Drachenbootfest oder das Rätsel der 4247 stehenden Eier

Drachenbootfest oder das Rätsel der 4247 stehenden Eier

Wer in Taipeh an einer der vielen Flussadern wohnt, die die Stadt durchziehen und meist links und rechts von den sogenannten Riverside Parks umsäumt sind, wird schon Wochen zuvor allmorgendlich durch Trommelschläge geweckt. Blickt man dann aus dem Fenster, sieht man im Dunst des Sonnenaufgangs lange, schmale, sehr farbenprächtige Boote über das Wasser flitzen. Anstelle einer Galionsfigur wippt ein Drachenkopf rhythmisch auf und ab – kunstvoll bemalt mit offenem Maul, Stielaugen und langem Schnurrbart. Verschwitzte Männer sitzen in Zweierreihen, lehnen sich nach vorn, reißen die Arme mit dem Ruder nach oben, drehen die Oberkörper vor und stechen schwungvoll in das schillernde Flusswasser. Immer und immer wieder.

Bereits Wochen vor dem 5. Tag des 5. Monats nach dem traditionellen chinesischen Kalender trainieren die Teams von Firmen, Universitäten, Vereinen, Stadtvierteln und Ureinwohnerstämmen für das Drachenbootrennen. Jedes Jahr am 9. Juni ist es nämlich wieder so weit: es ist Duānwǔ Jié, Drachenbootfest, eines der drei wichtigsten Feste in Taiwan. An diesem Tag sind die Taiwaner auf den Beinen, um drei Dinge zu erledigen:

1. zòngzi essen

2. bei einem Drachenbootrennen dabei sein – sei es als Zuschauer oder Ruderer

3. ein rohes Ei zur Mittagszeit auf die Spitze stellen

Wie gut, dass das Drachenbootfest dieses Jahr auf einen Donnerstag fällt, denn auch im Kalenderkästchen für den nächsten Tag, dem Freitag, leuchten vier rote Zeichen: tiáozhěng fàngjià – angepasster Feiertag. Das kommt daher, dass am letzten Samstag alle Taiwaner arbeiten, bzw. in die Schule gehen mussten und damit den nächsten Freitag für ein verlängertes Wochenende vorgearbeitet bzw. vorgelernt haben.

(Sollte übrigens ein Feiertag auf einen Tag am Wochenende fallen, wird der dann nachgeholt und der folgende Montag ist frei. Verlängerte Wochenenden sind wichtig, da muss man mal ein bisschen im Kalender hin und her schieben, Feiertage nachholen, Arbeitstage vorarbeiten.)

1. Zòngzi

Zongzi

© Deike Lautenschläger

»Vor vielen vielen Jahren gab es einen Dichter namens Qū Yuán«, so setzt bei manchem Taiwaner die Märchenerzählerstimme an… die Kurzversion: Er kam in Konflikt mit den Reichen und Mächtigen dieser Zeit und musste ins Exil gehen, wo er sich schließlich in den Fluss Mìluó stürzte, um zu sterben. Die einheimischen Fischer warfen Reisklöße – also zòngzi – in den Fluss und trommelten laut, damit sich die Fische und die bösen Geister vom Leichnam fernhielten, während sie auf Booten den Fluss nach dem armen Qū Yuán absuchten.

»Wir essen also Fischfutter, aber sehr, sehr leckeres Fischfutter«, kommentierte mal ein taiwanischer Bekannter augenzwinkernd. Die sogenannten zòngzi sind das traditionelle Gericht zum Fest.

Man kann die pyramidenförmigen Klebreistaschen gefüllt mit getrockneten Krabben, Erdnüssen, Schweinefleisch, Pilzen und Eigelb, eingewickelt in Bambusblätter und darin gedämpft, aber jeder Zeit kaufen und essen. Dabei sind die Bambusblätter nicht nur die umweltfreundlichste Verpackung in Taiwan, sie sollen dem Ganzen auch ein noch besseres Aroma geben. Zusammengehalten an kleinen grauen Stricken baumeln die Snacks zum Verkauf in den Garküchen, dann an Mopedlenkern, zwischen Aktentaschen und Schirmen und in der Hand neben der Tüte mit dem Perlenmilchtee.

Zongzis

© Deike Lautenschläger

(Sollte jemand aus Ihrem Bekanntenkreis eine wichtige Prüfung vor sich haben, schenken Sie ihm ein paar zòngzi, denn zòng klingt so ähnlich wie cōng, was klug bedeutet. Damit wird er die Weisheit mit Löffeln bzw. mit Stäbchen gefressen haben und ganz bestimmt bestehen.)

