Erfurter Hof, Erfurt: Wo Willy Brandt deutsch-deutsche Geschichte schrieb

Erfurter Hof, Erfurt: Wo Willy Brandt deutsch-deutsche Geschichte schrieb

Es gab bereits im Vorfeld viele Diskussionen – nicht zuletzt um den Austragungsort: Ostberlin sollte eigentlich 1970 der Ort des ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffens werden. Doch wollte die DDR-Regierung keine majestätisch anmutende Einfahrt des damaligen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt aus dem Westteil der Stadt riskieren.

Das Ganze sollte dezenter ablaufen. Also kam man auf Erfurt – weit ab von der geteilten Stadt, tief im Arbeiter- und Bauernstaat. Perfekte Voraussetzungen also für einen Propagandaauftritt ganz nach dem Geschmack der SED-Führungsriege?

Es kam anders. Brandt notierte später in seinem Buch Erinnerungen: »Der Tag von Erfurt. Gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre?«

Der Bundeskanzler reiste am Morgen des 19. März 1970 mit einem Sonderzug an, via Bebra. Bereits auf der Fahrt winkten Schaulustige an den Gleisen, berichteten Journalisten anschließend in westdeutschen Tageszeitungen. Es war das erste Mal seit Gründung ihrer Staaten im Jahr 1949, dass die beiden deutschen Regierungen miteinander in Dialog traten.

Politik der kleinen Schritte

»Wandel durch Annäherung«, lautete das von Brandts engem Vertrauten Egon Bahr geprägte Motto. Deeskalation statt Konfrontation – oder, wie es die Regierung damals nannte, die Politik der kleinen Schritte.

Brandt nahm dies wohl unbewusst wörtlich. In Erfurt ging er mit Willi Stoph, dem Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, den kurzen Weg vom Bahnhof zum gegenüberliegenden Hotel Erfurter Hof zu Fuß.

Erfurt

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Erfurter Hof, www.ef-hof.de

Schon dabei zeigte sich die Aufbruchstimmung, die das Treffen mit sich brachte. DDR-Bürger jubelten Brandt zu und durchbrachen die Sperren von Stasi und Volkspolizei. Nur mit Mühe konnten diese verhindern, dass die Menge den Gipfelteilnehmern ins Hotel folgte.

Eine Situation, die mancher mit Unbehagen beobachtete: Seit Jahren registrierte das Hotelpersonal immer wieder, dass auf dem Bahnhofsplatz vor dem Hotel Bürger von Stasi-Mitarbeitern abgeführt wurden.

Während anschließend innen, im zweiten Stock des Hauses in langen Monologen die gegenseitigen Positionen ausgetauscht wurden – Stoph etwa bezeichnete dabei den Mauerbau als »Akt der Menschlichkeit« –, skandierten auf dem Bahnhofsvorplatz Tausende: »Willy, Willy!«

Eilig ließ die SED-Führung linientreue Parteimitglieder herbeitelefonieren, die ihrerseits Parolen anstimmten: »Hoch, hoch, hoch – es lebe Willi Stoph!«

Doch das schien die Brandt-Anhänger nur noch zu beflügeln: »Willy Brandt ans Fenster, Willy Brandt ans Fenster!«, riefen sie schließlich. Der Bundeskanzler, dem die Brisanz dieser vorsichtigen Annäherung beider Teile Deutschlands wohl bewusst war, zögerte zunächst und schickte seinen Sprecher Conrad Ahlers vor zur Scheibe. Doch schließlich zeigt sich auch Brandt selbst vom Fenster des Erfurter Hofs aus der Menschenmenge.

Der Besuch wird für die DDR-Führung zum PR-Desaster ohnegleichen. In alle Welt gehen die Bilder von Brandt und den jubelnden Schaulustigen – und alle Welt wird damit Zeuge davon, dass die Menschen in der DDR den Westteil Deutschlands entgegen anders lautender Propaganda ihrer Regierung keineswegs als Bedrohung erachten. Der Tag von Erfurt, er gilt im Nachhinein als Beginn der Annäherung beider deutscher Staaten.

