Yoga zeigt den Weg

Yoga zeigt den Weg

»Gesundheit ist Reichtum, geistiger Frieden ist Glück, Yoga zeigt den Weg.«

Der Begründer der Sivananda Ashrams, Swami Sivananda (1887–1963), gehörte zu den großen Yogameistern Indiens und lehrte eine Integration aller bekannten Yogasysteme. Auf diesem Yoga der Synthese beruht heute die moderne Yoga-Praxis der westlichen Welt. Einen seiner engsten Schüler, Swami Vishnudevananda (1927 – 1993), entsandte er 1957 mit den Worten »Geh in den Westen. Die Menschen warten auf Yoga« zunächst nach Amerika und von dort aus weiter nach Europa. Ab 1970 flog Swami Vishnu-devananda in seiner zweimotorigen Piper Apache Peace Plane symbolische Friedensflüge zu Krisenherden der Welt unter dem Motto ›Der Mensch ist frei wie ein Vogel‹. Sein Appell: »Überwindet von Menschen geschaffene Grenzen mit Liebe und Blumen, nicht mit Bomben und Gewehren!«

Seinem Motto folgend, schwebte er 1983 mit einem Motor-Drachen und zwei Chrysanthemen-Sträußen ‚bewaffnet‘ von West-Berlin über die Mauer. Er landete in Ostberlin-Weißensee auf einem Acker, wo er von DDR-Beamten vier Stunden vernommen und später per U-Bahn mit einem Käsebrot als Wegzehrung zurück in den Westen geschickt wurde. Eigentlich hatte der Yogameister und Friedensaktivist vorgehabt, zum Alexanderplatz zu fliegen, hatte sich aber aufgrund starken Nebelaufkommens verflogen.

Heute gibt es weltweit mehr als 70 Sivananda Zentren und Ashrams, die als gemeinnützige Organisationen klassisches Yoga und Vedanta-Philosophie als Weg zu körperlicher, geistiger und spiritueller Gesundheit unterrichten.

Swami Siva Swaroopananda ist Direktor des Sivananda Yoga Ashram in Neyyar Dam, Kerala. Das Interview führte Andrea Glaubacker.Swami

AG: »Swami Swaroopananda, wie würden Sie Yoga erklären?«

SS: »Yoga ist eine holistische, also eine ganzheitliche Lehre für Gesundheit und für spirituelle Entwicklung. Diese Lehre geht nicht nur von einem physischen Körper aus, sondern auch von einem Gedankenkörper und einem Geistkörper. Jeder Mensch hat drei Erfahrungsebenen und diese betreffen nicht nur physisches, sondern auch mentales und spirituelles Leben. Im Yoga fördern wir diese drei Ebenen.«

AG: »Nach Sivananda gibt es fünf Prinzipien des Yoga. Könnten Sie diese kurz erläutern?«

SS: »Es gibt fünf Grundprinzipien, um einen yogischen Lebensstil zu entwickeln und die Gesundheit zu fördern. Dazu werden praktische Dinge ausgeführt, wie erstens regelmäßige Körperübungen, im Yoga nennen wir sie Asanas. Als zweites praktizieren wir Atemübungen, genannt Pranayama. Punkt drei betrifft systematische Entspannungen, dafür benutzen wir die Technik von Savasana* und Autosuggestion. Punkt vier ist eine gesunde Ernährung, wobei wir vegetarische Kost bevorzugen. Als fünften Punkt erachten wir positives Denken und Meditation für die geistige Gesundheit als wesentlich. Das sind die fünf Stufen des Yoga für ein gesundes Leben.«

(*Anmerkung der Autorin: Savasana wird am Ende einer Yogaklasse als Tiefenentspannung durchgeführt. Auf dem Rücken liegend soll sich der Yogi vollkommen entspannen. Diese Übung dient der Regeneration von Körper und Geist.)

