The Hotel Windsor, Melbourne: Wo Australiens Verfassung entworfen wurde

The Hotel Windsor, Melbourne: Wo Australiens Verfassung entworfen wurde

Es ist gar nicht so einfach, in Australien Hinterlassenschaften aus dem 19. Jahrhundert zu finden – die Geschichte des Staates ist einfach zu jung, als dass dort in jener Zeit viel Bleibendes hätte hinterlassen werden können. Über Jahrtausende lebten die Aborigines, die Ureinwohner, fern von jeglicher Entwicklung im Rest der Welt. Nach mehreren kurzen europäischen Expeditionen waren es die Briten, die Australien erst 1770 kolonialisierten und nach ihren Vorstellungen entwickelten.

Insofern braucht man eigentlich keine besonders lange Geschichte aufzuweisen, um auf dem »roten Kontinent« als geschichtsträchtig zu gelten – das Hotel Windsor in Melbourne kann dies jedoch auch nach europäischen Maßstäben: Im Dezember 1883 wurde es in der späteren vorübergehenden Hauptstadt Australiens eröffnet und ist damit älter als viele Traditionshotels im Rest der Welt. Zudem lag hier gewissermaßen die Wiege des modernen Australien: Es sollen die Räume des Windsor gewesen sein, in denen im Februar und März 1898 die Verfassung des Landes entworfen wurde.

Weit hatten es die Verfasser damals nicht: Das Hotel liegt gleich gegenüber dem Parlamentsgebäude des Bundesstaates Victoria in der Spring Street. Hier tagte zunächst auch das australische Parlament, bevor mit Canberra ein eigenes Hauptstadtareal errichtet wurde.

George Nipper, erfolgreicher Reeder, war der Gründer des Hotel Windsor. Schon lange hegte er den Traum eines Luxushauses für Melbourne – der britische Architekt Charles Webb entwarf es ihm: einen Prachtbau, der zu Beginn unter dem Namen »The Grand« firmierte.

Nipper geriet jedoch wegen seiner weiteren Geschäfte bald in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verkaufte das Hotel an den Politiker James Munro. Dieser investierte massiv: Er verdoppelte die Fläche des späteren Windsor und ließ unter anderem einen großen Festsaal anbauen. Und er änderte die Geschäftspolitik: Munro war ein entschiedener Gegner von Alkohol, weshalb er den Ausschank in seinem Hotel fortan untersagte. Aus dem Grand wurde das Grand Coffee Palace, ein Name, der zu jener Zeit in Australien üblich war für Hotels ohne Alkohollizenz. Viel Erfolg schien er mit seinem Konzept nicht gehabt zu haben: Munro ging bankrott.

1897 wechselte das Hotel deswegen erneut den Besitzer. Das Grand, wie es nun wieder hieß, fusionierte mit dem benachbarten Old White Hart Hotel, das es schließlich sogar überdauern sollte. Heute steht ein Flügel des Hotels auf dem Gelände des 1960 abgerissenen Old White Hart.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Hotel Windsor, www.thehotelwindsor.com.au

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Hotel Windsor, www.thehotelwindsor.com.au

Ein Besuch des Prinzen von Wales war 1923 ausschlaggebend für einen erneuten Namenswechsel: Um an dessen Mittagessen im Ballsaal des Hotels zu erinnern, benannten die Inhaber das Haus um in Hotel Windsor, in Anlehnung an das Haus Windsor, die königliche britische Familie. In der Stadt hatte der aufwendige Bau daraufhin schnell einen Spitznamen inne: »Duchess of Spring Street«, die Herzogin der Spring Street.

Die Zeit zog indes nicht spurlos an dem prachtvollen Gebäude vorüber: 1976 drohte der Abriss des in die Jahre gekommenen Windsor, weshalb der Bundesstaat Victoria einsprang. Er erwarb das Hotel, um es als wichtigen Teil des Landes zu erhalten. Schließlich war es bereits damals das älteste erhalten gebliebene Hotel Australiens.

Die indische Oberoi-Gruppe betrieb das Hotel fortan und erwarb es schließlich 1990, nicht ohne es mehrfach zu renovieren. 2005 schließlich wurde es wieder unabhängig: Die Halim-Familie aus Indonesien übernahm das Haus. Sie betreibt es bis heute.

Adresse: The Hotel Windsor, 111 Spring Street, Melbourne, Australien, www.thehotelwindsor.com.au
Zimmer: 180
Sterne: 5
Baujahr: 1883
Berühmte Gäste: Muhammad Ali (Boxer), Katharine Hepburn, Vivien Leigh (Schauspielerin)
Do it yourself: Es gibt ihn noch, den Ballsaal, in dem der Prinz von Wales einst aß. Auch eine Suite ist nach dem Haus von Windsor benannt. Mehr Landesgeschichte kann man gegenüber im Parlamentsgebäude erleben.

74 weitere Herbergen, in denen das Bett zur Nebensache wurde, finden Sie in »Hotelgeschichte(n) weltweit«, eine Sammlung der interessantesten Hotels dieser Welt und der Anekdoten, die sich innerhalb ihrer Wände abgespielt haben: Prominente Gäste, die sie beherbergt haben, Erfindungen, die sie beeinflusst haben, Geschichte und Geschichten, die dort geschrieben wurden.

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Michael Pohl ist Reisejournalist, Zeitungsdesigner und Großbritannienexperte und gondelt sowohl in diesen Funktionen als auch ganz privat immer wieder durch die Welt. Meist ist er irgendwo jenseits des Ärmelkanals anzutreffen, wo er selbst gelebt hat und wo er seit Jahren für Reportagen und Analysen Land, Leute und das politische Geschehen beobachtet. Michael Pohl schreibt für mehrere Tageszeitungen und Onlineauftritte. Als Buchautor befasst er sich vor allem mit den Britischen Inseln.