Der Sprint am Samstag – die ganze Wahrheit

Der Sprint am Samstag – die ganze Wahrheit

Lauri hatte recht, denkt Greta auf dem Weg zum Stadion. Als Bär lebt sich´s vielleicht besser. Jetzt in einer herrlichen Höhle liegen, vom Frühling träumen und vom Herbstspeck zehren, der kurz vor dem Einschlafen die Hälfte des Körpergewichts ausmachen kann … In dieser Hinsicht ist Greta zumindest optisch gut gelungen. Und es erleichtert das Vorankommen durch die Massen, die sich zum Wettkampf schieben: Greta ist eindeutig am breitesten.

10.000 Leute passen auf die Tribüne, und sie ist ausverkauft. Eigentlich hatten die Veranstalter einen Bärendarsteller gesucht, der Russisch kann – ein Viertel der vorverkauften Karten ist dort gelandet. Aber dann haben sie eingesehen, dass Nelly und Nalle vor allem für die Kinder und als »optisches Highlight« wichtig sind. Leider hat das niemand den russischen Besucher mitgeteilt. Sie wissen also nicht, dass Greta nicht dafür bezahlt wird, ihre freundlichen und unentwegten Kommentare zu beantworten.

Doch Greta ist großzügig, übersieht auch die irreguläre Länge der russischen Fahne, die sicher reichen könnte, um ihr ein beschauliches Zeltdach zu bauen, winkt und stürmt weiter, dass der Matsch nur so spritzt.

Im Stadion angekommen sucht sie sich zunächst eine ruhige Ecke hinter den Serviceautos. Nach der schweißtreibenden Eröffnungsveranstaltung ist ihr eine geniale Idee gekommen. Unter dem massigen Plüschkostüm lässt sich ein flacher Rucksack mit Wasser bestens verbergen.

Es gibt doch solch wundervoll überinnovative Artikel, die einen Wanderer davon abhalten sollen, mal eine Pause einzulegen. Er kann durch einen Schlauch ununterbrochen Wasser trinken und kommt nicht auf die Idee, mal stehen zu bleiben und die Landschaft zu genießen. Für Greta ist die Konstruktion optimal, sie muss nur kurz durch ihren Fellmund tasten und den Schlauch einlegen.

Und wenn sie schon mal da ist, schlappt sie gleich noch mal bei den Sportlern vorbei. Ein paar Minuten Ruhe vor den Fans. Hier will niemand ein Foto machen oder sie zu einem Bier einladen – na, das passiert im Stadion auch nicht. Beim Wettkampf herrscht schließlich Alkoholverbot.

Jedenfalls ist das Nelly-Kostüm ein optimaler Schutz. Als Mensch würde sie auffallen, als Bär ist sie einfach Teil der WM-Ausstattung. Keiner fühlt sich beobachtet, alle benehmen sich ganz normal.

Bei einer Athletin ist das Stirnband verrutscht. Weder der Sponsor noch die frisch getönte Strähne, die eigens in einer originellen Locke unter das Band geschoben worden war, sind richtig zu sehen. Ärgerlich wirft sie ihre Waffe in den Schnee und rennt zurück zu ihrem Serviceteam. Da die Frauen ja erst in ein paar Stunden dran sind, hat sie viel Zeit, sich kunstgerecht zu stylen. Von den Konkurrentinnen ist kaum jemand zu sehen. Die meisten scheinen ein bisschen Ruhe vorzuziehen.

Aber auch ein männlicher Sportler hat sein Gewehr außer Sicht gelassen. Es lehnt an der Wand eines Containers, während er sich durch kurze Sprints und ein paar Lockerungsübungen warm hält.

Gewehr bei Tatze

Das hätte er lieber nicht tun sollen. Greta schlurft interessiert näher. So etwas hat sie noch nie in der Hand gehabt. Huch, wie schnell es ihr aus den Felltatzen rutscht! Ein Glück, der Besitzer ist in ein Gespräch mit einem Teamkollegen vertieft. Rasch stellt Greta die Waffe wieder hin. Nicht dass noch etwas kaputt geht!

