In Indien

In Indien

Karin Kaiser reist durch Indien. Obwohl sie das Land schon einige Male besucht hat, ist sie immer wieder fasziniert. Für das CONBOOK Magazin fasst sie ihre Faszination in Worte. Begleiten Sie unsere »Fettnäpfchenführer Indien«- und »Bangalore Masala«-Autorin bei ihrer neuesten Begegnung mit der farbenfrohen Kultur Indiens.

Up, up and away

10. Januar

»Bruxelles Airlines dankt, dass Sie mit uns geflogen sind. Wir würden uns freuen, Sie bald wieder an Bord tiefkühlen zu dürfen.«

Zähneklappernd stelle ich fest: Der Weg nach Indien führt durch die Arktis. Jet Airlines übernimmt nahtlos unsere Schockfrostung und trotz meiner Bitten arbeitet die Klimaanlage entsprechend dem subtropischen Ziel weiter auf Hochtouren.

© Karin Kaiser

© Karin Kaiser

10.000 Fuß hoch über Bombay reagiert schließlich mein körpereigener Thermostat und regelt mein System hoch, sodass ich bei der Ankunft die 28 Grad Unterschied zu Berlin spielend überwinde. Fieberglühend lasse ich mich zum Willkommen in Chennai (Madras) von der dieselabgaserfüllten, jasminduftenden Nacht umfangen. Sind das etwa Freudentränen, die mich an der Nase kitzeln?

Im Ambassadortaxi gewiegt, unterwegs nach Vasanta Vihar (Studienzentrum der Krishnamurti Stiftung in Adyar/Chennai) presse ich die Hände fest gegen den plastikbezogenen Sitz. Bin ich wirklich angekommen? Wirklich da? Die Stirn ans halb geöffnete Fenster gelehnt, lausche ich dem Fahrer und dem Freund, den rollenden, singenden tamilischen Lauten. Draußen ziehen mit blinkenden Lichtern geschmückte Palmen vorbei, Häuserzeilen in unklarem Zustand – Abriss oder Aufbau? – ducken sich unter Funzeln. Zwischen rollbahnartigen Positionslichtern lagern Gruppen von Kühen am Straßenrand. Trucks, heulende Dämonen, donnern frontal auf uns zu.

Glücklich schließe ich die Augen: Ja, ich bin wirklich wieder in Indien.

Stolpern und Staunen

25. Januar

Autsch! Ich zucke zurück. Wie konnte ich das vergessen! Aus dem Hahn mit dem blauen Punkt strömt kochend heißes Wasser. Das Türschloss schließt nach links, die Hähne mal so oder so. Wo PEPPER drauf steht, ist Salz drin, im Salzstreuer ist gar nix. One minute kann drei Stunden dauern und No problem! ist garantiert immer eins. Bestelle ich Tee, kommt schwarzer Kaffee, bestehe ich weiter auf Tee, kriege ich Milch – Ewigkeiten später.

Mehrmals täglich findet ein Stromausfall statt und im Dustern spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass die meisten Buchstaben auf der Tastatur in der Internet-Bude abgerubbelt sind. Im Verkehrsgewühl werden aus zwei Fahrspuren fix dreieinhalb oder vier gemacht und die Hupe wird nonstop malträtiert – Kommunikation auf Indisch. Täglich trainiere ich Hindernislauf zwischen stinkenden Müllhaufen und der an vielen Stellen offenen Drainage am Straßenrand und riskiere mein Leben, um im Slalomlauf auf die andere Straßenseite zu gelangen.

© Karin Kaiser

© Karin Kaiser

Wie kriege ich all dies bloß in meinen deutschen Schädel? Tatsächlich – gar nicht. Keine Chance. Zero!

Was mir bleibt ist: Schultern zucken – that’s India –, sie locker zu schütteln, mit dem Kopf zu wackeln und die Füße im Kuhgang voreinander zu stellen.

Und schon kann ich eintauchen, mich treiben lassen im bizarren Fluss des indischen Alltags. Sollte sich dann ein Schmunzeln in meine Mundwinkel stehlen, erhalte ich als Antwort ein Lächeln – strahlend im dunklen Gesicht.