AG: »In der westlichen Welt wird Yoga immer beliebter. Warum ist das so?«

SS: »Die meisten Leute fühlen sich von Yoga angesprochen, weil sie sich einen körperlichen Nutzen davon versprechen. Doch sie merken schnell, dass ihnen Yoga auch geistige Entspannung bringt. Und da der Stress heutzutage zunimmt, empfinden die Menschen die Entspannung durch Yoga als sehr wohltuend. Yoga kann aber auch eine spirituelle Ebene eröffnen, wodurch die Menschen ein größeres spirituelles Bewusstsein entwickeln. In den westlichen Ländern gibt es einen Mangel an Spiritualität und viele Menschen suchen eine Antwort auf spirituelle Fragen. Yoga kann ihnen die Antworten geben.«

AG: »Yoga wird im Westen häufig zur Stressreduktion empfohlen. Wie kann man Stress verhindern und wie sollte man mit Stress umgehen?«

SS: »Ich denke, Stress ist ein Teil des Lebens, den man nie ganz vermeiden kann. Aber Stress kann negative Auswirkungen auf Körper und Geist haben und diese können wir durch bestimmte Methoden rückgängig machen. Zunächst, wie können wir unseren Körper entspannen? Dafür benutzen wir die Technik von Savasana und Autosuggestion. Dadurch können wir unsere Körperfunktionen beeinflussen, wie beispielsweise den Herzschlag, den Blutdruck und den Kreislauf. Auf einer geistigen Ebene können wir mehr Ruhe durch Meditation finden. Außerdem ist es wichtig, dass wir eine positive Haltung dem Leben gegenüber entwickeln. Dies führt zu geistiger Ruhe und schließlich auch zu spirituellem Frieden. Wir sollten lernen, einen Sinn im Leben zu entdecken und Stress zu vermeiden. Damit wir unseren Blick dafür schärfen, was unsere Aufgabe im Leben ist.«

AG: »Und was denken Sie, ist die Aufgabe oder der Sinn des Lebens?«

SS: »Unser Sinn im Leben liegt ganz einfach darin, glücklich zu sein. Aber das ist leichter gesagt als getan und jeder hat seine eigene Vorstellung davon, was für ihn ‚glücklich sein‘ bedeutet. Yoga gibt uns viele Hinweise, wie man ein glückliches Leben führt. Ich würde sagen, dass im Wesentlichen das Glück davon abhängt, ob auf den drei Ebenen, der körperlichen, der geistigen und der spirituellen Ebene, ein Gleichgewicht hergestellt wird.

Im Grunde sollten wir ein Leben führen, das uns glücklich und zufrieden macht, und das tun, was das Beste für uns ist. Gleichzeitig sollten wir darauf achten, dass wir anderen Lebewesen keinen Schaden zufügen. Unsere wichtigste Verantwortung besteht darin, uns selbst zu respektieren und danach zu streben, Glück für uns zu finden. Das kann Unterschiedliches für verschiedene Menschen bedeuten, immer vorausgesetzt, dass wir anderen nicht schaden.«

AG: »Was ist das Ziel von Yoga?«

SS: »Yoga wird oft auf verschiedene Weise interpretiert. Einerseits können wir sagen, dass es darum geht, die drei Ebenen unseres Lebens, nämlich die physikalische, die mentale und die spirituelle zu vereinigen und zu harmonisieren. Andererseits bedeutet Yoga in einem tieferen Sinne die Vereinigung des Individuums mit Gott. Wir beginnen, eine höhere Macht oder Kraft zu erkennen und uns als Teil dieses einen Bewusstseins zu verstehen. Yoga steht also für die Vereinigung des Individuums mit dem Universellen, die Vereinigung von individuellem und universellem Bewusstsein. Das ist das Ziel auf einer tieferen spirituellen Ebene.«

AG: »Wie kann man als Anfänger die Meditation erlernen?«

SS: »Damit Meditation erfolgreich sein kann, sollte man einige Punkte beachten. Zunächst gibt es Verhaltensregeln, die wir in Yamas und Niyamas einteilen. Das sind Richtlinien, wie wir einen ausgeglichenen und friedvollen Lebensstil erreichen können. Regeln wie Gewaltlosigkeit, Wahrheitsliebe, nicht zu stehlen, die Zügelung der Begierden, aber auch eine Haltung der Zufriedenheit zu entwickeln, die heiligen Schriften zu studieren und sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. All das sind Prinzipien, die wir befolgen sollten, um ein friedvolleres Leben zu führen. Auf der körperlichen Ebene bereiten wir uns auf die Meditation vor, indem wir unseren Körper gesund halten und unsere Energie reinigen. Das geschieht zum einen durch die Körperübungen, den Asanas, und zum anderen durch die Atemübungen, Pranayama. Das sind sehr gute Übungen, um sich auf die Meditation vorzubereiten. In der Meditation lernen wir unsere Gedanken zu kontrollieren und zu disziplinieren, wir lernen sie zu fokussieren und zu beruhigen.«

