Vorwurfsvolle Blicke auf dem Teller: Whitebait

Vorwurfsvolle Blicke auf dem Teller: Whitebait

Wenn es Frühling wird in Neuseeland und plötzlich überdurchschnittlich viele Leute »wegen Krankheit« bei der Arbeit fehlen, dann ist es wieder so weit: Die Whitebait-Saison hat begonnen! Vor allem an der Westküste der Südinsel ist Whitebaiting ein Volkssport, der mit geradezu religiösem Eifer betrieben wird.

Manch einer zieht dafür mit der ganzen Familie im Campervan an den Fluss. Nur wirklich enge Freunde verraten sich gegenseitig im Flüsterton die besten Fischplätze. Und trotzdem ist es ein Glücksspiel, in welchen Fluss in dieser Saison die Jungfischschwärme von der einsetzenden Flut gespült werden – zu viele unkalkulierbare Faktoren spielen hier mit hinein.

Ein Land im Fischrausch

Ein bisschen erinnert das Ganze an den Goldrausch in dieser Region vor rund 150 Jahren, nur dass die Jagd diesmal silbrig-weiß schimmernden, nahezu durchscheinenden Minifischchen gilt.

Genauer gesagt: Dem Nachwuchs von forellenartigen Süßwasserfischen der Familie Galaxiidae, die es nur in Neuseeland gibt.

Nicht zu verwechseln mit Whitebait in anderen Ländern – in Großbritannien beispielsweise sind damit Sprotten gemeint. Diese Tierchen hier sind viel kleiner, wenn sie aus dem Meer, wo sie geschlüpft sind, zurück in die Flüsse schwimmen, wo sie bereits von den Fischern erwartet werden. Nicht viel länger als drei, vier Zentimeter, haben sie eine gewisse Ähnlichkeit mit zu dick geratenen Glasnudeln und sind selbst für Whitebait-Veteranen nur ein glitzernder Schemen im Wasser.

Beknackte (In-)Aktivität

Die meisten schwingen ihre Kescher daher auf gut Glück durch den Fluss. Oder spannen ihr Netz auf und machen ein Nickerchen. »Whitebaiting ist eine ziemlich beknackte Aktivität«, beschreibt es einer von ihnen. »Es passiert so wenig, dass man es eher als Inaktivität bezeichnen sollte. Das einzig Schnelle sind hier die Fische.«

Ganz genaue Vorschriften, wie, wo und wann gefischt werden darf, sollen den Bestand schützen, schließlich müssen es genügend Jungfische den Fluss hinauf schaffen, um die nächste Generation zur Welt zu bringen.

Die Gefahr droht allerdings inzwischen eher durch Gülle und andere landwirtschaftliche Nebenprodukte, die in die Flüsse gelangen und den Lebensraum zerstören. Die West Coast, hinter der unmittelbar die südlichen Alpen mit ihrem dichten Regenwald aufragen, gilt daher als Neuseelands bestes Whitebaiting-Revier.

Hier gibt es zu Ehren des kleinen Fischs jeden Oktober, kurz vor Saisonende, ein großes Fest, bei dem die Köche der Region mit ihren Rezepten um die Gunst des Publikums wetteifern. Am beliebtesten ist Jahr um Jahr die simple Küchlein-Variante: Whitebait mit ein wenig Ei, einer Prise Mehl, Salz und Pfeffer vermischt und in heißem Öl ausgebacken.

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Whitebait Fritters | © C. Botica 2007

Diese sogenannten »Fritters« haben den großen Vorteil, dass man die Fische darin nicht so gut erkennen kann. Die werden nämlich im Ganzen gegessen und erinnern an überdimensionale Spermien. Allerdings mit Augen, die hier und da vorwurfsvoll aus dem frittierten Teig glotzen.

Beim Fischhändler kostet ein Kilo Whitebait um die 50 Euro. Was ein weiterer Grund dafür ist, warum jeder zweite Kiwi versucht, die glibberigen Biester selbst zu fangen. Und auch wenn die Veteranen ein ziemliches Territorialverhalten bezüglich »ihrer« Stelle am Fluss an den Tag legen – Touristen gegenüber, die auch mal ihr Glück versuchen wollen, sind die meisten nachsichtig.

Aus dem einfachen Grund, weil die ohnehin nichts fangen. Damit die Schmach nicht ganz so groß ist, kann man aber zumindest so tun als ob. Die Fischchen sind nämlich so durchscheinend, dass ein fünf Meter entfernt Stehender unmöglich erkennen kann, ob dem Konkurrenten tatsächlich etwas ins Netz gegangen ist.

So können Sie es nacherleben:

Vom 15. August bis 30. November ist in Neuseeland Whitebait-Saison; an der Westküste der Südinsel, wo die Fischlein am besten sein sollen, allerdings nur vom 1. September bis zum 14. November. In allen Orten entlang der Westküste bekommt man in dieser Zeit in Teig ausgebackenen Whitebait (whitebait fritters) und andere Snacks und Gerichte. Wer selbst sein Glück beim Fischen versuchen möchte, findet auf der Seite des Department of Conservation die genauen Regeln: www.doc.govt.nz (nach »whitebait« suchen; es gibt zwei Broschüren, eine für die Westküste und eine für den Rest des Landes).

Nachschlag gefällig? Diese und 98 weitere Gerichte, die Sie (lieber nicht) probieren sollten, finden Sie in Julia Schoons etwas anderem Spezialitätenführer: »Delikatessen weltweit – 99 Spezialitäten, die Sie (lieber nicht) probieren sollten«

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Julia Schoon wurde in Berlin geboren, der Heimat zweifelhafter Spezialitäten wie Mampe Kräuterlikör, Currywurst und Futschi (heißt so, wie man sich am Tag nach dem Genuss dieses Mixgetränks fühlt). Aufgewachsen an der Nordsee und in Baden-Württemberg, hat sie auch mehrere Monate in den USA, in Spanien, Neuseeland und Kanada verbracht. Die Absolventin der Burda Journalistenschule lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin, doch sooft sie kann, packt sie ihren Rucksack, um sich die Welt anzuschauen.