Kempinski Hotel Bristol, Berlin: Wo ein ganzes Hotel von Ost nach West zog

Kempinski Hotel Bristol, Berlin: Wo ein ganzes Hotel von Ost nach West zog

Es war Theodor Fontane, der sich Ende des 19. Jahrhunderts mit einer zwar nicht weltbewegenden, aber doch interessanten Frage der Zeit befasste: In etlichen Städten – vor allem in Europa, aber auch in anderen Gebieten der Welt – wurden in dieser Zeit Hotels unter dem Namen »Bristol« eröffnet. Warum bloß, fragt sich der Autor in seinem 1897 erschienenen Roman Der Stechlin.

»Alles ersten Ranges, kein Zweifel«, heißt es bei Fontane, »wozu noch kommt, dass mich der bloße Name schon erheitert, der neuerdings jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. (…) Alle müssen ›Bristol‹ heißen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima.«

Und der Autor stellt in diesem Zusammenhang die Frage aller Fragen: »Ob es hier wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehen haben? Viele gewiss nicht, denn Schiffskapitäne, die zwischen Bristol und New York fahren, sind in unserm guten Berlin immer noch Raritäten.«

Diese Stelle des Romans handelt vom Berliner Hotel Bristol – das es genau genommen zweimal gab. Gustav Georg Carl Gause erbaute für Conrad Uhl das erste der beiden zwischen 1890 und 1891 am Prachtboulevard Unter den Linden.

Es war ein Grandhotel im kaiserlichen Stil, prägnant vor allem durch sein zentrales Kuppeltürmchen. Schriftsteller wie George Bernard Shaw stiegen hier ab, der Architekt und Designer Peter Behrens (er schuf unter anderem das Continental-Verwaltungsgebäude in Hannover sowie das Mannesmann-Haus in Düsseldorf) erlag in dem Hotel 1940 einem Herzschlag.

Und bereits am 30. September 1897 fand im Bristol gar ein Vorgänger der ersten Internationalen Automobil-Ausstellung statt, die heute in Frankfurt am Main veranstaltet wird. Damals freilich noch in geradezu winzigem Ausmaß: Gerade einmal acht Fahrzeuge gab es zu sehen.

Bereits 1904 übernahm die Hotelbetriebs AG der Familie Kempinski die Geschäfte. Diese war bereits sehr erfolgreich in der Gastronomie tätig – musste wegen ihrer jüdischen Wurzeln während des Zweiten Weltkrieges jedoch ins Ausland flüchten.

Vorläufiges Ende

Am 22. November 1943 schließlich kam auch das Aus für ihr inzwischen von den Nazis übernommenes Haus: Das Hotel Bristol Unter den Linden wurde durch einen Luftangriff zerstört. Es war das vorläufige Ende eines der bedeutendsten Hotelbetriebe der Hauptstadt. Nach dem Krieg kam es an dieser Stelle nicht wieder zu einem Neuaufbau – Russland beanspruchte das Gelände für den Bau seiner Berliner Botschaft.

Frederic W. Unger, der einzige überlebende Enkel der Kempinskis, kehrte nach dem Krieg zurück nach Berlin. Auf dem Gelände eines abgebrannten Restaurants der Familie am Kurfürstendamm errichtete er 1951 ein Hotel – das Kempinski Hotel Bristol. Es sollte den Erfolg des zerstörten Hauses fortführen. Und war noch mehr – eine der ersten großen Investitionen im zerstörten Berlin. Zur Eröffnung titelte eine Zeitung der Stadt: »Kempinski heißt: Berlin kommt wieder«.

Das »Kempi«

Bristol

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Kempinski Hotel Bristol, www.kempinskiberlin.de

In den folgenden Jahren entwickelte sich das »Kempi«, wie die Berliner das Haus nun nannten, zum wichtigsten Hotel im Westen der Stadt. Gemeinsam mit dem Café Kranzler stand es über viele Jahrzehnte für das entspannte Alltagsleben im Westen der geteilten Stadt. Die Hotelbetriebs-AG übernahm noch in den 50er-Jahren das Hotel am Kurfürstendamm.

Weil der Name weit über die Grenzen der Stadt hinaus als Inbegriff von Luxus bekannt war, wurde er schnell zum Namen für den gesamten Konzern. Heute gilt die Kempinski-Hotelgruppe als älteste Luxushotelkette Europas. Sie verfügt über knapp 70 Häuser in Europa, Asien und Afrika. Was dazu führte, dass der Name Kempinski auch wieder in der Straße Unter den Linden zu finden ist: Das Hotel Adlon am Pariser Platz gehört nun ebenfalls zum Konzern.

Über die Herkunft des Namens Bristol herrscht im Übrigen nach wie vor Unklarheit. Zwar verwenden einige der Bristol-Hotels auf der Welt bis heute Teile des Wappens der südenglischen Stadt (wo es übrigens erst seit wenigen Jahren ein »Bristol Hotel« gibt); es deutet jedoch einiges darauf hin, dass die beliebte Bezeichnung in der Reiselust des vierten Earls von Bristol begründet ist, dem früheren Bischof von Derry. Der soll im 18. Jahrhundert ein bekannter Reisender gewesen sein. Was offenbar dazu führte, dass Herbergen sich damit brüsteten, wenn er bei ihnen übernachtet hatte.

Adresse: Kempinski Hotel Bristol, Kurfürstendamm 27, Berlin, www.kempinskiberlin.de
Baujahr: 1891 (erstes Hotel), 1952 (zweites Hotel)
Berühmte Gäste: John F. Kennedy, Ronald Reagan (Politiker), Herbert von Karajan (Dirigent), Roger Moore, Cary Grant (Schauspieler)
Do it yourself: Fontanes Roman »Der Stechlin« bietet sich als Bettlektüre an.

74 weitere Herbergen, in denen das Bett zur Nebensache wurde, finden Sie in »Hotelgeschichte(n) weltweit«, eine Sammlung der interessantesten Hotels dieser Welt und der Anekdoten, die sich innerhalb ihrer Wände abgespielt haben: Prominente Gäste, die sie beherbergt haben, Erfindungen, die sie beeinflusst haben, Geschichte und Geschichten, die dort geschrieben wurden.

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Michael Pohl ist Reisejournalist, Zeitungsdesigner und Großbritannienexperte und gondelt sowohl in diesen Funktionen als auch ganz privat immer wieder durch die Welt. Meist ist er irgendwo jenseits des Ärmelkanals anzutreffen, wo er selbst gelebt hat und wo er seit Jahren für Reportagen und Analysen Land, Leute und das politische Geschehen beobachtet. Michael Pohl schreibt für mehrere Tageszeitungen und Onlineauftritte. Als Buchautor befasst er sich vor allem mit den Britischen Inseln.