2. Drachenbootrennen

Bevor jedoch das erste Ruder das Wasser berühren darf, müssen mit einer Zeremonie »die Drachen aufgeweckt werden«. Dabei werden mit roter Farbe Punkte auf die Augen der Drachenköpfe an den Bootspitzen getupft, um sie zu »öffnen«. Die Pupillen sind nun rot und damit ist der Geist des Drachen erwacht.

»Seit Wochen üben sie jedes Wochenende morgens um sechs Uhr. Wir können nie ausschlafen. Dafür gewinnen sie heute besser!«, jammern manche Familienmitglieder der Ruderer und sobald das Startzeichen gegeben wird, schreien sie mit allen anderen Zuschauern aus vollem Hals:»Jiāyóu! Jiāyóu! Jiāyóu!«

Das heißt wortwörtlich übersetzt »Gib Öl dazu!« oder »Tanke Öl!« und bedeutet »Los!« oder »Tempo!«. Die langen Boote mit circa 20 jungen Männern gewinnen an Fahrt. Vorn der große traditionelle Drachenkopf, an der Seite die Schuppen bunt aufgemalt.

Nun gilt der Trommelschlag nicht mehr der Abwehr der Fische und der bösen Geister, sondern er gibt den Ruderrhythmus vor. Und auch geht es nicht mehr darum, den armen ertrunkenen Qū Yuán so schnell wie möglich zu finden, sondern darum, das Fähnchen auf der Boje am Ende der Rennstrecke als erstes an sich zu reißen.

3. Das Ei aufstellen

Kann man ein rohes, frisches Ei auf die Spitze stellen? Ja, das kann man – den Taiwanern nach nur zur Mittagsstunde des Drachenbootfesttags, denn das soll genau der Zeitpunkt sein, an dem die Gravitationskraft aufgrund der Lage der Erde im Sonnensystem am stärksten ist. Und das machen die Taiwaner dann auch – das Ei balancieren. Steht es Punkt 12 Uhr, soll das nämlich ein Jahr lang Glück und Harmonie bringen. (Aber nicht wie Christoph Kolumbus, der das Ei mit der Spitze auf den Tisch schlug und so zum Stehen brachte.)

Die Eier stehen um 12 Uhr tatsächlich. Und nicht nur eins oder zwei – nein, 2012 hat die Stadt Hsinchu den Guinness Weltrekord mit 4247 stehenden Eiern gebrochen, der bis 2005 in Chiayi County im Süden von Taiwan mit »nur« 1972 Eiern gehalten wurde.

Sehen Sie hier, wie man zòngzi macht: www.youtube.com/watch?v=DmO5Ezy43ao

Bericht von einem Drachenbootrennen: english.gov.taipei/ct.asp?xItem=1871161&ctNode=8557&mp=100002

Link zum aufgestellten Ei: www.taipeitimes.com/News/taiwan/archives/2012/06/24/2003536134

Weitere amüsante, kuriose, aber immer auch lehrreiche Einblicke in die taiwanische Kultur bietet Ihnen der »Fettnäpfchenführer Taiwan«

Nächster Artikel:
Vorheriger Artikel:
Dieser Artikel wurde geschrieben von

Deike Lautenschläger wurde 1977 in Grimma geboren. Sie studierte Medien an der Bauhaus-Universität in Weimar und am Art Institute of Pittsburgh und war danach fünf Jahre als TV-Journalistin in Leipzig für öffentlich-rechtliche und private Sender tätig. Anfang 2005 ging sie nach Taiwan, mit der Absicht, für ein Jahr Chinesisch zu lernen, blieb dann aber für ein Masterstudium der Internationalen Kommunikation mit Schwerpunkt Asien an der National Chengchi University. Nach mehr als zwölf Jahren in Asien, u. a. als Praktikantin in Singapur und Hongkong und als Deutschlehrkraft am Goethe-Institut in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi, ist Taiwan ihre Wahlheimat geworden. Jetzt lebt sie als freie Autorin, Deutschlehrerin und Doktorandin (Asian Pacific Studies) in Taipeh, wo sie noch heute bei schweren Entscheidungen die Götter im Tempel nebenan um Rat fragt und sich in jeder freien Minute vom Meer den Sand zwischen die Zehen spülen lässt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *