Greta lebt auf großem Fuß

Greta lebt auf großem Fuß

Ziemlich dick, aber eigentlich für dieses Wetter gar nicht schlecht. Obwohl es draußen fast zu warm ist, zwanzig Grad weniger wären irgendwie angenehmer. Die Spikes unter ihren Füßen sind nicht zu sehen, aber sie geben guten Halt im überfrorenen Schneematsch. Greta wagt ein paar schnellere Schritte und stolpert. Die Füße sind doch zu groß, jedenfalls im Vergleich zu ihren eigenen. Oder sollte sie Schuhe sagen? Dicke braune Fellschuhe sind es. Leider bleibt schon nach wenigen Metern der Matsch in ihnen hängen und bildet krustige graue Flocken im Kunstfell. Das sieht nicht besonders romantisch aus, aber die wenigsten Zuschauer haben im Moment Interesse an Gretas Füßen. Alle schauen ihr ins Gesicht, oder dorthin, wo ihr Gesicht sein könnte.

»Mama, Mama, da ist Nelly!« ruft eine Vierjährige aufgeregt und drängt sich durch die Menschenmessen zu Greta. Einen Moment lang scheint sie zwischen Neugierde und Respekt zu schwanken. Die Mutter steht hinter ihr und wartet ab, sieht hinüber zur Anzeigetafel, auf der irgendeine Werbung herumblinkt.

Es sind noch 20 Minuten bis zur Eröffnung. Der Marktplatz von Joensuu ist aber bereits gut gefüllt. Aus den Lautsprechern schallt irgendetwas, das Stimmung machen soll. Das Mädchen tritt nun einen halben Schritt näher an Greta heran und probiert es mit einem etwas schiefen Lächeln. Greta schwankt freundlich auf sie zu und beugt sich hinunter.

»Hallo, wie heißt du denn?« fragt sie. Das Mädchen erschrickt, vor Schreck und auch vor Begeisterung, dass Nelly ausgerechnet mit ihr spricht. »Leena«, sagt sie leise, aber deutlich.

»Und ich bin Nelly«, sagt Greta. »Das weiß ich«, antwortet Leena stolz und nickt zur Bestätigung. »Schön, dass du hier bist!« ergänzt Greta noch, dann macht die Mutter schnell ein Foto von den beiden und zieht das Mädchen weiter.

Schon sind die nächsten Handys gezückt. Winken, winken. Wenigstens muss sie nicht dauernd lächeln, das sähe ja eh niemand. Ein offensichtlich nur noch halbwegs nüchterner Fan mit einem Schal in drei auffälligen Farben einer Nation, der Greta sich im Moment lieber nicht zurechnen möchte, stolpert auf sie zu und umklammert ihre Schulter mit einem Griff, als sei er am Ertrinken. Bis seine johlenden Kumpel genug Fotos gemacht haben, haben sich auf ihrer Stirn unzählige Schweißperlen gebildet.

Leider sind Gretas Finger in nordpoltauglichen Handschuhen verpackt, so dass sie keine Chance haben, mit einem Taschentuch auch nur ungefähr treffsicher die Stirn zu erreichen. Außerdem darf sie die Kapuze sowieso nicht abnehmen, das wäre ja schauderlich, die Kinder könnten einen unheilbaren Schock erleiden. Resigniert drückt sie die Kapuze statt dessen etwas fester ins Gesicht und versucht, tief Luft zu holen. Einfach ist das nicht, bei dem kleinen Schlitz.

Und trotzdem war das doch ein prima Einstand! Das Mädchen hat sie sogar verstanden! Der Kerl hat sie wieder losgelassen, und da drüben steht auch schon Nalle.

Bärenbegegnung

»Hei Nalle«, ruft sie laut. Respektvoll machen die Besucher ihr Platz, während sie mit tapsigen Schritten in Richtung Bühne geht. Nalle breitet die Arme aus und begrüßt sie begeistert. Jedenfalls wirkt es so. Er sagt kein Wort, aber Greta sieht ihm an, dass auch er höllisch schwitzt. Wenigstens ist sie also nicht die einzige.

WappenKontiolahti

Nicht nur die beiden Maskottchen der Biathlon-WM sind Bären: Meister Petz schmückt auch das Wappen des Austragungsortes Kontiolahti.

Das Publikum jubelt, als die Kamera die beiden Freunde einfängt und ihre Nasen in Großaufnahme zeigt. Pflichtgemäß winken beide in die Menge und zeigen die eingeübten Tanzschritte. Zwei links, zwei rechts, einmal drehen. Es ist höllisch heiß. Greta ist froh, als sie wieder unten auf dem Marktplatz steht und sich unter die Leute mischen kann.

