Heilig Abend

Heilig Abend

»Ich brauche weder Macht noch Glanz, auch Gold vermiss` ich nicht. Das Licht des Himmels wünsch` ich mir und Frieden überall« – so beginnt eines der bekanntesten finnischen Weihnachtslieder, mit Musik von Jean Sibelius.

Finnische Weihnachtslieder erzählen von glücklichen und unglücklichen Stunden in der Winterszeit, von Geld und Gut und den Dingen, die wirklich zählen. Das ist eigentlich ein komisches Bild in unserer Sprache: Dinge, die wirklich zählen. Ist alles Zählbare nicht automatisch bereits weniger wert? Im weihnachtlichen Sinne jedenfalls, im Sinne des Seelenfriedens und der Harmonie, der Entfernung von weltlichen Gütern?

Jede Weihnachtskultur hat ihren Rahmen, ihre festen Bestandteile, die den Feierlichkeiten eine bestimmte Gestalt geben. Ohne Traditionen ginge es wohl nicht. Dann könnte man auch feiern, jedes Jahr anders und jedes Jahr neu, aber sobald man dem Fest einen Namen gibt, verpflichtet man sich auch, ihm einen wiedererkennbaren Inhalt zu geben.

Es vereinfacht den Austausch doch enorm, wenn mein Gesprächspartner mit »Weihnachten« ähnliche Bilder verbindet wie ich. Trotzdem würde ich behaupten, dass kaum ein anderer Begriff so viele unterschiedliche, starke und individuelle Assoziationen hervorruft.

Selbst die größten Gegner roter Rentiernasen und glitzernder Tannenspitzen werden kaum behaupten können, dass sie keine Gefühle mit Weihnachten verbinden – und seien es auch negative. Schließlich kostet es Mühe, sich von den klingenden Karrussels und dampfenden Bratwurstgrills zu distanzieren.

Wer den Gang in die Innenstadt zur Zeit der Weihnachtsmärkte vermeidet, tut dies dennoch aus einem Gefühl heraus, das mit Weihnachten zu tun hat. Selbst der Weltreisende läuft Gefahr, irgendwo am Palmenstrand auf den 24. Dezember angesprochen zu werden. Sei es von einem anderen Weihnachtsflüchtling, sei es vom fürsorglichen Hoteldirektor, der den Ehrgeiz hat, das wahrhaft bessere Weihnachtserlebnis zu bieten, auch weit entfernt von Krippe und Stall.

Wer sich aber entschließt, den Heiligen Abend in Finnland zu verbringen, hat die Qual der Wahl. Soll es der Gottesdienst in der beschaulichen Kleinstadt sein, wo anschließend der Friedhof in einem Meer aus Kerzen erstrahlt? Soll es die einsame Hütte sein, deren Zufahrt zwar am Ankunftstag freigeschaufelt war, die nun aber abgeschnitten von aller Zivilisation hinter den Schneewehen verborgen liegt? Soll es die wilde Party an Bord einer Ostseefähre sein, die Verlängerung des adventlichen Shoppinggenusses sozusagen, schrill und laut und voller süßer Gerüche? Das alles und noch viel mehr ist möglich, wenn man in Finnland Weihnachten feiern möchte.

Sobald man aber mit Finnen Weihnachten feiern möchte, könnte es passieren, dass das Fest aufdringlich menschliche Züge annimmt. Dann findet man inmitten der nordischen Weiten möglicherweise Wünsche und Enttäuschungen, Hoffnungen und Ablehnungen wieder, die man aus jahrzehntelangem Weihnachtenfeiern mehr als gut kennt.

Und hat man das nun gewollt? Die Sehnsucht nach dem Norden, gerade im Winter, gerade zu Weihnachten, worauf beruht sie eigentlich? Auf dem Wunsch nach gemeinschaftlicher Idylle oder nach idyllischer Einsamkeit? Möchte man einfach den weihnachtlichen Harmonien entfliehen, weil man doch nicht mehr an sie glaubt?

Dann ist die stille Hütte ein gnädiger Sehnsuchtsort, ein gesellschaftlich akzeptierter Rückzug aus aller Weihnachtlichkeit. Dass an der Türkline »Bitte nicht stören« hängt, sieht die Familie ja nicht. Wlan gibt es auch nicht, das Handynetz ist nur erreichbar, wenn man auf den Berg nebenan klettert, und dafür ist der Schnee eindeutig zu tief.

Trotzdem wird sich kaum jemand um den einsam Weihnachtenden sorgen. Die Lieben daheim haben das Gefühl, dass der Weihnachtseremit an einem wunderbaren Ort ist, an einem weihnachtlich beschaulichen Ort, dass er sich wohlfühlt, ja gerade himmlische Erlebnisse hat.

Möglicherweise ist es viel schwieriger, diese idyllischen Gedanken auch tatsächlich zu leben, wenn man selbst in der Hütte sitzt. Verdammt, wie lange dauert es denn noch, bis das Feuer wirklich brennt? Und jetzt hab ich die Milch vergessen, dann schmeckt mir der Kaffee überhaupt nicht! Das Bett ist ganz schön hart, ich bin zehn mal aufgewacht letzte Nacht. Nur Spaghetti und Tütensuppen jeden Tag, während die zu Hause die herrliche Gans genießen…

Der Traum von Weihnachten, vielleicht ist er unerfüllbar, aber doch der beste, den wir haben. Wer in diesem Gedanken seine Freude und Ruhe findet, kann überall Weihnachten feiern. Und vielleicht in Finnland ein bisschen besser als anderswo.

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Gudrun Söffker ist beständig unterwegs. Prägendes Reiseerlebnis ihrer Jugend war eine herbstliche Überquerung der Ostsee auf dem wunderbarsten Fährschiff des Nordens, der legendären GTS Finnjet. Als Historikerin bewegt sie sich in verschiedenen Museen zwischen Mittelalter und Gegenwart, als Studienreiseleiterin erlebt sie den weiten Norden Europas immer wieder neu.