Deutsch-Koreanische Zwiegespräche | Heute: Service

Deutsch-Koreanische Zwiegespräche | Heute: Service

Bielle und Dennis nehmen einen Schluck aus ihrem Kaffeebecher. Die U-Bahn hat Seoul mittlerweile verlassen und nähert sich dem Flughafen.

DENNIS »Wir Deutschen kritisieren gerne unseren miserablen Service. Ist der wirklich so schlecht?«

BIELLE »Einen Unterschied merke ich immer, wenn ich shoppen bin oder im Supermarkt an der Kasse stehe. Verkäufer in Deutschland können zeigen, dass ihnen etwas nicht passt. Dann sind sie grummelig oder ignorieren meine Fragen. Das passiert mir in Korea einfach nicht.«

DENNIS »Wie hast Du denn auf solche Erfahrungen reagiert?«

BIELLE »Ich habe mich zwar geärgert, aber mir auch gedacht, wenn ich auf der Welt irgendwo als Verkäuferin arbeiten wollte, dann hier! Und am Sonntag hätte ich immer frei. – Eigentlich sind die Deutschen immer sehr hilfsbereit und ich finde es schön, dass mich fremde Menschen auf der Straße einfach so anlächeln. Aber auf einer Amtsstube zu sitzen oder in der Telefon-Warteschleife einer deutschen Firma zu stecken, kann schon sehr anstrengend sein. Was ich in Deutschland sehr genieße ist, dass man etwas anziehen kann, ohne viel darüber nachzudenken, was die anderen davon halten. Es gibt hier viel mehr individuelle Freiheit.«

DENNIS »Apropos Freiheit: Man glaubt es erst nicht, aber in Deutschland kann man im Vergleich einfach überall unachtsam auf der Straße herumlaufen. Als deutscher Fußgänger in Korea sollte man dagegen aufmerksam sein und auf Autos Rücksicht nehmen! Ein paar Mal musste ich schon zur Seite springen. Mir fällt dieser Unterschied auf, wenn ich mit Dir über einen deutschen Zebrastreifen gehen möchte. Dann bleibst Du immer wie angewurzelt stehen.«

BIELLE »Ja, daran habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. In Korea beherrschen die Autofahrer die Straßen. Inklusive Fußgängerzonen.«

DENNIS »Warum darf ich tagsüber bei Dir zu Hause in Seoul nicht das Fenster aufmachen?«

BIELLE (runzelt die Stirn) »Wie meinst Du das?«

DENNIS »Das fiel mir gerade so ein. Als Du nicht zu Hause warst, habe ich Dein Zimmer gelüftet und sofort kam Deine Mutter rein und hat gemeint: ›So, das reicht schon. Wir machen das Fenster besser wieder zu.‹ Sie schien regelrecht schockiert gewesen zu sein.«

BIELLE »Hehe, ja die Deutschen sind echte Frischluft-Fans. Aber in Seoul ist die Luft nun mal nicht so gut. Daher lüften wir nur selten. – Oh, wir sind schon da.«

Mit einem sanften Ruck hält die U-Bahn und die Türen öffnen sich. Frische Klimaanlagen-Luft strömt Bielle und Dennis entgegen, als sie die Station des Flughafen Incheon betreten.

Einige Zeit später sitzen die beiden schon im Flugzeug nach Deutschland. Dem Land der Hefter und Ordner, in denen grummelige Verkäufer arbeiten, wo es möglich ist, angstfrei einen Zebrastreifen zu überqueren und wo man nach Herzenslust durchlüften darf.


In diesen fiktiven Zwiegesprächen unterhalten sich Dennis und Bielle über ganz reale, alltägliche Unterschiede zwischen der deutschen und der koreanischen Kultur. Die »echten« Vorbilder für die beiden Dialogpartner heißen Dennis Kubek und Bielle Kim und haben jüngst eine faszinierende Länderdokumentation mit 151 bewegenden Einblicken in die Kultur Koreas in Bild und Text verfasst: »Korea 151 – Ein Land zwischen K-Pop und Kimchi in 151 Momentaufnahmen«.

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Dennis Kubeks Vorliebe für den asiatischen Kontinent liegt in seiner Kindheit begründet: Seine Helden waren die Akteure von unzähligen ostasiatischen Filmen. Während seines Studiums war das Fernweh schließlich auf ein so unerträgliches Maß angewachsen, dass er sich endlich selbst in Kung-Fu-Pose zwischen Pagoden und Reisfeldern wiederfand. Wann immer es sich seitdem einrichten lässt, taucht der freischaffende Regisseur und Mediendesigner in die faszinierenden Kulturen Asiens ein.