Im Bauch Athens

Im Bauch Athens

Staunen, schwelgen, sich gruseln oder einfach nur einkaufen kann man auf Athens zentralem Markt. Ein farbenfroher und geräuschvoller Weg ins Schlaraffenland.

© Heidi Jovanovic

Markt in Athen | © Heidi Jovanovic

Es ist die geschäftige Athinás-Straße, die zum Bauch Athens führt, zu seinem zentralen Markt, auch Varvakios-Markt genannt. Volkstümliche Preise bestimmen das Angebot der vielen Kiosks und kleinen Läden mit ihrem bunten Warensortiment von Armbanduhren über Geldbörsen, Koffer und Taschen bis zu Textilien und Haushaltswaren. Je mehr man sich dem Markt nähert, desto stärker dominieren Billigprodukte. Etwa auf halber Höhe zwischen Monastiráki- und Omónia-Platz breitet er sich beidseits der Athínas zwischen den Seitenstraßen Evripídou und Sofokléous aus. Auf dem von Ladenzeilen mit Spezialitäten wie Oliven, Öl und Spirituosen flankierten Platz auf der einen Straßenseite haben Obst- und Gemüsehändler ihre Waren ausgebreitet. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen drei hohe, 1879-1880 errichtete Markthallen. Die mittlere beherbergt den Fischmarkt, die beiden äußeren den Fleischmarkt.

Hier tobt das pralle Leben. Lautstark preisen die Metzger in blutbefleckten weißen Kitteln ihre Ware an, treten vor ihre Stände, um sie dem potentiellen Käufer unter die Nase zu halten, soweit sie handlich genug ist. Bei den ganzen Kaninchen, Ziegen, Lämmern und Rinderhälften, die hier vom Haken baumeln, ist das freilich nicht der Fall. Hier ist das Tier nicht auf das Schnitzel reduziert. Mal hängt es im Ganzen da, bevor es bei Bedarf blutspritzend vor den Augen der Kunden mit kräftigen Beilschlägen zerlegt wird. Mal findet man all seine Bestandteile wohl drapiert, von sämtlichen Innereien über die Füße bis zu den Köpfen. Helle Neonleuchten und unzählige Lampen und Glühbirnen tun ihr Bestes, um alles klar und plastisch ins Licht zu setzen. Da muss man durch, wenn man in dem auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurückblickenden Restaurant Papandreou essen will. Wie die Mauer aus Reisbrei, durch die es sich zu fressen gilt, will man ins Schlaraffenland gelangen, ist dieses Erlebnis Zwang, bevor man sich an einen der Tische des Papandreou setzen darf. Einen anderen Zugang gibt es nicht.

Speisen unter Einheimischen, umgeben von Essbarem in Rohform

Papandreou | © Heidi Jovanovic

Papandreou | © Heidi Jovanovic

Hat man den Fuß über die Schwelle des Papandreou gesetzt, gibt es alles lecker gegart, eben fast wie im Schlaraffenland – nur dass man freilich dafür berappen muss, allerdings nicht allzu viel. Für das, was ein Cappuccino und ein Stück Kuchen in einem der chicen Cafés im Thisío-Viertel oder am Sintágma-Platz kostet, bekommt man hier eine ordentliche Mahlzeit mit einem halben Liter Wein. Wasser kommt in Karaffen kostenlos auf den Tisch, dessen Marmorplatte ohne Tischdecke bleibt. Auf die in Tavernen sonst üblichen Papiertischdecken verzichtet man hier. Dafür wird nach jedem Gast die Platte blitzblank gewischt.

Nicht die Einheitskost der Touristenhochburgen wird serviert, sondern alles, was die traditionelle griechische Küche zu bieten hat, dauernd frisch zubereitet, vierundzwanzig Stunden am Tag. Schließlich können die Köche aus dem Vollen schöpfen. Umgeben von Gemüse, Fleisch und Fisch von beeindruckender Artenvielfalt und Frische, zaubern sie Tag um Tag, ja Stunde um Stunde, neue Köstlichkeiten: Lamm in Zitronensauce, Ziegensuppe, Rindfleisch mit Zwiebeln, Calamari in Weinsauce, Aufläufe wie Mousaká, Pastízio und andere Variationen, gefüllte Auberginen, dauernd wechselnde Sorten Gemüse und Fisch, mit Kräutern und Gewürzen gekocht oder im Backofen gegart, und vieles mehr. Will man den durchdrungenen Reispudding, sprich die rohen Tiersaiten und die blutbefleckten, beilschwingenden Metzger vor ihren Hackblöcken beim Speisen nicht mehr sehen, bleibt einem nur, einen Platz zu wählen, auf dem man das Marktgeschehen im Rücken hat. Denn das Lokal ist voll in den Fleischmarkt integriert. Durch die hohen Glastüren und -fenster blickt man auf das Markttreiben.

Das Papandreou erstreckt sich über drei Etagen. Doch zu den meisten Tageszeiten herrscht vorwiegend in der unteren Betrieb. Hier kann man auch direkt an der Theke aus großen Reinen und Schüsseln wählen und in die Küche blicken. Verständigungsschwierigkeiten gibt es wenig, obwohl hier kaum jemand Fremdsprachen spricht, außer ein wenig Englisch vielleicht. Doch Augen und Gesten reichen vollkommen, um das Gewünschte auf den Tisch zu bekommen.