Und da weiß ich wieder um die Geschenke, mit denen Mother India mich verwöhnt: Sternenwirbel auf einem Himmelsgewölbe aus Samt; die Mondsichel, die sich auf dem Rundrücken wiegt; ein Abendhimmel, azurblau, durchwoben von Rosenstreifen; das Rasseln der Palmblätter, warm gestreichelt von einer Brise; Duft, der grünerdig bei Sonnenaufgang vom Land zum Meer treibt; das Lülüüüt, Riiirriiiiie, Rööötöööt im Konzert der exotischen Vogellaute; die Eimerdusche und die Hängematte. Ich fühle meine Füße fest verankert im Sand, der körnig zwischen den Zehen hervorquillt, und meinen Kopf, unter der weißen Sonne federleicht, während meine Knochen noch im Rhythmus der Trommeln vibrieren, die mich beim Tempelfest der schwarzen Göttin hineingerissen haben in die wogende Menge.

Geschenke sinnlich und unvergesslich – bis morgen dann, wenn der dhobi mir meine T-Shirts aushändigt, ehemals weiß, jetzt blaugrau zu Schanden gewaschen.

Here Comes the Sun*

8. Februar

Noch bevor Indien mit Brausen erwacht, dringt aus dem Dunkel das Wusch-Wusch der Reisigbesen zu mir hinauf aufs Flachdach. Der Sternenhimmel, unter dem ich gewacht und geschlafen habe, ist verblasst, nur der Mond behauptet seine Position, verströmt sein Seelenlicht. Blitzblank werden die Straßen sein, wenn schließlich der Tag beginnt. Dann prangen vor der Schwelle eines jeden Hauses Willkommensgrüße für die Götter – kolam.

© Karin Kaiser

© Karin Kaiser

Ein mit Reismehl gestreutes Ornament südindischer Tradition, das täglich von den Frauen des Hauses neu kreiert wird. Es verschwindet im Laufe des Tages, weggewischt von Füßen und Fahrzeugen – ein Sinnbild des Lebens: der Kreislauf von Entstehen und Vergehen. Meine Zehen krümmen sich auf den Fliesen, die von Tau bedeckt Kühle verströmen, ich fröstle, ziehe die Kapuze über den Kopf, beuge mich über die Brüstung.

An der Ecke, die Straße hinunter, haben sich unter einer baumelnden Glühbirne vermummte Gestalten versammelt. Barfuß, Tücher über den Kopf gezogen, Arme um den Körper geschlungen, verharren sie unbeweglich. Ein Fahrradfahrer klappert mit seinem Drahtesel vorbei, eine riesige Milchkanne auf dem Gepäckträger. Ich atme tief den Duft der feuchten Erde ein, vermischt mit dem Rauch der Holzfeuer, die das Frühstück ankündigen. Aus dem Blattwerk des Neembaumes gegenüber dringt schläfriges Glucksen und die Palmblätter rasseln einen sanften Weckruf in die Welt. Und jetzt, während am bereits lichterfüllten Horizont zwischen scharf gezeichneten dunklen Wolkenbänken der magenta-rot glühende Sonnenball aufsteigt, und steigt und steigt, setzt, als ob der Dirigent mit dem Stab aufs Pult geklopft hat, das Orchester ein: Schwirren und Sirren von Vogellauten, Krähenrufe rau über silbernem Tirilieren, ein Gurren und Surren. Und mittendrin summt und schwingt mein Herz vor Freude im Duett mit George: »Here comes the sun, little darling…«

Schließlich, wenn die Sonne brennend weiß das Himmelsblau erobert hat, welches verblasst unter ihrem Licht, wenn in das Konzert in den Bäumen das Quäken, Schrillen und Tröten der Auto-Rikschas schneidet, das Dröhnen der Motorradgeschwader heranrollt und vom Tempel die göttlichen Gesänge elektronisch verstärkt auf meine Ohren einhämmern, ist es Zeit die Hände aneinanderzulegen und den Tag zu grüßen: Good morning India!

Jetzt schüttle ich meine Jacke von den Schultern, bereit, mich dem überwältigenden Wirbelwind aus Lärm, Staub und Menschenmassen des indischen Alltags zu überlassen. Und irgendwann später dann – ich bin mir ganz sicher – werde ich mich ertappen, wie ich, die Hand im schweißnassen Nacken, aufstöhne und schmerzlich geblendet die Augen zusammenkneife: »Oh mein Gott, diese Sonne!«

* Here Comes the Sun ist ein von George Harrison, einem Mitglied der »Beatles«, komponierter Song aus dem Jahre 1969.