AG: »Warum wird der Atem im Yoga als so wichtig erachtet?«

SS: »Atem ist Leben, kann man sagen, und der Atem ist sehr stark mit unserer Lebensenergie verbunden. Der Atem ist eine Verbindung zwischen unserem physikalischen Körper und dem, was wir Astral- oder Energiekörper nennen, der wiederum unseren Körper am Leben erhält und gleichzeitig mit unserer Gedankenwelt verbunden ist. Unsere Gedanken sind Teil des Astral- oder Energiekörpers. Wenn wir lernen, wie wir unseren Atem beherrschen, können wir unsere Energie und unsere Gedanken kontrollieren. Wir können die Gedanken beruhigen, indem wir beispielsweise den Atem verlangsamen. Richtiges Atmen ist deshalb ein wichtiger Schritt zur Kontrolle unserer Energie und unserer Gedanken. In den Atemübungen, den Pranayama, lernen wir den Atem und das Bewusstsein zu kontrollieren. Normalerweise atmen wir ja nicht bewusst.«

AG: »Wie wirken die körperlichen Übungen, die Asanas?«

SS: »Die Asanas halten den Körper gesund und beweglich. Durch Dehnen des Körpers regen wir unsere Energiezentren an, dadurch wird dem Körper Energie zugeführt. Deshalb fühlen sich die Menschen nach einer Yogastunde in der Regel energetischer als vor dem Yoga. Es ist wesentlich, dass der Körper gesund und energetisch gehalten wird und die inneren Organe gut arbeiten.«

AG: »Wie sollten wir unser Ego sehen und damit umgehen? Sollten wir versuchen es zu reduzieren?«

SS: »Das ist eine wirklich große Frage. Erstens, wissen wir überhaupt, was das Ego ist? Vereinfacht sagen wir, das Ego ist die Essenz meiner Individualität. An diesem Konzept hängen so viele verschiedene Dinge. Das kann alles sein, worauf ich mich beziehe. Etwa mein Beruf, mein Geschlecht, meine Karriere, mein Land, meine Nationalität, meine Meinung, meine Erziehung, alles Dinge, mit denen man das Ego identifiziert. Letzten Endes sagen wir, dass das Ego ein Stolperstein im Prozess der spirituellen Entwicklung ist, weil es uns vom universellen Bewusstsein trennt und dadurch das individuelle Bewusstsein schafft. Wir sagen, dass sich das Ego auf Ignoranz gründet, Ignoranz unseres wahren Selbst. Aber es ist auch ein wichtiger Teil des Lebens. Es ist das Ego, das uns dazu bringt, uns zu verbessern und gute Dinge für andere oder für uns selber zu tun. Deshalb müssen wir anfangs in einer positiven Weise mit unserem Ego arbeiten, damit wir uns verbessern. Und schließlich, wenn wir uns selbst verbessern, werden wir mehr und mehr selbstlos und weniger egoistisch. Und je selbstloser wir werden, desto dünner wird das Ego, bis es schließlich von selbst verschwindet.«

AG: »In diesem Ashram lernen Leute aus der ganzen Welt Yoga. Denken Sie, dass die Verbreitung von Yoga sich positiv auf die Zukunft der Welt auswirkt?«

SS: »Ja, zweifellos.«

AG: »Gibt es etwas, was sie hinzufügen möchten, einen Rat oder eine Aussage?«

SS: »Man kann niemanden zwingen, Yoga zu lernen oder sich dafür zu interessieren. Wir glauben, dass es für jeden Menschen die richtige Zeit gibt, sich damit zu befassen. Deshalb sagen wir, dass es die Gnade Gottes ist, die entscheidet, wann jemand bereit ist, Yoga zu lernen, und dass es Gottes Segen ist, wenn sich jemand entscheidet, Yoga zu praktizieren.«

AG: »Vielen Dank für das Gespräch, Swami Swaroopananda.«

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Als Andrea Glaubacker das erste Mal Mitte der 90er-Jahre den indischen Subkontinent betrat, war es um sie geschehen. Zu bunt, zu schillernd, zu vielseitig empfand sie dieses Land, um es nur einmal zu bereisen. So führte sie ihre Reise- und Abenteuerlust immer wieder nach Indien. Sie schrieb, fotografierte und filmte, reiste von den eisigen Höhen des Himalayas bis an die tropische Südküste, von West nach Ost und Ost nach West, in Bus, Bahn und Rikschas, auf Kamelen und Lkw-Ladeflächen. Die studierte Kulturwissenschaftlerin lebt und arbeitet in Berlin, wenn es sie nicht gerade wieder hinaustreibt in die weite Welt.

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