In den frühen Morgenstunden kommen die Nachtbummler, um mit einer »Pátsas« genannten Kuttelsuppe den Kater zu vertreiben. Später kommen Marktvolk, Hausfrauen, Spaziergänger, Pärchen und ganze Familien. Alle sind mit sichtbarem Appetit bei der Sache. Auf den Tischen stehen neben Salz und Pfeffer kleine Schälchen mit zerstoßenen trockenen Peperoni und Glasflaschen mit würzigem Essig, in dem zerschnittene Knoblauchzehen schwimmen. Vor allem die Pátsas-Esser streuen beziehungsweise gießen daraus kräftig in ihre tiefen Teller. Die Kellner sind flink, fröhlich und engagiert, vergewissern sich, ob es schmeckt, haken nach, ob denn auch wirklich, wenn man etwas zu zögerlich an den riesigen Fischstücken in seinem Teller mit Fischsuppe herumstochert. Ab und zu sitzt Herr Papandreou selbst im Lokal, beobachtet zufrieden das Geschehen, geht an den Tisch des einen oder anderen Gastes und gibt seinen Kellnern Hinweise. Es herrscht ein entspanntes, fröhliches Arbeitsklima. Alle sind emsig, doch keiner scheint gehetzt.

Eine Kleinigkeit essen kann man auch in der anderen der beiden Fleischhallen, die an die Sofokléous-Straße grenzt. Dort befinden sich zwei Ouzerien, wie die griechischen Lokale heißen, die auf das Servieren von Aperitifs mit passenden Happen spezialisiert sind. Als Vorspeise (mezés) sind die hier servierten Sardinen, kleinen Krabben, Fleischbällchen, gebratenen Paprika und Auverginen- und Zucchinischeiben gedacht. Man kann sie entweder als eigenständige Portion oder als »Oúzo me mezé« (wahlweise auch Bier oder Wein »me mezé«) genanntes Gedeck bestellen. Probiert man sich durch einige dieser Tellerchen, wird daraus auch schnell eine ganze Mahlzeit.

In einem traditionsreichen Lokal einem beliebten und einflussreichen Musikstil lauschen

Neben den Ouzerien befindet sich im oberen Stockwerk auch ein traditionsreiches, authentisches Musiklokal namens Stoá ton Athanáton. Nicht Volksmusik, wie sie gern im Rahmen »griechischer Abende« für Touristen vorgetragen wird, bestimmt hier das Programm, sonder Rembétika. So heißen die Lieder und Tänze, die seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in städtischen Subkulturen unter dem Einfluss der von kleinasiatischen Flüchtlingen aus ihrer Heimat mitgebrachten Musiktradition entstanden und sich seither großer Beliebtheit erfreuen. Während der Sommermonate hat das Lokal geschlossen. Erst Ende Oktober öffnet es seine Pforten. Das Programm beginnt spät abends, etwa gegen 23.00 h.

Schillerndes, Schuppiges und Glitschiges aller Formen und Farben

Glitschige Köstlichkeiten | © Heidi Jovanovic

Glitschige Köstlichkeiten | © Heidi Jovanovic

Zwischen den beiden Fleischtempeln liegt die Fischhalle. Hier sind rutschfeste Schuhe von Nutzen. Denn es wird großzügig mit Eis und Wasser umgegangen. Dafür fischelt es auch nirgends, sondern duftet angenehm nach Meer und Meeresgetier. In schwarzen Gummistiefeln und -schürzen sind die Händler gestikulierend, rufend und lachend in dauernder Bewegung. Immer wieder legen sie neues Eis nach, spritzen die feilgebotenen Fische mit Wasser ab, richten sie adrett in Reih und Glied aus und dekorieren mit Zitronen, Tomaten und Petersilie. Sie preisen ihre Ware an. Sie rollen Papier zu Tüten, befüllen sie, treten damit vor, um die Aufmerksamkeit der Passanten auf ihr Angebot zu richten, und scherzen mit Kunden und Kollegen.

Fische soweit das Auge reicht in ungeahnter Farben- und Artenvielfalt. Kräftig rote Skorpionfische von bizarrer Form, kleine rosige bis kupfrige Meerbarben, Brassen aller Größen und Tönungen, mal silbrig, mal golden, mal rötlich, mal gestreift, Makrelen, Barsche und Lachse liegen neben Steigen voller Sardinen, Bergen winziger »Atherína« und riesigen Schwertfischen, Haien und Thunfischen. Dazwischen sind Meeresfrüchte wie Calamari, Octopus, Garnelen, Langusten, Seeigel und Muscheln zwischen langen Reihen von Krabben und Krebsen ausgebreitet. Die richtige Würze findet man schließlich an den Verkaufsständen an den Außenwänden der Halle. Aus riesigen Säcken bieten sie duftende Kräutern und Gewürze an. Nirgendwo ist Athen lebendiger, ursprünglicher und appetitanregender als hier.

Adresse

Restaurant Papandreou
Varvakios Food Market
1, Aristogitonos Str. 10551, Athen
Tel.: +30 / 213 00 82242

Rembetiko-Lokal Stoa Ton Athanaton
Sofokléous Str. 19
Tel.: +30 / 210 321 4362

Weblinks

> Informationen zur Athener Markthalle auf wikipedia.de

> Der Blog zum Buch: Griechenland.Conbook.de

> Heidi Jovanovics Blog: Griechenland erleben

Nächster Artikel:
Vorheriger Artikel:
Dieser Artikel wurde geschrieben von

Heidi Jovanovic arbeitet als Autorin, freie Journalistin und Übersetzerin und liebt das Reisen. Zahlreiche Länder auf fünf Kontinenten hat sie bereits auf eigene Faust besucht. Auf Reisen ist sie stets, auch wenn sie gerade nicht unterwegs ist. Dann finden die Reisen im Kopf statt, dann ist die Zeit der Vor- und Nachfreude, die die Beschäftigung mit der Kultur des fernen Landes bietet.