Schneeträume

Schneeträume

Diesen Herbst hat es bei uns erst ein Mal geschneit. Die Bürgersteige waren am Morgen glatt, richtig eisglatt, denn am Tag davor hatte es geregnet, und die traurig dünne Schneedecke schaffte es nicht, das Eis genügend zu überdecken.

Trotzdem würde ich sagen: Diesen Herbst hatten wir ein Mal Winter, keine wirkliche Schlittschuhidylle, aber immerhin Frost. Pakkanen heißt der auf Finnisch, ein schönes Wort. Ein mächtiges Wort, das keinen Zweifel daran lässt, wer den Winter regiert. Leider haben wir aber Mitte Dezember immer noch keinen Winter.

Kann man im Herbstwetter auch Weihnachten feiern? Bestimmt kann man das, in manchen Regionen dieser Erde geht das sogar im Sommer. Echte wahre Weihnachtsfreunde sind wahrscheinlich nicht von dem tanzenden Flockenwirbel abhängig. Ich bin es schon.

Ich habe aber auch eine Garage. Die Einfahrt zur Garage ist steil und schmal, deshalb steht mein Auto immer draußen. Das arme Ding muss sich den erhofften eisigen Winterwinden genauso aussetzen, wie ich es gerne tue. Es ist ziemlich alt und fährt noch, also hat es sich offenbar mit seinem Schicksal abgefunden, das freut mich.

Mich freut außerdem, dass ich in der Garage nun viel Platz für andere Dinge habe. Dort stehen Langlaufski, Tourenski und Alpinski. Dort stehen Skischuhe, zu kleine, zu große, zu alte und ein paar richtig gute. Daneben Schlittschuhe: Weiße Lederschuhe zum Pirouettendrehen (was ich nie konnte), stabile Kunststoffschuhe anno 1993 zum Eishockeyspielen (was ich immer noch liebe) und lange mit Klappkufen zum tagelangen Befahren zugefrorener Seen in Finnland (was einfach unvergleichlich ist).

Das alles würde aber noch nicht reichen, um mich in Winterstimmung zu versetzen. Deshalb habe ich vor ein paar Wochen begonnen, meine kleine private Sehnsuchtssammlung aufzubessern. Geholfen hat mir dabei eine finnische Internetseite.

Dort findet man alles über richtige finnische Weihnachten: Keksrezepte, Tipps zum Grußkartenschreiben und Adressen von Wohltätigkeitsorganisationen. Für die ganz Unschlüssigen gibt es außerdem auch eine »Geschenkemaschine«: Man kann Alter und Geschlecht der zu Beschenkenden sowie den gerade noch akzeptablen Kostenumfang eintippen und schon, ho ho ho, bekommt man die optimalen Geschenkideen präsentiert.

Ich war glücklich. Nicht weil ich endlich wusste, was ich der ungeliebten Schwägerin, dem unbekannten Schwippschwager oder der kürzlich verstorbenen Urgroßtante schenken konnte, sondern weil ich nun wusste, was ich mir selbst schenken wollte. Wer deshalb glaubt, dass ich ein selten scheußliches Exemplar der selbst zu Weihnachten noch egoistischen Menschen bin, irrt.

Meine Geschenke für Kind und Kegel liegen schon lange parat. Mithilfe der Geschenkemaschine galt es lediglich, mich aus dem regengrauen Stimmungstief herauszuholen, das meine lächelnde Beteilung am Weihnachtsfest unmöglich gemacht hätte.

Ich blätterte durch die Angebote der Geschenkemaschine und entschloss mich nach genussvollem Abwägen der Vor- und Nachteile sowie einer klitzekleinen Notlüge – denn mein Traumgeschenk wird eigentlich nur Männern angeboten – zum Kauf der einzigartigen Masi Polar Plus Schneeschaufel.

Die ergonomische Form des Griffes gab letztlich den Ausschlag. Aber auch die stufenlos verstellbaren Stangen haben mich überzeugt, ganz zu schweigen davon, dass das Produkt ein international anerkanntes Patent vorweisen kann. Ein einziger Hinweis ließ mich ein wenig zweifeln: Die Schneeschaufel ist mit ihrem enormen Fassungsvermögen ausdrücklich für nordische Verhältnisse konzipiert. Sieht es möglicherweise albern aus, wenn ich unsere eineinhalb Zentimeter Schnee damit zur Seite puste? Nein, denn es schneit ja sowieso nicht.

Die Masi Polar Plus lehnt nun stolz und kühl an der Wand, in gutem Abstand zu den Schlittschuhen, damit sie auch richtig wirken kann. Und sie hat inzwischen Gesellschaft bekommen. Für den Fall, dass es mal weniger gewaltig schneestürmt, aber mein Auto dort draußen doch nicht ganz einsatzbereit ist, weil sich eine kuschelige weiße Decke über die Scheiben gelegt hat, kommt die einmalige Kungs Tele-Is-teleskooppi-Schneebürste zu ihrem Einsatz.

Natürlich habe ich auch nicht gezögert, meinem lieben alten Auto außerdem eine extraleichte, aluminiumverstärkte Kompaktschneeschaufel zu schenken, die in seinem Kofferraum liegt und es aus jeder Schneewehe mit beispielloser Zuverlässigkeit herausschaufeln wird (und mich dazu). Wie schön, dass mein Weihnachtsgeld auch gerade noch für den Masi Swing Schneeschieber reichte, dessen gebogene Schaufel ideal für Treppenstufen geeignet ist.

Nein, liebe Leser, das hier ist kein Werbetext für finnische Industrieprodukte. Es ist ein kurzer Bericht über finnische Alltagskultur in den Monaten, die bei uns Winter heißen und Herbst sind. Denn in Finnland sind sie Winter, frostklirrender Winter!

Und womit kann man seine Identifikation mit dieser schönsten Jahreszeit besser ausdrücken, als durch eine stattliche Anzahl Schneeräumgeräte? Sie sind sozusagen die moderne Variante des Wetterzaubers. Mit jedem neuen Gerät wächst meine Hoffnung darauf, die Temperatur in den blauen Bereich fallen zu sehen. Gerne hätte ich übrigens auch eine kleine Schneefräse, nur so in der Größe eines Sitzrasenmähers. Ich würde unser ganzes Dorf freifräsen, versprochen. Wenn es nur endlich Winter würde.

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Gudrun Söffker ist beständig unterwegs. Prägendes Reiseerlebnis ihrer Jugend war eine herbstliche Überquerung der Ostsee auf dem wunderbarsten Fährschiff des Nordens, der legendären GTS Finnjet. Als Historikerin bewegt sie sich in verschiedenen Museen zwischen Mittelalter und Gegenwart, als Studienreiseleiterin erlebt sie den weiten Norden Europas immer wieder neu.