The Langham, London: Wo Sherlock Holmes ermittelte

The Langham, London: Wo Sherlock Holmes ermittelte

»Ein Skandal in Böhmen« war 1891 die erste wirklich erfolgreiche Kurzgeschichte um den Londoner Detektiv Sherlock Holmes – nach zwei vorangegangenen Büchern, die bis dato bei Weitem nicht solche Beachtung gefunden hatten.

In »Ein Skandal in Böhmen« erscheint ein gewisser Baron von Kramm bei Holmes und zieht ihn geradewegs hinein in eine Erpressung innerhalb des europäischen Hochadels. Wo er denn wohne, fragt der Detektiv seinen Besucher schließlich, und dieser antwortet: »Sie finden mich im Langham.«

Langham

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Langham, www.london.langhamhotels.co.uk

Es ist nicht die einzige Sherlock-Holmes-Geschichte, in der das bekannte Londoner Luxushotel eine Rolle spielt. Bereits in »Das Zeichen der Vier«, einem der beiden vorangegangenen, zunächst wenig beachteten Fälle, zieht es den Hauptcharakter ins Langham.

Dort verschwindet Captain Morstan spurlos, dessen Tochter bittet Holmes um Hilfe. Und auch in »Das Verschwinden der Lady Frances Carfax« ist wieder von einem gewissen Londoner Hotel die Rede: dem Langham.

Ganz ungewöhnlich ist dies nicht: Ende des 19. Jahrhunderts galt das Langham als eines der ganz wenigen wirklich luxuriösen Hotels in Großbritannien. 1865 wurde der herrschaftliche Bau eröffnet und galt fortan als bedeutendstes Grandhotel seiner Zeit. Der Adel Europas stieg im Langham ab, entzückt vom damaligen Komfort wie den Badezimmern im Allgemeinen und den Toiletten mit Wasserspülung im Speziellen.

Autoren musste die edle Umgebung geradezu inspirieren, noch dazu, wenn sie nur unweit entfernt lebten: Sir Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlock Holmes, wohnte in der Nachbarschaft und galt so als regelmäßiger Gast des Hauses.

Auch seine berühmte Kriminalfigur siedelte er in dieser Gegend an: Die Baker Street, jene bekannte Straße, in der Holmes seinen Wohnsitz hat, liegt nur ein paar Querstraßen vom Langham entfernt.

Ein goldener Abend

Im Jahr 1889 gab es ein Treffen in dem Hotel, das für die Entwicklung von Sherlock Holmes von entscheidender Bedeutung gewesen sein muss: Nach Hotelrecherchen trafen sich am 30. August jenes Jahres Doyle, Schriftsteller Oscar Wilde sowie Joseph Marshall Stoddart, Chefredakteur der Literaturzeitschrift Lippincott’s Monthly Magazine, zum Abendessen – ein »goldener Abend für mich«, wie Doyle Jahre später schrieb.

Wilde und er sollen demnach dort im Langham versprochen haben, Beiträge für Lippincott’s Monthly Magazine zu schreiben. Wilde verfasste »Das Bildnis des Dorian Gray«, Doyle steuerte »Das Zeichen der Vier« bei, jene Geschichte, in der Sherlock Holmes seinen zweiten Auftritt hat und durch die die Idee zur Serie geboren wurde.

Das Langham ist bis heute ein architektonisches Aushängeschild Londons – wie eine Burg steht das imposante Bauwerk am nördlichen Ende der Regent Street, vis-à-vis dem nicht minder bekannten Broadcasting House des BBC-Rundfunks.

Entstanden ist das Langham-Gebäude bereits 1814, als es der renommierte britische Architekt John Nash für den Bau eines Herrenhauses erwarb. Nash zeichnete damals für zahlreiche bekannte Gebäude in London verantwortlich, unter anderem für den Umbau des Buckingham House zum heutigen Buckingham Palace.

