Hotel Nacional de Cuba, Havanna: Wo Amerikas Unterwelt ein und aus ging

Hotel Nacional de Cuba, Havanna: Wo Amerikas Unterwelt ein und aus ging

Konferenzen in Hotels sind an sich nicht ungewöhnlich – diese hingegen hätte unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten wohl nie stattfinden dürfen: Im Dezember 1946 trafen sich die Mafiabosse Amerikas im kubanischen Havanna, unter anderem um ihre Tätigkeitsgebiete abzustecken. Eine Woche kamen sie im fürstlichen Hotel Nacional zusammen, einem Ort, an dem sie zur damaligen Zeit halbwegs außerhalb der Beobachtung der amerikanischen Behörden standen.

Das Treffen hatte Gewicht: Die Entscheidungen, die dort getroffen wurden, wirkten sich offenbar für viele Jahre aus auf die organisierte Kriminalität der USA.

Bedeutendes Gangster-Meeting

Im Nachhinein sprachen Historiker vom bedeutendsten Gangster-Meeting seit der Atlantic-City-Konferenz 1929, der ersten nachweisbaren Zusammenkunft der amerikanischen Verbrecherfamilien. Charles »Lucky« Luciano, ein von den USA nach Italien ausgewiesener Mafiaboss, und Meyer Lansky, Betreiber zahlreicher großer Spielkasinos, waren die Organisatoren der Havanna-Konferenz. Sie wurden im Nachgang stets als Gründer des Verbrechersyndikats der USA bezeichnet. Francis Ford Coppola baute ihr Treffen auf Kuba später in seine Filmtrilogie Der Pate ein.

Ganz ungewöhnlich schien der Ort der Konferenz nicht: Havanna war zu jener Zeit Treffpunkt der High Society Amerikas. Fidel Castro, Che Guevara – sie waren damals noch machtlose Untergrundkämpfer, stattdessen erfreute man sich an der Traumkulisse eines prächtigen Landes. Künstler und Musiker, Wissenschaftler und Entertainer, sie alle gingen in dem im spanischen Stil gehaltenen Prachtbau des Nacional ein und aus.

Und so ganz unschuldig an dem Tagungsort ist wohl auch Fulgencio Batista nicht gewesen, der später von Castro gestürzte kubanische Diktator. Dieser lebte Mitte der 40er-Jahre kurzzeitig in den USA und baute dort offenbar engen Kontakt zu Mafiosi auf. Diese Annäherung hatte Auswirkungen: Gemeinsam mit Meyer Lansky entwickelte Batista das Hotel Nacional in den 50er-Jahren zu einem der erfolgreichsten Kasinos Amerikas.

Die Zeit des Spielens und Gaunerns hatte ein jähes Ende: Nachdem Fidel Castro sich 1959 an die Macht geputscht hatte, ließ er das Kasino schließen. Glücksspiel war fortan auf Kuba verboten. Das Hotel wurde verstaatlicht, die früheren US-Betreiber flohen ins Ausland. Während der Kubakrise 1962 installierte die Armee Flugabwehrraketen auf dem Hotelgelände.

Mit dem Hotel Nacional ging es bergab – niemand wollte zunächst auf der Karibikinsel Urlaub machen. Die Regierung nutzte das Haus zur Unterbringung ausländischer Diplomaten. Es verschwand aus den Erinnerungen vieler. Erst 1990 mit dem Fall des Kommunismus in anderen Ländern der Erde wurde wieder in das Hotel investiert. 1992 eröffnete es grundsaniert und sollte fortan für eine neue Ära des Tourismus auf Kuba stehen – und dadurch Devisen einbringen.

Erst Mafiosi-Tagungsstätte, später Weltkulturerbe

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Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Hotel Nacional de Cuba, www.hotelnacionaldecuba.com

Heute zählen Teile des Hotelgeländes gemeinsam mit der Altstadt Havannas zum Weltkulturerbe der Unesco. Denn nicht nur das 1930 erbaute Gebäude kann auf eine lange Geschichte zurückblicken – auch das Grundstück, auf dem es steht, kann es. Früher sollen hier Piraten an Land gekommen sein. Während der spanischen Besatzung Kubas stand an dieser Stelle die Santa Clara Battery, eine Geschützanlage, die drohende Angriffe abwehren sollte. Das Nacional selbst wurde 1988 zum Nationaldenkmal Kubas erklärt.

Rückblickend bleibt ein schöner Trost: Nicht nur das bedeutendste Verbrechersyndikat der USA wurde hier geboren, sondern auch eine Organisation, die bis heute friedlichen Zwecken nachgeht. Denn 1945 hoben im Nacional 57 Fluggesellschaften die International Air Transport Association aus der Taufe. Sie vertritt heute weltweit die Interessen der Fluggesellschaften und ist inzwischen in Montreal beheimatet.

Adresse: Hotel Nacional de Cuba, Calle 21 y O, Vedado, Plaza, Havanna, Kuba, www.hotelnacionaldecuba.com
Baujahr: 1930
Berühmte Gäste: Winston Churchill (Politiker), Frank Sinatra (Entertainer), Ava Gardner (Schauspielerin), Alexander Fleming (Bakteriologe und Medizin-Nobelpreisträger), Juri Gagarin (Astronaut), Backstreet Boys (Boyband)
Do it yourself: Einen Cuba Libre im Garten des Hotels bestellen, entspannen – und einmal wie Meyer Lansky & Co fühlen.

74 weitere Herbergen, in denen das Bett zur Nebensache wurde, finden Sie in »Hotelgeschichte(n) weltweit«, eine Sammlung der interessantesten Hotels dieser Welt und der Anekdoten, die sich innerhalb ihrer Wände abgespielt haben: Prominente Gäste, die sie beherbergt haben, Erfindungen, die sie beeinflusst haben, Geschichte und Geschichten, die dort geschrieben wurden.

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Michael Pohl ist Reisejournalist, Zeitungsdesigner und Großbritannienexperte und gondelt sowohl in diesen Funktionen als auch ganz privat immer wieder durch die Welt. Meist ist er irgendwo jenseits des Ärmelkanals anzutreffen, wo er selbst gelebt hat und wo er seit Jahren für Reportagen und Analysen Land, Leute und das politische Geschehen beobachtet. Michael Pohl schreibt für mehrere Tageszeitungen und Onlineauftritte. Als Buchautor befasst er sich vor allem mit den Britischen Inseln.