjährige Eier herstellen können, verrät Ihnen dieser Beitrag: www.helpster.de/tausendjaehrige-eier-selber-herstellen-so-geht-s_75403

Nachschlag gefällig? Diese und 98 weitere Gerichte, die Sie (lieber nicht) probieren sollten, finden Sie in Julia Schoons etwas anderem Spezialitätenführer: »Delikatessen weltweit – 99 Spezialitäten, die Sie (lieber nicht) probieren sollten«

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Julia Schoon wurde in Berlin geboren, der Heimat zweifelhafter Spezialitäten wie Mampe Kräuterlikör, Currywurst und Futschi (heißt so, wie man sich am Tag nach dem Genuss dieses Mixgetränks fühlt). Aufgewachsen an der Nordsee und in Baden-Württemberg, hat sie auch mehrere Monate in den USA, in Spanien, Neuseeland und Kanada verbracht. Die Absolventin der Burda Journalistenschule lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin, doch sooft sie kann, packt sie ihren Rucksack, um sich die Welt anzuschauen.