Raffles, Singapur: Wo Singapur einen eigenen Cocktail bekam

Raffles, Singapur: Wo Singapur einen eigenen Cocktail bekam

Ein Besuch des Singapurer Raffles-Hotels ist beinahe so etwas wie eine Zeitreise: Ein Hauch von Kolonialzeit weht Gästen entgegen, sobald sie sich dem Grundstück nähern. Inmitten einer ansonsten fast vollständig neu gebauten Innenstadt hat sich das Raffles ein Stück Vergangenheit bewahrt. Tradition verpflichtet eben.

Dazu gehört auch eine vor allem für Singapur recht ungewöhnliche Praxis: In der Long Bar des Hotels ist der Fußboden über und über mit Erdnussschalen bedeckt. Die Barkeeper reichen Nüsse zu den Getränken – und die Schalen dürfen nach dem Pulen einfach auf den Boden geworfen werden. Das macht hier jeder so.

In einem fast schon klinisch reinen Stadtstaat aber, in dem bereits das Austreten einer Zigarette auf dem Gehweg gut und gern 5.000 Dollar Strafe kosten kann, ist das eine überaus erstaunliche Tradition. Der Grund dafür liegt weit zurück: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts reisten Farmer von außerhalb immer an den Wochenenden in die Stadt, um in der Long Bar zu trinken. Von ihren Feldern waren sie es gewohnt, Abfall einfach auf die Erde zu werfen – und das wollten sie sich für einen Ausflug in die Stadt nicht eigens abgewöhnen.

Die Long Bar

Die Long Bar – heute im zweiten Stock untergebracht, ursprünglich aber als Erdgeschossbar eröffnet – ist der wohl beste Ort, um mit der Erkundung des altehrwürdigen Hotels zu beginnen. Schließlich wurde hier ein Getränk erfunden, das heute in aller Welt zu haben ist, selbst an Bord der Flugzeuge von Singapore Airlines: der Singapore Sling, ein rosafarbener Cocktail, bestehend unter anderem aus Gin, Kirschlikör und Bénédictine.

Der chinesische Barkeeper Ngiam Tong Boon hat den Mischmasch zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfunden – eigentlich, um auch Frauen in die damals von Männern dominierte Bar zu locken. Doch längst ist der fruchtig-süße Cocktail zu einem Getränk geworden, das Besuchern beider Geschlechter schmeckt. Deswegen ist er auch in den meisten Cocktail-Rezeptbüchern zu finden.

Viele Besucher kommen inzwischen vor allem für einen Singapore Sling an dessen Geburtsort – denn was Übernachtungsgäste angeht, hat sich das Haus inzwischen mit einer großen Anzahl an Suiten vor allem auf zahlungskräftige Kunden eingestellt. Das Raffles ist eine Oase im Hochhausmeer von Singapur. Als einer der wenigen Bauten aus der britischen Kolonialzeit hat es dem Drang zu immer neuen, immer höheren Gebäuden standhalten können.

Raffles

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Raffles Hotel, www.raffles.com/singapore

Vier Brüder eröffneten das Raffles im Jahr 1888, das damals noch in einem kleinen beschaulichen Bungalow mit zehn Zimmern untergebracht war. Über die Jahre wurde es immer wieder erweitert. Zuletzt vergrößerte es ein neuer Besitzer 1991 um fast die doppelte Fläche – architektonisch alles so streng am alten Kern orientiert, dass man heute den Unterschied nicht sieht. Die Regierung von Singapur erklärte das Raffles 1987 zum Nationaldenkmal.

Eine viel beschriebene Legende über das Hotel entspricht übrigens nicht ganz den Tatsachen: Es heißt oft, im Raffles sei 1902 der letzte wilde Tiger von Singapur erlegt worden. In der Tat wurde damals auf dem Gelände unterhalb des erhöht gebauten Billardraumes ein solches Tier erschossen – doch es entstammte einem Zirkus, der zu dieser Zeit in Singapur gastierte, und war zuvor ausgebrochen. So wild war er also gar nicht – schon damals gab es auf der Insel längst keine frei lebenden Tiger mehr.

Das Originalrezept des Singapore Sling

  • 30 ml Gin
  • 15 ml Kirschlikör
  • 120 ml Ananassaft
  • 15 ml Zitronensaft
  • 7,5 ml Cointreau
  • 7,5 ml Bénédictine
  • 10 ml Grenadine
  • 1 Spritzer Angosturabitter
    (Mit einem Stück Ananas und einer Kirsche servieren)

Adresse: Raffles, 1 Beach Road, Singapur, www.raffles.com/singapore
Baujahr: 1888 (Erweiterung 1991)
Berühmte Gäste: Charlie Chaplin (Schauspieler), Königin Elizabeth II. (Staatsoberhaupt), Hermann Hesse (Schriftsteller)
Do it yourself: Ein Singapore Sling in der Long Bar ist ein Muss.

Das Raffles feiert in diesem Jahr den 100. Geburtstag des Singapore Sling: www.wilde.de/Anlage/PM_Raffles_Singapore_Sling.pdf

74 weitere Herbergen, in denen das Bett zur Nebensache wurde, finden Sie in »Hotelgeschichte(n) weltweit«, eine Sammlung der interessantesten Hotels dieser Welt und der Anekdoten, die sich innerhalb ihrer Wände abgespielt haben: Prominente Gäste, die sie beherbergt haben, Erfindungen, die sie beeinflusst haben, Geschichte und Geschichten, die dort geschrieben wurden.

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Michael Pohl ist Reisejournalist, Zeitungsdesigner und Großbritannienexperte und gondelt sowohl in diesen Funktionen als auch ganz privat immer wieder durch die Welt. Meist ist er irgendwo jenseits des Ärmelkanals anzutreffen, wo er selbst gelebt hat und wo er seit Jahren für Reportagen und Analysen Land, Leute und das politische Geschehen beobachtet. Michael Pohl schreibt für mehrere Tageszeitungen und Onlineauftritte. Als Buchautor befasst er sich vor allem mit den Britischen Inseln.