Der Sportler nähert sich immer noch nicht. Greta denkt nach. Das Schießen wirkt immer so einfach – sie fragt sich, wie viel man durch das Visier eigentlich sehen kann. Rasch hat sie das Gewehr noch einmal gefasst und versucht, sich ein eigenes Bild zu machen. Kann man da vorne etwas verändern? Irgendwie die Schärfe einstellen oder gibt´s vielleicht so eine Zoomfunktion? Ein Rad lässt sich leicht bewegen.

Da nähern sich Schritte. Sekundenschnell hat Greta das Gewehr abgestellt und fummelt umständlich an ihrem Bauch herum. Jeder muss glauben, dass sie nur eben ihr plüschiges Kostüm richtet. Schon ist der Sportler neben ihr. »Hei hei«, ruft er ihr fröhlich zu. Nun erkennt sie ihn auch. Das ist doch der Deutsche, der im Weltcup ziemlich weit oben steht. Greta winkt pflichtgemäß und sagt »Viel Erfolg«. Ohne nachzudenken, auf Deutsch.

Kontiolahti, go go!

»Kontiolahti, go go!« donnert der offizielle WM-Song aus den Lautsprechern. Mainstream-Elektropop mit unerträglich schiefen Reimen, hatte Greta zu Hause noch gelästert, aber jetzt ist es ihr egal. Sie springt von einer Tatze auf die andere, klatscht in der Luft, dreht sich im Rhythmus und hat bald schon eine Kindertruppe um sich versammelt, die begeistert mithüpft.

Als Martin Foucarde zum Schießen kommt, leiht Greta sich mal eben eine französische Fahne und schwenkt sie in die Kamera. So sollte es sein, das Bärenmaskottchen, fröhlich, international und stimmungsfördernd. Und es funktioniert: Fünf Treffer für den Franzosen!

Greta springt in die Luft und sieht begeistert zur Anzeigetafel hinüber. Gibt´s nicht irgendwo auch eine deutsche Fahne? Zwischen ein paar wilden Drehungen liest sie den Namen dieses Deutschen, den sie vorhin getroffen hatte. Wie, vier Fehler? Vier Fehler – vier? Das kann doch nicht sein!

Nun nimmt sie auch die langen Gesichter der Fans in Schwarz-Rot-Gold wahr, die ein paar Meter hinter ihr stehen. Keine Fahne wird geschwenkt. Nelly steht starr auf ihrem Platz. Die Kinder hüpfen fröhlich weiter. Als Greta versteht, was hinter ihr gemurmelt wird, wird sie kreideweiß.

»Kann nur ein Fehler am Gewehr gewesen sein«, brummt ein fassungsloser deutscher Fan, »oder ein total verstellter Diopter.«

Vorbei ist es mit der weltmeisterlichen Stimmung. Greta schlägt mechanisch die Tatzen zusammen, die Sportler nimmt sie gar nicht mehr wahr. Sieht sich dort stehen, vor dem Container, mit dem Gewehr. Mit den dicken Fellpfoten am Visier. Sieht den Diopter vor sich. Sieht noch einmal zur Anzeigetafel. Da steht nichts mehr von vier Fehlern. Da steht jetzt etwas von null Fehlern, allerdings bei einem anderen Namen.

»Eriiiik!« brüllt es hinter ihr. Eine Fahne legt sich über ihr Gesicht, »Sorry«, wird ihr durch die Begeisterung zugebrüllt, das deutsche Lager springt und feiert. Greta muss mitklatschen, dafür ist sie ja da. Sport ist brutal, denkt sie. Vor allem, wenn dicke Bären zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Keine Angst vor Mainstream-Elektropop? Hier geht’s zum offiziellen WM-Song.

Eigentlich wohnt Greta in Helsinki. Zur Biathlon-WM hat sie einen etwas ungewöhnlichen Job übernommen. Wenn sie aber nicht gerade als Bärenmaskottchen die WM aus einer ganz anderen Perspektive erlebt, entdeckt sie die Feinheiten der finnischen Kultur, im »Fettnäpfchenführer Finnland«

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Gudrun Söffker ist beständig unterwegs. Prägendes Reiseerlebnis ihrer Jugend war eine herbstliche Überquerung der Ostsee auf dem wunderbarsten Fährschiff des Nordens, der legendären GTS Finnjet. Als Historikerin bewegt sie sich in verschiedenen Museen zwischen Mittelalter und Gegenwart, als Studienreiseleiterin erlebt sie den weiten Norden Europas immer wieder neu.