Glögi

Glögi

Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringet uns Glögi. An jeder Ecke, vor jedem Fachwerkhaus und zwischen allen blitzenden Warenhauseingängen wachsen provisorische Holzbuden aus der Erde. Nicht wenige Nordleute machen sich dieser Tage auf den Weg nach Deutschland, um hier etwas zu erleben, das es im Norden erst seit kurzem und längst nicht so ausufernd gibt: Weihnachtsmärkte.

Wir Mitteleuropäer hingegen verehren ja den Norden als die Weihnachtsgegend schlechthin und rufen jedes Jahr einen frostigen Geist auf unsere Holzbuden herab, der aus schnöden Hirschen Elche macht, aus peitschenden Regenschauern tanzende Schneeflocken hervorzaubert und uns glauben lässt, dass dort – weit, weit im Norden – kleine, freundliche rotbemützte Kerlchen umhereilen und ununterbrochen Schaukelpferde schnitzen.

Selbst wenn man eigentlich aus dem Alter für Schaukelpferde heraus ist und die lieben Kinder oder Enkel auch kein Interesse an stummen, starren Holzfiguren zeigen, werden sie doch immer noch in stattlicher Anzahl produziert. Sonst könnte es einfach nicht Weihnachten werden. Dabei spielt es keine besondere Rolle, ob die Schaukelpferde wirklich unter dem Baum landen. Es ist die Adventszeit, die wir genießen wollen, es ist der Gedanke an die fleißigen Hände und die glücklichen Augen. Der Advent hat einen weit wichtigeren Platz in unserem Alltag, als viele Pastoren glauben.

Völlig unnötigerweise werden in zahlreichen Christmetten Jahr für Jahr mahnende Predigten geschwungen, dass der 24. doch bitte nicht alles sein könne. Die Ankunft, das Warten auf Weihnachten ist immer noch eine kollektiv begangene Vorfreudezeit. Sie beginnt mit hohlen Schokofiguren bei Aldi im September, aber vor allem mit stimmungsvoll dekorierten Holzbuden im November.

Und in diesen Buden gibt es manchmal sogar Glögi. Das nordische Wintergetränk steht für besondere Weihnachtsfreude, das eigentliche, richtige Weihnachten. In den Glögi gehört eine stattliche Anzahl von Gewürzen und vor allem eine angemessene Menge Flüssigkeit. Wer einen richtig nordischen Glögi brauen möchte, wird sich sicher bemühen, auch nordische Flüssigkeiten zu nutzen. Aber ein Glögi aus purem Aquavit würde wahrscheinlich den Abend sehr verkürzen. Also kommt man um ein paar landesfremde Ergänzungen nicht herum.

Genau die haben den Glögi für die Einheimischen einst so besonders gemacht: Südländische Weine, orientalische Gewürze wie Zimt, vielleicht ein Hauch Kardamom, eventuell sogar ein bisschen Ingwer? Ein paar gehackte Mandeln nach Belieben. Frisch darf es auch schmecken, also rasch noch ein paar Orangen und Zitronen schneiden und nun lange, lange ziehen lassen (nicht kochen!). Zum guten Schluss den Aquavit nicht vergessen, und fertig ist der Glögi!

Glögi ist tatsächlich ein finnisches Wort, dank dem i am Ende des schwedischen Begriffes Glög. Bliebe zu fragen, was an dem glögi sonst noch finnisch ist? Warum nennen wir ihn nicht einfach Glühwein? Der Glühwein hat schließlich einen hervorragenden Ruf in Skandinavien. In allen Alpenländern ist er eindeutig billiger als im Norden und keineswegs schwächer, skiurlaubende Nordleute wissen schunkelnde Après-Ski-Lieder davon zu singen.

Der Glühwein wird dann zum glögi, wenn er mitten im Winter auch ein bisschen nach Sommer schmeckt. Warme, helle Momente sollte man in Flaschen füllen, sagt man ja, und das wissen die Nordleute sehr gut. Wer nur wenige Tage im gleißenden Sonnenlicht genießen kann, hat eine angeborene Fähigkeit, sich diese Augenblicke zu bewahren. Nicht nur im Geiste, sondern ganz konkret, in Flaschen eben. Was wäre eine finnische Speisekammer ohne solche Flaschen. Sie sollten im besten Fall schon viele Jahre lang verwendet worden sein.

Und es sollte die Mummo sein, die die Flaschen füllt. Nur die Mummo, die Oma, hat das richtige Rezept, hat die richtige Mischung im Gefühl, um aus Johannisbeeren oder Blaubeeren und gerade der richtigen Menge Zucker einen herrlichen Trunk zu brauen. Viel zu süß, um pur genossen zu werden, aber gerade in dieser überreichlichen Konzentration die Garantie für ein bisschen Sommer mitten im Winter. Es braucht nur einen Hauch Johannisbeersirup, um einen faden Glühwein in einen Glögi zu verwandeln, der die ganze Winterdunkelheit vergessen macht.

Wer also verstehen möchte, wie die Finnen den langen Winter überstehen, kennt nun endlich die einzig wahre Wahrheit. Es ist der Glögi. Aber nicht etwa der Aquavit – wenn schon, dann bitte ein ordentlicher Schuss finnischer Wodka – sondern der gut versteckte, flüssige Sommer im Glögiglas, die heimliche Erinnerung an den grünen Birkenwald, der beruhigende Gedanke an die stattliche Anzahl Sirupflaschen in der Speisekammer. Und gerade wenn sie alle sind, beginnt der Sommer. In diesem Sinne: Hyvää joulua! Frohe Weihnachten!

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Gudrun Söffker ist beständig unterwegs. Prägendes Reiseerlebnis ihrer Jugend war eine herbstliche Überquerung der Ostsee auf dem wunderbarsten Fährschiff des Nordens, der legendären GTS Finnjet. Als Historikerin bewegt sie sich in verschiedenen Museen zwischen Mittelalter und Gegenwart, als Studienreiseleiterin erlebt sie den weiten Norden Europas immer wieder neu.