Ironie der Geschichte

Man könnte es als Ironie der Geschichte bezeichnen, dass ausgerechnet der Tagungsort, das Hotel Erfurter Hof, das wiedervereinte Deutschland nicht lange überlebte. Der Traditionsbau, 1904 als bestes Hotel der Stadt erbaut und zu DDR-Zeiten zu einem von insgesamt zwölf westlich orientierten Interhotels umfunktioniert, schloss am 30. Juni 1995 seine Pforten.

Zu aufwendig wäre die Sanierung des in die Jahre gekommenen Hauses gewesen, als dass sich in den Nachwendejahren die Investition gelohnt hätte. Willy Brandt kam zuvor noch einmal, am 3. März 1990, um an seinen Auftritt von 1970 zu erinnern. Mit Mikrofon in der Hand zeigte er sich an ebenjenem Fenster, von dem aus er 20 Jahre zuvor noch vorsichtig gelächelt hatte.

Für das Hotel begann mit der Schließung 1995 eine der trostlosesten Zeiten. In seinen Anfangsjahren hatte es zu den besten Häusern Europas gezählt. Ein Nachbarbau, das Haus Kossenhaschen, vergrößerte die Kapazität sogar von 1916 an. Das 1923 im Erdgeschoss eröffnete Palast-Café wurde zu dem Treffpunkt Erfurts. Und selbst den Zweiten Weltkrieg überstand der Erfurter Hof nahezu unbeschadet.

Nun fristete er ein Schattendasein. Das Gebäude stand leer, bevor es schließlich 2004 von Grund auf saniert wurde. Drei Jahre später, im September 2007, öffnete der Erfurter Hof wieder seine Pforten – allerdings nicht mehr als Hotel, sondern als Geschäftshaus.

Nur eine Leuchtschrift auf dem Dach des Gebäudes erinnert heute noch an die große Zeit des Hauses – und vor allem an einen großen Augenblick in dessen Geschichte: »Willy Brandt ans Fenster«, ist darauf zu lesen. Auch der Platz zwischen Hotel und Bahnhof ist inzwischen umbenannt: Er heißt nun Willy-Brandt-Platz.

Adresse: Erfurter Hof, Willy-Brandt-Platz 1, Erfurt, Deutschland, www.ef-hof.de
Baujahr: 1904 (schon mindestens 1872 muss es einen Vorgängerbau an selber Stelle gegeben haben)
Berühmte Gäste: Willy Brandt (Politiker), Juri Gagarin (Kosmonaut), Puhdys, Louis Armstrong (Musiker)
Do it yourself: Der Hotelbetrieb ist seit 1995 eingestellt. An Willy Brandts Auftritt erinnern die Leuchtschrift »Willy Brandt ans Fenster« sowie ein lebensgroßes Foto des Politikers an ebenjenem Fenster, an dem er sich 1970 zeigte.

Eine Fotostrecke zu Willy Brandts geschichtsträchtigen Besuch in Erfurt finden Sie hier: www.spiegel.de/einestages/willy-brandt-in-erfurt-politik-aus-dem-hotelfenster-a-948767.html

74 weitere Herbergen, in denen das Bett zur Nebensache wurde, finden Sie in »Hotelgeschichte(n) weltweit«, eine Sammlung der interessantesten Hotels dieser Welt und der Anekdoten, die sich innerhalb ihrer Wände abgespielt haben: Prominente Gäste, die sie beherbergt haben, Erfindungen, die sie beeinflusst haben, Geschichte und Geschichten, die dort geschrieben wurden.

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Michael Pohl ist Reisejournalist, Zeitungsdesigner und Großbritannienexperte und gondelt sowohl in diesen Funktionen als auch ganz privat immer wieder durch die Welt. Meist ist er irgendwo jenseits des Ärmelkanals anzutreffen, wo er selbst gelebt hat und wo er seit Jahren für Reportagen und Analysen Land, Leute und das politische Geschehen beobachtet. Michael Pohl schreibt für mehrere Tageszeitungen und Onlineauftritte. Als Buchautor befasst er sich vor allem mit den Britischen Inseln.