Auroville**

22. Februar

© Karin Kaiser

© Karin Kaiser

Mit dem Moped unterwegs im zivilisierten Dschungel Aurovilles bin ich ein Verkehrshindernis – und leider keine indische Kuh. Dieses Drängen, Hupen und Tröten in meinem Rücken bliebe mir im Heiligenstatus der Kuh erspart.

Mir bricht der Schweiß aus. Ich balanciere auf der Kante der schmalen Asphaltdecke. Linkerhand der Straßengraben – zu tief, um als Fluchtweg in Erwägung gezogen zu werden – bleibe ich standhaft, fahre mein Moped – tuck-tuck – stur geradeaus. Mit Röhren, Jaulen und wortwörtlich haarsträubenden Grüßen aus der Drucklufthupe zieht die Karawane durch die erste Lücke, die sich im Gegenverkehr erzwingen lässt, an mir vorbei. Gegen roten Staub anblinzelnd falle ich zurück. Aber dann, wenn gerade mal keine Geiß in meine Spur springt und kein Radfahrer mit einem zwei Meter breiten Bündel Brennholz auf dem Gepäckträger den Weg versperrt, drücke ich auf die Tube und brause mit Superspeed – nun ja, 35 km/h – dahin.

Der Angstschweiß trocknet, mein Kopf kühlt sich frisch. Ich segle auf heißen Luftschwaden durch Düfte, dicht und kräuterschwer. Mir entgegen fliegen Easyrider, in die Jahre gekommene, stolze Ritter des Zweirads, graubezopfte Großväter der Gründerjahre Aurovilles. Und Ladies, ihre Enkel auf dem Tank vor sich, auf schweren Honda Heroes, dirigieren ihre Maschinen furchtlos im Zick-Zack durchs Verkehrsgetümmel. Dies ist die Generation, die den subtropischen Aussteigertraum, die Stadt der Morgenröte, vor 40 Jahren gegründet und den Urwald aufgeforstet hat, den der Zyklon Thane in der Nacht zum 30. Dezember 2011 nahezu vernichtet hat. Geschichte auf Motorrädern.

Diese eine Nacht hat das Gesicht Aurovilles verändert. In einem 12 Stunden dauernden Angriff hat Thane Löcher in den grünen Pelz des Traums gebombt und wieder einmal die Verletzlichkeit jedweden Paradieses auf Erden bewiesen. Stämme, für die es drei Männer bräuchte sie zu umfassen, liegen kreuz und quer, strecken ihre Wurzeln in die Luft, brutal gekappte Arterien. Palmen, auf fünfundvierzig Grad Neigung niedergezwungen, beugen ihre Häupter. Gerippe entlaubter Bäume krümmen sich unter ihren Verletzungen.

Und doch, aller Verwüstung zum Trotz, stärker denn je, spüre ich die unvergleichliche Kraft der Natur, diese Kraft der indischen Erde, die rot und reich, im Zusammenspiel mit Sonne und Feuchtigkeit, ein Megatonnen-Kraftwerk verkörpert…

Die jungen Bäume, unzerstört im Schutz der nun gefallenen Riesen, werden in Kürze den Himmel erobern, der sich nun offen über ihnen wölbt. Fast körperlich spürbar arbeitet die Natur mit hohem Druck und Energie.

Es geht aufwärts!

Ansonsten ist hier alles down: current is down, net is down, waterpression is down. Das heißt für mich ganz praktisch: im Stockdunkeln Wassereimer schleppen und, statt eMails senden und skypen, Zwiegespräche mit den Glühwürmchen halten.

Und zu guter Letzt bin ich selbst down. Geradezu wie einem Gesetz der Homöopathie folgend hat meine Zögerlichkeit und Unsicherheit im Tempodrom des indischen Verkehrs Gleiches angezogen und ein zittriger alter Inder, überfordert von den frontal stattfindenden Begegnungen, hat mich mit einer Breitseite seines Wagens vom Moped gekickt. Das wäre einer Kuh nie passiert! Da hätte der Fahrer sich gleich erschießen können ob der Sünde.

Ich zähle meine Rippen und bin froh, dass alle auf ihrem Posten sind. Doch ich falle ins Grübeln nach dieser sehr schmerzhaften Begegnung mit dem typischen Wahnsinn des indischen Verkehrs, weltweiter Rekordhalter in Verkehrstoten.