Der erste Auftritt wäre geschafft. Jetzt ist sie gespannt auf die Sportler, die gleich hereinkommen sollen. Fast alle teilnehmenden Nationen haben sich zur Eröffnungsfeier angemeldet.

Als die ersten Redner vor das Mikrofon treten, merkt Greta, dass sich an der Kapuze innen Eisränder gebildet haben. Sie kühlen ihre heiße Stirn, aber sie tropfen auch. In ihren Kragen laufen ganze Bäche, gemischt aus Schweiß und Schmelzwasser. Und nun beginnt erst die Show.

Auf drei Bühnen blitzen Bilder herum, Filmausschnitte, Tänzer, schließlich löst sich alles in ein flammendes künstliches Nordlicht auf, in ein Feuerwerk, das die Freude über die Eröffnung der Biathlon-Weltmeisterschaften in Kontiolahti in den Himmel schießt. Eine passende Methode, könnte man sagen. Und Greta ist mittendrin. Genau genommen sogar mehr als ihr im Moment lieb ist.

Denn sobald die funkelnden Raketen erloschen sind, zieht sie jemand am Rücken. Niemand hält es für nötig zu fragen, ob sie das möchte. Nelly wird nicht gefragt, ob man sie fotografieren darf. Nelly ist ja da, um fotografiert zu werden, sogar um angefasst zu werden, ein bisschen und nur so, wie man ein großes weiches Tier eben anfasst.

Den Rückweg zum Kleidungscontainer kürzt Greta ab, geht durch die abgesperrten Zonen, wo es morgen Abend endlich losgehen soll. Ganz so ist das nicht gedacht, sie soll sich ja zeigen unter den Leuten, soll da sein für alle, aber nun reicht´s. Es ist spät genug, die Kleinen müssen ins Bett und die Großen können auch ohne Nelly feiern.

Unterm Bärenfell

Taumelnd erreicht sie die Tür ihres Containers und reißt sich erstmal die Kapuze vom Kopf. Sie stürzt einen halben Liter Wasser hinunter und setzt sich. Steht wieder auf, nimmt die Kapuze, streicht die feuchten Fransen glatt – hat es doch ein paar Tropfen geregnet? – und geht in den Flur.

Dort steht ein Spiegel. Sie setzt die Kapuze auf. Winkt. Sie findet sich nett. Noch ein bisschen den Kopf schräg halten. Nochmal winken. Und die linke Tatze ein Stück zur Seite. Hinter ihr bricht jemand in Lachen aus.

»Na, bist du auch ein Fan von Nelly? Sie ist ja so süß! Soll ich dir ein Autogramm holen?« Ein fellbekleideter Lauri steh im Eingang. Er hat Nalles Kopf unter den Arm genommen. Greta brummt, bärig und düster. »Du hast nichts davon gesagt, dass die Maskottchen sportliche Schwerarbeit leisten müssen!«

»Konnte ich ahnen, wie untrainiert du bist?« Lauri lässt sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. Er ist mindestens so verschwitzt wie sie.

Greta schüttelt den Kopf. »Wer hat mich nur dazu überreden können, in ein dampfendes Fellkostüm zu steigen und in tausend Kameras zu winken?« Lauri grinst. »Das ist eine einmalige Chance. Du kannst jetzt dein wahres Ich kennen lernen. Vielleicht lebt sich´s als Bär ja besser?«

 

…und nächstes Mal: Die Bärenmaskottchen Nalle und Nelly erleben ihre ersten Wettkämpfe. Wie wohl Ole Einar Björndalen auf sie reagiert? Immerhin hat er den richtigen Nachnamen: Aus dem Bärental in die Bärenbucht von Kontiolahti. Wenn das kein gutes Omen ist.

P.S.: Nalle und Nelly gibt es wirklich. Schon 1999 waren sie in Kontiolahti beim Biathlon dabei und haben seitdem kein Rennen mehr verpasst. Nalle ist übrigens der finnische Begriff für Teddy.

Greta und Lauri gibt es auch wirklich. Jedenfalls gibt es wirklich ein Buch über sie. Die beiden wohnen eigentlich in Helsinki. Nun haben sie mal einen etwas ungewöhnlichen Job übernommen. Als Bärenmaskottchen dürfen sie die WM aus einer ganz anderen Perspektive erleben…

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Gudrun Söffker ist beständig unterwegs. Prägendes Reiseerlebnis ihrer Jugend war eine herbstliche Überquerung der Ostsee auf dem wunderbarsten Fährschiff des Nordens, der legendären GTS Finnjet. Als Historikerin bewegt sie sich in verschiedenen Museen zwischen Mittelalter und Gegenwart, als Studienreiseleiterin erlebt sie den weiten Norden Europas immer wieder neu.