Weihnachtszauber

Weihnachtszauber

Eigentlich sollte man nur senkrecht verreisen, also von oben nach unten oder von unten nach oben, in Nord-Süd-Richtung, meine ich. Das Klimahaus in Bremerhaven ist ein schönes Beispiel dafür: Entlang des Bremerhavener Längengrades kann man in den Ausstellungsräumen ein Mal um die Welt reisen und bleibt doch immer auf der Höhe der Zeit.

Bereits bei der Fährüberfahrt von Travemünde nach Helsinki ist das anders. An Bord werden zwei Lokalzeiten angezeigt, schließlich ist Finnland uns eine Stunde voraus. Finnland ist übrigens auch den Menschen in Kirkenes eine Stunde voraus, und das ist noch komischer, die leben nämlich weiter im Osten als die meisten Finnen.

Wenn wir ein Mal durch den Erdkern hindurchstoßen und auf der anderen Seite der Erdkugel wieder auftauchen, müssen wir die Uhren gleich um ganze 12 Stunden umstellen, eine halbe Erdkugel ist soviel wie ein halber Tag, das klingt ja sogar logisch, oder? Wie lange dauert es aber, bis man das verarbeitet hat?

Da Tausende Menschen täglich allein von Frankfurt aus das Abenteuer der Zeitzonenreise auf sich nehmen, ist das Thema zugegebenermaßen nicht mehr besonders brisant. Ich würde auch nicht darüber spekulieren, wenn jetzt nicht genau die richtige Jahreszeit dafür wäre.

Diese Menschen in den Flugzeugen nach Atlanta, Kuala Lumpur oder Wladiwostok sind dem wahren Weihnachtszauber nämlich am nahesten, und das gleich auf mehrfache Art: Erstens gelingt es ihnen, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein. Um 12 Uhr nachts in Malaysia abgeflogen, sind sie um 12 Uhr nachts deutscher Zeit irgendwo in der Nähe von Turkmenistan und um 12 Uhr nachts New Yorker Zeit in Frankfurt.

Wer sich da nicht wie der Weihnachtsmann fühlt, ist selbst schuld. In den guten alten Zeiten war er schließlich der einzige, der über diese Fähigkeit verfügte. Da das heute keine Kunst mehr ist, verzichtet er meist darauf und lässt die Flugzeuge für sich arbeiten. Die sind fast so zuverlässig wie seine Rentiere – mit dem Haken, dass man als Empfänger um Vorkasse oder Kreditkartennummer gebeten wird, während früher ein schief geträllertes Lied oder stockendes Gedicht ausreichte. Ich finde, es wäre einen Versuch wert bei der Paketaufgabe in der Post, vielleicht klappt es ja immer noch? Statt vierzehn Euro achtzig »Vom Himmel hoch, da komm ich her«!

Zweitens sind die glücklichen Reisenden mit einer Flughöhe von um die 11.000 m ein gutes Stück näher dran an dem wundervollen grünrotweißen Lichtertanz, der in arktischen Regionen, also in der Heimat des Weihnachtsmanns, die Wintermagie schlechthin darstellt. Unplanbar, vom Menschen völlig unbeeinflusst, überirdisch schön im wahrsten Sinne des Wortes! Und trotz aller Erklärungen mit Sonnenwind, Anziehung durch die magnetischen Pole, Eintritt in die Erdatmosphäre und Energieabgabe der Sauerstoff- bzw- Stickstoffatome in Form von Licht, hat das Phänomen seine Unbeschreiblichkeit behalten.

Das Nordlicht ist immer noch ein Anblick, der einem die Sprache verschlägt. Und darin liegt das wahre Weihnachtsglück: Einfach nur dazustehen und den Himmel anzustaunen. Spüren, wie sich ein Lächeln auf das eigene Gesicht schleicht, einfach so, kostenlos und ohne Gegenleistung. Wer sich vom Nordlicht einfangen lässt, versteht, warum die Finnen gerne schweigen. Sie tun es in froher Erinnerung an die wunderbaren Momente, die sie genossen haben, sei es beim Anblick des Nordlichts, sei es mit dem Menschen gegenüber.

Dann bedeutet das Schweigen nicht: »Ich habe dir nichts zu sagen.« Dann bedeutet es: »Ich erinnere mich an die schönen Dinge, die wir uns schon gesagt haben, und sie gelten noch immer.« In diesem Sinne: Hyvää joulua! Frohe Weihnachten!

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Gudrun Söffker ist beständig unterwegs. Prägendes Reiseerlebnis ihrer Jugend war eine herbstliche Überquerung der Ostsee auf dem wunderbarsten Fährschiff des Nordens, der legendären GTS Finnjet. Als Historikerin bewegt sie sich in verschiedenen Museen zwischen Mittelalter und Gegenwart, als Studienreiseleiterin erlebt sie den weiten Norden Europas immer wieder neu.