Ein ganz besonderes »fiilis«

Ein ganz besonderes »fiilis«

Greta hat sich Kaisa Mäkäräinenes Gästebuch angesehen, auf ihrer Homepage. Schließlich muss man als Glücksbär ja wissen, was die Leute so denken. Aber dann hat Greta ganz schnell beschlossen, dass sie nur für die Live-Unterhaltung da ist, dass sie im Stadion hüpfen und klatschen und Fahnen schwenken wird, egal ob es dunstig, kalt, eng oder leer ist, aber dass sie Kaisa nicht online begleiten muss. Im übrigen findet sie, dass die Fans dasselbe machen sollten. Statt Küsse übers Netz zu schicken und sich in selbstverliebten Sprüchen zu gefallen, sollten sie lieber ins Stadion kommen, auch wenn Kaisa keine Chance hat, wie bei der Verfolgung letzten Sonntag. Es gab fast keine Karten mehr, aber die Ränge waren trotzdem nur gut halb gefüllt. Biathlon in Finnland steht und fällt mit Kaisa Mäkäräinen.

Aber nun gab es ja immerhin ein bisschen Metall für sie, nur Bronze, aber dafür dank einer wahrhaft finnischen Schlussrunde. Die ganze Wut über den schlechten Sprint schien sie dort hineingelegt zu haben.

»Fiilis«?

»Ein großer Dank ans Publikum«, sagte Kaisa hinterher. »Kontiolahti transportiert einfach ein besonderes fiilis.«

Fiilis? Greta sucht im Wörterbuch. Nichts. Und im Internet? Massenweise Einträge.

»Man könnte das auch anders schreiben«, meint Lauri, »zum Beispiel feelis.« Joo, so einfach ist Finnisch, wenn es kein Finnisch ist! Wir schreiben feel wie wir´s sprechen und hängen eine beliebige Endung dran, fertig ist der Slangausdruck.

Klingt echt cool. Aber recht hat sie, die Kaisa. Der Lärm des Publikums auf ihrer Schlussrunde kam Greta geradezu erschreckend unfinnisch vor. »Ich konnte einfach nicht langsamer laufen«, erklärte Mäkäräinen, wie sie es geschafft hat, über 30 Sekunden auf Dorothea Wierer herauszuholen.

Niemand achtete mehr wirklich auf den pelzigen Bären, der engagiert versuchte, die Zuschauer zum Klatschen zu bringen. Alle starrten gebannt auf die Anzeigetafel. Jetzt musst du´s aber schaffen, los, Mädchen, mach sie alle platt. Manche Kommentare waren nur so dahingeknurrt, die meisten aber laut herausgeschrieen, je näher Kaisa dem Stadion kam. Wenn man nicht wusste, dass es Anfeuerungen waren, hätte man auch entsetzt davonrennen können bei soviel Lärm. Da schienen alle Eishockeyfans die Stimmung eines WM-Finales gegen Schweden ins Biathlonstadion zu übertragen.

Und was blieb der armen Kaisa übrig, sie musste einfach rennen, rennen, rennen. Vom Publikum aufs Podest getragen, könnte man romantisch kommentieren. Vom Publikum ins Ziel geschrieen, kommt der Wahrheit vielleicht näher. Wäre sie nicht gesprintet wie ein Wolf, man hätte es ihr kaum verziehen.

Bronze für Kaisa

Schon ein besonderes fiilis, hier in Kontiolahti. Und dann diese Stille. Schließlich war Kaisa 1,2 Sekunden zu langsam! Nur 1,2 Sekunden auf Gold, wie tragisch. Das aber verziehen ihr viele Zuschauer sofort, so ist es nun einmal, das Leben. Man gibt alles, man kämpft, und es reicht nicht zum Sieg.

Für tragische Gemüter, und davon gibt es in Finnland einige, wäre deshalb ein vierter Platz eigentlich noch stimmiger gewesen. Aber im Sport ist kein Platz für Melancholie, deshalb blieb es bei der Medaille.

Dass es nicht Silber wurde, wie zunächst alle glaubten, hat Greta ein bisschen gefreut. Sicher hätte sie Kaisa auch den zweiten Platz gegönnt. Aber Gold für die Dame mit dem Stirnband, die nun noch eifriger als am Samstag ihre Strähnen zurecht schieben würde vor jedem Interview? Greta fühlte sich in ihrer Bärenhaut nicht wohl bei dem Gedanken.

Als Jekaterina Jurlowa zum vierten Mal null Fehler geschossen hatte, schlug endlich auch ihre Stunde an diesem Tag. Das Publikum war schon fast dabei, nach Hause zu wandern, Kaisa war im Ziel, es war akzeptabel, jetzt wartete daheim die Sauna. Aber die Starterin aus Sankt Petersburg, 61. im Weltcup, war noch unterwegs!

Und auf einmal erschienen ganz andere Farben auf der Tribüne. Zögernde Blicke von Seiten der finnischen Zuschauer – russische Fahnen hier in Karelien? Greta griff sich gleich zwei und sprang vor die Kamera.

Leute, hier passiert jetzt was! Schwache Resonanz von Seiten der einheimischen Fans. Ein paar interessierte Gesichter schließlich, einige aufmerksame Kommentare.

»Die holt Gold, das reicht«, erklärte ein Mann und ging davon. Er wusste ja nun Bescheid. Gretas hüpfender Eifer konnte nicht alle motivieren zu bleiben. Aber inmitten des russischen Jubels schallte auch respektvoller Applaus von der Tribüne, als Jurlowa es tatsächlich geschafft hatte. Und irgendwie wirkte der angenehmer als der Lärm um Kaisa. Das fiilis von Kontiolahti, es hat viele Gesichter.

Eigentlich wohnt Greta in Helsinki. Zur Biathlon-WM hat sie einen etwas ungewöhnlichen Job übernommen. Wenn sie aber nicht gerade als Bärenmaskottchen die WM aus einer ganz anderen Perspektive erlebt, entdeckt sie die Feinheiten der finnischen Kultur, im »Fettnäpfchenführer Finnland« …

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Gudrun Söffker ist beständig unterwegs. Prägendes Reiseerlebnis ihrer Jugend war eine herbstliche Überquerung der Ostsee auf dem wunderbarsten Fährschiff des Nordens, der legendären GTS Finnjet. Als Historikerin bewegt sie sich in verschiedenen Museen zwischen Mittelalter und Gegenwart, als Studienreiseleiterin erlebt sie den weiten Norden Europas immer wieder neu.