Was tun, um von A nach B zu kommen?

Natürlich!

Da bleibt nur eines: die Kuh! Als Transportmittel ist sie unschlagbar sicher.

** Auroville ist die verwirklichte Idee einer »universellen Stadt«, basierend auf den Theorien des Religionsphilosophen Sri Aurobindo. Ein andauerndes kollektives Experiment einer Stadtutopie mit alternativen Wohn- und Lebensbedingungen. Gegründet 1968 im Südosten Indiens an der Koromandelküste nahe Pondicherry, hat Auroville heute über 2.000 Einwohner aus 45 Nationen.

Wir fahrn, fahrn, fahrn…

6. März

Ich presse die flache Hand an meine Stirn – wie konnte ich bloß?

Mein Plan stand fest. Gemächlich sollte mich Indian Railways von Chennai nach Bangalore schaukeln. Viele Stunden lang wollte ich die durch den Wagen flutende Parade von chai wallahs, samoza-Verkäufern, Sängern, Artisten und Bettlern in »vollen Zügen« genießen. Ich hatte mir vorgestellt, in der offenen Tür des Waggons zu sitzen und die Landschaft zum Anfassen dicht vorüberziehen zu lassen.

Und nun?

Verführt von der Aussicht ohne Gepäckschlepperei, Bahnhofschaos und Ticketstress in wenigen Stunden komfortabel kühl direkt ans Ziel transportiert zu werden, habe ich mich für eine Autofahrt entschieden. Mit an Bord sind ein indischer Pater, Sister Sushila und Sister Rosaly.

Und das habe ich nun davon!

Mein Verstand, geschockt von der Realität einer indischen Autobahn, weigert sich noch zu glauben, was ich erlebe, während mein Körper bereits alles weiß und mit äußerlicher Erstarrung und innerlichem Herzrasen signalisiert: Überleben unwahrscheinlich!

Auf drei gut ausgebauten Spuren jagen Fahrzeuge dahin – dicht an dicht mit hoher Geschwindigkeit. Und – unglaublich, aber wahr – jeder fährt da, wo es ihm beliebt: mal auf der linken Spur, mal auf der rechten oder unerschütterlich in der Mitte. Überholt wird genauso ungezwungen: mal links, mal rechts und – hupen, hupen, hupen.
»KA 05« – oder doch eher »Chaos«?

»KA 05« - oder doch eher »Chaos«? | © Karin Kaiser

»KA 05« – oder doch eher »Chaos«? | © Karin Kaiser

Unzählige Trucks, rostbraun, wie mittelalterliche Festungen aufragend, die in ihren Verließen die Fracht der Autohersteller von Chennai gen Norden transportieren, beherrschen die Szene. Stur ziehen sie ihre Bahnen, geben den Takt vor. Und wenn plötzlich eine Autorickscha im Kriechgang auftaucht oder eine Kuh aus dem Gebüsch des Mittelstreifens bricht, löst das Kettenreaktionen von Vollbremsungen, wilden Ausweichmanövern und Herumgeschleudere aus, die für mich jedes Mal das unausweichliche Ende markieren. Und obwohl wir uns bislang, dank der Künste unseres Fahrers und jeder Menge Glück, aus dem Mahlstrom der Fahrzeuge retten konnten, bin ich überzeugt: das nächste Mal werden sie uns zermalmen, die braunen Ungeheuer.

Schwester Rosaly kichert, wenn ich mich kurz vor einem unausweichlichen Crash panisch nach links werfe. Ihre dunklen Augen zwinkern aufmunternd und sie tätschelt meine Hand: »No problem! God is with us.« Wie bitte? Darauf würde ich mich auf keinen Fall verlassen. Wenn Gott sie noch alle beisammen hat, hält er sich aus diesem Hexenkessel raus und wird eher einen fliegenden Teppich begleiten.

