Deutsch-Koreanische Zwiegespräche | Heute: Privatsphäre

Deutsch-Koreanische Zwiegespräche | Heute: Privatsphäre

Nacht. U-Bahn.

Es ist viel zu früh am Morgen. Bielle und Dennis sitzen in der U-Bahn von Seoul zum Incheon International Airport. Nach einem längeren Aufenthalt in Korea fliegen die beiden wieder nach Deutschland. Die Fahrt zum Flughafen dauert etwa eine Stunde. Zeit für ihr Lieblingsthema: Die alltäglichen Unterschiede zwischen der koreanischen und deutschen Kultur.

DENNIS »Den größten Unterschied stellt für mich das Fehlen von Privatsphäre dar. Als wir bei deiner Familie gewohnt haben, gab es für mich fast nie die Möglichkeit mich zurück zuziehen. Außerdem finde ich es eigenartig, dass sich Deine Mutter um alles kümmern wollte. Wenn ich zum Beispiel gehustet habe, dann ist sie direkt mit einem Gesundheitstee im Zimmer aufgetaucht. Das war alles ganz schön gewöhnungsbedürftig. Erst in den letzten Tagen ist mir aufgefallen, dass ich das vermissen werde. Irgendwie jedenfalls.«

BIELLE »Ja, in Deutschland ist das Familienleben wirklich ein bisschen anders. Ich finde, dass Kinder hier manchmal ziemlich unhöflich mit ihren Eltern umgehen. In Korea versuchen wir immer, eine gute Beziehung zu unseren Familienmitglieder zu haben. Die Familie spielt bei uns sicher eine größere Rolle. Aber natürlich wird oft gestritten. Sehr oft, hehe. Aber ich glaube wir raufen uns schneller wieder zusammen als deutsche Familien.«

DENNIS »Wenn Du in Deutschland bist, scheint es für Dich unerheblich, ob Du über viel Privatsphäre verfügst oder nicht. Was war denn Dein Kulturschock in Deutschland?«

BIELLE »Es gibt drei Dinge, die mich schockiert haben. Erstens, dass ihr Deutschen einfach so richtig direkt seid. Vor allem in Beziehungen. Das sagen auch meine Freundinnen Nicola aus Irland und Caterina aus Chile. Zweitens, dass ihr euch so über Politiker lustig machen könnt. Dass Kanzlerin Merkel als Angela Ferkel bezeichnet werden kann beispielsweise. Wenn das jemand mit Präsidentin Park in Korea machen würde, dann könnte es echt Probleme geben. Und Drittens, weil wir gerade über Behörden sprechen…«

Dennis lehnt sich in seinen Sitz zurück und fängt an zu schmunzeln, als wüsste er schon, was als nächstes kommt.

»… In Deutschland muss man alle Dokumente aufheben. Man weiß nie, wann die wieder von irgendeinem Amt gebraucht werden. Nach ein paar entnervenden Szenen beim Bürgeramt und vor allem bei der Ausländerbehörde, habe ich mir einen Ordner gekauft und begonnen jedes noch so unbedeutende Schriftstück abzuheften.«

DENNIS »Da fällt mir die Geschichte ein, als wir in Seoul auf dem Bürgeramt waren, um ein Foto für unser Buch zu machen. Als wir vor dem Eingang standen, sagtest Du zu mir, ich solle die Kamera schon einschalten, denn es würde gleich ganz schnell gehen. Das klang für mich total übertrieben, fast schon angeberisch. Doch am Ende hatte ich große Mühe ein passendes Foto zu machen. Weil Du inklusive Wartezeit in 5 Minuten deine Meldebescheinigung hattest.«

Bielle und Dennis fangen laut an zu lachen. Die anderen koreanischen Fahrgäste würden wahrscheinlich nicht verstehen, was daran so witzig sein soll.


 

In diesen fiktiven Zwiegesprächen unterhalten sich Dennis und Bielle über ganz reale, alltägliche Unterschiede zwischen der deutschen und der koreanischen Kultur. Die »echten« Vorbilder für die beiden Dialogpartner heißen Dennis Kubek und Bielle Kim und haben jüngst eine faszinierende Länderdokumentation mit 151 bewegenden Einblicken in die Kultur Koreas in Bild und Text verfasst: »Korea 151 – Ein Land zwischen K-Pop und Kimchi in 151 Momentaufnahmen«.

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Dennis Kubeks Vorliebe für den asiatischen Kontinent liegt in seiner Kindheit begründet: Seine Helden waren die Akteure von unzähligen ostasiatischen Filmen. Während seines Studiums war das Fernweh schließlich auf ein so unerträgliches Maß angewachsen, dass er sich endlich selbst in Kung-Fu-Pose zwischen Pagoden und Reisfeldern wiederfand. Wann immer es sich seitdem einrichten lässt, taucht der freischaffende Regisseur und Mediendesigner in die faszinierenden Kulturen Asiens ein.