1863 wurde das Herrenhaus von den Architekten John Giles und James Murray in den heutigen Hotelkomplex umgebaut und erweitert. Für die damals enorme Summe von 300.000 Pfund verwandelten sie das Anwesen in ein fürstliches Gebäude mit sieben Stockwerken, 600 Zimmern und dem ersten hydraulischen Lift des Landes.

Am 10. Juni 1865 eröffnete der Prinz von Wales, der spätere König Edward VII., das Langham Hotel. Auch eines der ersten Reisebüros des Landes war in dem frisch eröffneten Komplex untergebracht: Ein Unternehmen namens Thomas Cook & Son verkaufte hier unter anderem Tickets für internationale Schiffsrouten. Später sollte aus dem Betrieb eines der größten Tourismusunternehmen Europas werden.

Eine Frage der Identität

Der Erfolg des Langham währte zunächst nicht lang: Geschwächt durch eine Wirtschaftskrise ging die Betreibergesellschaft des Hotels nur zwei Jahre später bankrott. Ein Nachfolger war schnell gefunden, doch noch einmal geriet der Betrieb in Schwierigkeiten.

In den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts erwarb die BBC das Gebäude. Sie nutze einige Teile als Lagerräume, verlegte Büros in den Komplex, später auch Aufnahmestudios. Während der Bombardierung Londons durch Hitlers Armee wurde der Westflügel des Gebäudes zerstört, außerdem ein Wassertank, der das gesamte Haus überflutete. Das Langham musste vorübergehend schließen.

In den 60er-Jahren nutzte die BBC den Hotelkomplex wieder zunehmend: Der Palmenhof diente als Aufführungsort für Orchesterkonzerte und Aufzeichnungen von Comedy-Sendungen, der Ballsaal wurde zum Schallplattenarchiv. 1980 plante der Sender gar, das Gebäude komplett abreißen zu lassen, um einen neuen Verwaltungskomplex hochziehen zu können in unmittelbarer Nähe des Sendergebäudes. Doch die Genehmigung wurde verweigert.

Daraufhin wurde das Langham an einen Investor veräußert, der es zu dem umbaute, was es einmal war: eines der besten Hotels am Platze. 1991 eröffnete es wieder, zunächst als Teil der Hilton-Gruppe. 2004 ging es in die Hände der Hongkonger Great Eagle Holdings über, deren Hotelsparte seitdem unter dem Traditionsnamen The Langham firmiert.

Adresse: The Langham, 1c Portland Place, Regent Street, London, Großbritannien, http://london.langhamhotels.co.uk
Baujahr: 1865
Berühmte Gäste: Charles de Gaulle (Politiker), Sir Arthur Conan Doyle, Oscar Wilde (Schriftsteller), Richard Gere, Martin Sheen (Schauspieler)
Do it yourself: Machen Sie es wie Sir Arthur Conan Doyle und gönnen Sie sich einen Afternoon-Tea im Palm Court des Langham – vielleicht mit einem spannenden Sherlock-Holmes-Buch.

74 weitere Herbergen, in denen das Bett zur Nebensache wurde, finden Sie in »Hotelgeschichte(n) weltweit«, eine Sammlung der interessantesten Hotels dieser Welt und der Anekdoten, die sich innerhalb ihrer Wände abgespielt haben: Prominente Gäste, die sie beherbergt haben, Erfindungen, die sie beeinflusst haben, Geschichte und Geschichten, die dort geschrieben wurden.

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Michael Pohl ist Reisejournalist, Zeitungsdesigner und Großbritannienexperte und gondelt sowohl in diesen Funktionen als auch ganz privat immer wieder durch die Welt. Meist ist er irgendwo jenseits des Ärmelkanals anzutreffen, wo er selbst gelebt hat und wo er seit Jahren für Reportagen und Analysen Land, Leute und das politische Geschehen beobachtet. Michael Pohl schreibt für mehrere Tageszeitungen und Onlineauftritte. Als Buchautor befasst er sich vor allem mit den Britischen Inseln.