Auf der Landstraße dann erkenne ich in den kurzen Intervallen, wenn die Flutwelle des Gegenverkehrs abebbt, eine Landschaft aus Märchen und Sagen: Felsbrocken – braunrot, quadratisch, zylindrisch, rundgehauen – sind aufgetürmt zu Gebirgen – ein Riesenspielzeug. Wir befinden uns im Anstieg auf den Dekkan. Diese Hochebene, etwa in der Mitte des Subkontinents von Ost nach West verlaufend, bildet die geographische Grenze zwischen Nord- und Südindien. Die uralte Landschaft war vor vielen Millionen Jahren, als unser Planet noch vollkommen vom Meer bedeckt war, der einzige Teil unserer Erde, der aus den Wassern ragte. Und wirklich: etwas Mystisches wohnt dem Ort inne. Mit seinen fremdartigen Felsformationen und seiner Kargheit scheint er das Bild eines Planeten aus einer fernen Galaxie widerzuspiegeln.

Und jetzt, während wir den höchsten Punkt erreichen, geht die Sonne unter – majestätisch, wie es einer Herrscherin gebührt. Der Feuerball sinkt auf den Horizont zu und taucht die Landschaft in ein Licht, das die Felsentürme aufglühen und Palmen wie schwarzgefiederte Tuschezeichnungen im Gegenlicht erscheinen lässt.

Getröstet, dass mein höchstwahrscheinlich letztes Bild von dieser Welt so unbeschreiblich schön ist, sacke ich gegen Schwester Rosalys Schulter und während der CD-Player die x-te Wiederholung einer indischen Version von »Jingle Bells« dudelt, rauschen wir in die Nacht.

Hot, hip and holy? – Von Göttern und Menschen

21. März

Schon vor Sonnenaufgang sind wir unterwegs zum Tempel, denn wir wollen Gott einen Besuch abstatten. In Südindien hat Gott viele Adressen und unsere lautet: Sri Meenakshi Amman Tempel in Madurai, der Seele Tamil Nadus.

Krishnaji, pensionierter Lehrer aus der Nachbarschaft, hat mich eingeladen, beim Lever der Götter dabei zu sein. Er glaubt an Gott, ja, er fürchtet Gott und es ist ihm wichtig, der Göttin, zu der wir unterwegs sind, den ihr zustehenden Respekt zu bezeugen und den Tag gemeinsam mit ihr zu beginnen.

Die Gassen, die wir passieren – noch still und verschlafen – führen wie viele Straßen hier direkt ins Zentrum der Stadt zum 6 Hektar großen Tempelkomplex. Mit seinen hohen Mauern, den vier mächtigen Toren in jeder Himmelsrichtung, überragt von über 40 m hohen Türmen – den 12 Gopuras – erinnert mich die Anlage an eine mittelalterliche Stadt. Doch wie verschieden diese Türme sind, die jetzt stumpfen Pyramiden gleich als dunkle Masse aufragen. Überwältigt von ihrer Schönheit konnte ich mich gestern vom Dach meiner Unterkunft aus nicht sattsehen an ihnen: ein jeder ein dreidimensionales Bilderbuch des hinduistischen Universums. Mit geschätzten 3 Millionen bunt bemalter Terrakottafiguren, einer Fülle von tanzenden Göttern, Göttinnen, Dämonen und Helden verzauberten sie mich.

Jetzt beschleunigt Krishnaji seine Schritte. Schon höre ich Trommeln, rieche den Rauch der Agarbattis, sehe Menschen sich vor dem Tor drängeln. Alle wollen Meenakshi, der fischäugigen Göttin – gemäß der klassischen tamilischen Poesie ein Synonym für perfekte Schönheit der Augen – und ihrem Gatten Shiva den Morgengruß entrichten. Das glamouröse Paar wird gleich in einer Zeremonie feierlich aus seinem ehelichen Schlafgemach in den Tempelalltag geführt. Während Trommeln und Flöten aufspielen, werden die Statuen in Milch gebadet und in Brokat und Seide – golddurchwirkt und kostbar – gekleidet.

Speisen werden ihnen gereicht und dann nehmen sie ihre Plätze ein, melden sich sozusagen zurück am Arbeitsplatz. Dort kommen sie ihrem Beruf, Gebete zu erhören, Segen zu erteilen und Göttlichkeit auszustrahlen, nach. Nichts Besonderes, Alltag eben – wie für uns alle auf die eine oder andere Art auch. Gläubige und Besucher verfolgen in Scharen diesen Vorgang, doch ich kann leider nicht dabei sein, da das Allerheiligste, der Meenakshischrein, nur für Hindus zugänglich ist. Das Murmeln der Gebete und Mantras, die diesen Göttermorgen untermalen, begleitet mich, als ich tiefer eintauche ins Dämmerlicht der labyrinthischen Gänge und Säulenhallen des Tempels.

