Wo ging auch der Kaiser zu Fuß hin?

Wo ging auch der Kaiser zu Fuß hin?

Die ersten Fragen sind schnell geklärt. Wo liegt der letzte Chinesische Kaiser begraben und hieß er tatsächlich Mao Zedong? Was oder wo ist nun der Platz des himmlischen Friedens und ist es wirklich der größte Platz der Welt? Warum heißt es Verbotene Stadt und wann gehen wir da rein und gibt es dort westliche Toiletten?

Der Reiseleiter nennt zur allgemeinen Beruhigung einen verlässlichen Zeitpunkt, für den der Besuch jenes Ortes geplant ist, zu dem auch der chinesische Kaiser zu Fuß gegangen sein soll. Wobei man letztere Vermutung wahrscheinlich sogar revidieren muss. Historische Indizien lassen vermuten, dass er auch dorthin getragen wurde. Das war bestimmt zum einen sehr bequem und zum anderen einer der Hauptgründe dafür, dass es in punkto großen Geschäften nicht so klappte. Sterling Seagraves »Kaiserin auf dem Drachenthron« gibt entsprechende Einblicke in das verstopfte Leben der kaiserlichen Familie. Da sind wir doch froh, dass wir auf die Toilette gehen dürfen.

In der Verbotenen Stadt darf und muss man nicht überall hin. Manches ist eben verboten. Zu Kaisers Zeiten so ziemlich alles, deswegen wurde der Kaiserpalast zur Verbotenen Stadt. Palastmuseum oder chinesisch Gugong sind weitere Bezeichnungen für ein und denselben Ort, der nicht nur groß ist, sondern sehr groß, man munkelt von 9.999 Räumen. Nicht nur den Schwaben jagen bei solchen Auskünften über Zahl und schiere Größe der Palasträumlichkeiten die naheliegenden Gedanken durch den Kopf. Die beliebteste Winterfrage bei klirrender Kälte: »Haben die eine Zentralheizung gehabt oder wenigstens einen Kachelofen in der Küche?« Und natürlich flüchten wir auch nicht vor der jahreszeitlich unabhängigen, vermeintlich schwäbischsten aller Fragen: »Wer putzt des bloß?«

Die vielen Konkubinen des Kaisers bestimmt nicht. Wie haben die dann ihre Zeit totgeschlagen? Davon hatten sie definitiv viel und Langeweile auch, das steht fest. Manche hatten von beidem zu viel, sodass sie sich entschlossen, einen endgültigen Schnitt zu machen und dafür zu beten, im nächsten Leben als Brezelverkäuferin auf dem Oktoberfest wiedergeboren zu werden. Lieber Dirndl und tiefer Ausschnitt als noch mal Langeweile zwischen hysterischen Mitbewerberinnen und verstopften Kaisern. Man darf bezweifeln, ob es toll war, der allmächtige Herr Kaiser zu sein und wir werden den Verdacht nicht los, dass das Leben am kaiserlichen Hof kein Zuckerschlecken war.

Und das galt für die wenigen Männer mit Primärteilchen ebenso wie für die, die sich schweren Herzens dazu entschlossen hatten, ihre Geschlechtsteile der Karriere zu opfern. Eunuch zu sein ist nicht so schwer, Eunuch zu werden dagegen sehr. Wer es schaffte, sich von den Hauptmerkmalen männlicher Körperlichkeit zu lösen, der hatte im Kaiserpalast gute Karrierechancen. Man hat nur den Verdacht, dass »sich lösen« ein doch etwas euphemistischer Begriff ist für einen äußerst schmerzhaften chirurgischen Eingriff, der zumeist unter erbärmlichsten Umständen durchgeführt wurde.

Aber hatte es der Kaiser wirklich besser? Der wird bei seiner ganzen höfischen Beanspruchung so manches Mal gedacht haben; »Oh wäre ich doch Eunuch!« Ein guter Grund, den Kohlehügel hoch zu steigen und mal zu sehen, wo man mit dem schönsten Blick auf den eigenen Palast den Abflug in die Ewigkeit machen konnte. Und das ganz ohne ein paar tausend Terracotta-Krieger.

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Holger Hommel, Jahrgang 1960, hat so ziemlich alle Länder dieser Erde bereist, will aber nicht von sich behaupten, die Welt auch wirklich zu begreifen. Obwohl oder gerade weil er so manches nicht versteht, bricht er mit großer Begeisterung immer wieder auf, lässt sich in fremde Welten fallen und schreibt darüber. Das Reisen ist sein Ecstacy, die Neugier sein Antrieb, das Schreiben seine Sortiertherapie. Vielen gilt er als Asienexperte. Ihn selbst begleiten die Zweifel auch in den Fernen Osten. Seiner Sehnsucht nach dem geliebten Kontinent tut dies allerdings keinen Abbruch. Asien ist seine Leidenschaft. Vergisst ein Schwabe über diese Passion hinweg aber seine Heimat? Nein, im Gegenteil: Hommel nutzt die geographische Distanz sogar zur liebevollen Betrachtung seines Ursprungs, denn nur, wer seine Wurzeln kennt, wird auch die Quellen anderer Kulturen entdecken.

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