Meenakshi, als echte Inderin eine überaus großzügige Gastgeberin, beherbergt viele Götter in ihrem Haus. Für mich sind sie meist unkenntlich verborgen unter Schichten von Butterklumpen und rotem Kumkum, den Opfergaben der Gläubigen. Frauen in Saris wehen vorüber, kostbaren Blüten gleich leuchten sie im Dunkel auf. Sadhus, heilige Männer, bärtig und wildhaarig, orangerot gewandet, sitzen bewegungslos in Nischen. Öllämpchen flackern vor Statuen. Die ergebene Freude, die Hingabe der Menschen, die ihre Opfergaben niederlegen, sich niederwerfen vor den Schreinen ihrer ganz persönlichen Götter, berührt mich. Es scheint, als ob glückliche Zufriedenheit in diesem Haus der Göttin, das erfüllt ist von Gebeten und dem Segen aus Jahrhunderten, die Gesichter der Menschen strahlen lässt.

Als ich hinaus durchs Tor in die Helligkeit trete, die Hand schützend über den Augen, bin ich selbst vielfach gesegnet: die heilige Asche auf der Stirn und mein drittes Auge gezeichnet mit einem Punkt aus Kumkum wurden mir von einem Priester irgendwo in der kühlen Tiefe des Tempels aufgetragen. Und auf meinem Scheitel spüre ich noch den aufgetupften Rüsselsegen des Tempelelefanten.

© Karin Kaiser

© Karin Kaiser

Hier draußen hat der Tag mit basarartigem Treiben begonnen. Krishnaji entfaltet einen Stoffbeutel und eilt hinüber zu den Gemüsehändlern, Einkäufe im Auftrag seiner Frau zu erledigen – der Herrscherin in seinem Haus. Angezogen von grellfarbigen Bildern auf denen Göttinnen erscheinen, trete ich näher an eine Bude an der Tempelmauer. Und als ich wirklich erkenne, was ich sehe, wird mir klar: Ich muss eine Göttin sein! Wie sonst könnte ich gleichzeitig einen Job, Kinder, Haushalt und einen Ehemann organisieren? Viele Arme und Hände brauche ich dazu, so wie sie den abgebildeten Göttinnen gegeben sind. Meine sind bloß unsichtbar!
Die Göttin Kali, beim Tempel des Dorfes Kuliapalayam, Tamil Nadu

Anders bei Kali. Sie ist sichtbar mit acht Armen ausgestattet, um Veränderung im Leben der Menschen auszulösen, und jede ihrer Hände trägt ein dafür bestimmtes Werkzeug. Auch Saraswati braucht vier Arme, um ihrer Aufgabe als Göttin von Kunst und Wissenschaft gerecht zu werden. Genauso wie Lakshmi, die für Reichtum und Prosperität sorgen muss. Und ich erinnere mich, wie unsere Kanzlerin einmal als hinduistische Göttin dargestellt wurde, der zur Bewältigung großer Themen wie NATO, Opel, Finanzkrise et cetera viele Hände gegeben wurden.

Und jetzt winkt Krishnaji mir zu und bedeutet mir mit einer vorwärtsweisenden Geste, dass er sich auf den Heimweg macht. Ich folge ihm. Ich sehe den prall gefüllten Einkaufsbeutel schwer an seinem Arm hängen und hoffe im Stillen, dass die Zwiebeln, Gurken und Möhren, die er schleppt, seine Hausgöttin zufriedenstellen mögen und keine ihrer vielen Hände einen missbilligenden Knuff austeilen wird.

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Auf zahlreichen Reisen und bei der Zusammenarbeit mit verschiedenen humanitären Projekten lernte Karin Kaiser Indien von allen Seiten kennen. Aus ihrer jahrelangen Erfahrung heraus beleuchtet sie in ihrem Schreiben sowohl die liebevollen Eigenheiten als auch die Schattenseiten einer der vielfältigsten Gesellschaften der Welt. Karin Kaiser verfasste den Fettnäpfchenführer Indien und legt mit ihrem Krimi Bangalore Masala ein spannendes Werk über Indien vor, das gleichzeitig einen intensiven Einblick in die Kultur bietet.

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