»Bei meiner Auswanderung hätte ich mir so einen Ratgeber gewünscht«

»Bei meiner Auswanderung hätte ich mir so einen Ratgeber gewünscht«

Seit über 15 Jahren lebt Kai Blum bereits in den USA. Sein erfolgreicher Ratgeber »Alltag in Amerika« ist kürzlich in der vierten, komplett überarbeiteten Auflage erschienen. Im Interview spricht er mit uns über seine Auswanderung, seinen Alltag in Amerika und den vergangenen US-Wahlkampf.

CONBOOK: Lieber Herr Blum, mit Alltag in Amerika stellen Sie allen US-Neuankömmlingen einen umfassenden Berater in Buchform zur Seite. Was hat Sie an den USA gereizt und zur Auswanderung bewogen?

Kai Blum: Ich hatte 1994 eine amerikanische Studentin in Deutschland kennengelernt und wir beschlossen nach einigen Monaten, zusammen in die USA zu gehen. Meine Auswanderung war also Zufall, ich hatte zuvor nie daran gedacht, in den USA zu leben.

CB: In Ihrem Buch geben Sie nützliche Einblicke in eine Vielzahl unterschiedlicher Bereiche des täglichen Lebens in Amerika. Basiert Ihr Wissen in diesen Feldern komplett auf eigenen Erfahrungen? Oder haben auch Sie sich Ratschläge eingeholt, um Ihr eigenes Know How zu ergänzen?

KB: Die Idee für das Buch war durch meine eigenen Erfahrungen entstanden, denn ich hätte mir damals so einen Ratgeber gewünscht. Aber schon in der ersten Ausgabe hatte ich auch Bereiche berücksichtigt, die mich nicht unbedingt selbst betrafen, aber zu denen es in Internet-Foren immer wieder Fragen gab, zum Beispiel was die Mitnahme von Haustieren in die USA betraf. Im Laufe der Jahre ist der Ratgeber dann beachtlich gewachsen, nicht zuletzt durch die Anregungen und Fragen von Lesern.

In der vierten Ausgabe gibt es jetzt u. a. ein Kapitel zum Thema »Sich-Selbständig-machen«, was mit Sicherheit ein Trend auf dem gegenwärtigen amerikanischen Arbeitsmarkt ist. Um so einem Thema gerecht zu werden, muss man als Autor auch viel recherchieren.

CB: Welche Eigenheit des Alltags im Amerika hat Sie am meisten überrascht? Wo sind die Unterschiede zwischen einem Leben in Deutschland und einem Leben in den USA am prägnantesten?

KB: Die Amerikaner sind gar nicht oberflächlich, wie das in Deutschland so oft vermutet wird. Dieses Vorurteil musste ich ganz am Anfang auch überwinden. Die Freundlichkeit steckt in den meisten Leuten einfach drin. Was ich auch toll finde, ist der viel lockere Umgang der Generationen miteinander und dass die Amerikaner keinerlei Berührungsangst im Umgang mit Behinderten haben. Und ältere Leute bleiben einfach viel länger aktiv, auch körperlich, wenn es die Gesundheit erlaubt. Dieser Unterschied fällt mir immer ganz besonders auf, wenn ich zu Besuch in Deutschland bin.

CB: Wie sieht Ihr persönlicher amerikanischer Alltag aus?

KB: Ich fahre fast jeden Morgen zur Bibliothek, um zu schreiben. Nachmittags arbeite ich bei einer PR-Firma im Bereich Suchmaschinen-Marketing. Abends gehe ich dann mit meinem Hund spazieren und unternehme etwas mit meiner Freundin. Ein ganz normaler Alltag also, der sicher ähnlich aussähe, würde ich in Deutschland oder anderswo leben. Das sage ich auch allen Auswanderungswilligen: Am Ende ist das Leben hier hauptsächlich auch nur Alltag. Genau aus diesem Grund habe ich den Buchtitel Alltag in Amerika gewählt.

CB: Seit fast 20 Jahren leben Sie nun schon in den USA. Was vermissen Sie an Deutschland?

KB: Ich vermisse das deutsche Kulturleben, z.B. Lesungen, Theater und Konzerte in deutscher Sprache, ebenso deutsche Buchläden. Auch die Deutsche Bahn fehlt mir. Ich glaube, die Deutschen sind sich nicht ganz bewusst, wie wertvoll das deutsche Eisenbahnsystem ist. Wenn ich in Deutschland bin, fahre ich immer viel Zug und renne in jeden Buchladen. Auch die Ostsee fehlt mir, da bin ich nunmal aufgewachsen.

CB: Stellen Sie sich vor, ein Student plant ein Auslandssemester, hat sich aber noch nicht für ein bestimmtes Land entschieden. Welche Vorzüge würden Sie ihm nennen, die ein Aufenthalt in den USA für ihn zu bieten hat?

KB: Amerikanische Universitäten sind ganz hervorragend ausgestattet und die Professoren sind jederzeit ansprechbar und nehmen sich viel Zeit für ihre Studenten. Ich kann mir keine besseren Studienbedingungen vorstellen. Außerdem kann man durch den Aufenthalt in den USA seine Englischkenntnisse perfektionieren und zudem seine Vorurteile gegenüber Land und Leuten abbauen.

CB: Neben den Ratgebern Alltag in Amerika und Immobilien in den USA haben Sie für den CONBOOK Verlag außerdem den Fettnäpfchenführer USA verfasst, der in Kürze in einer zweiten, stark überarbeiteten Neuauflage erscheint. Tappen Sie nach so vielen Jahren in den USA denn auch immer noch hier und da in ein echt amerikanisches Fettnäpfchen?

KB: Hin und wieder schon. Zum Beispiel, wenn ich bei der Arbeit denke, dass ich sachliche Kritik vorbringe, und mir Kollegen später sagen, dass sie sich vor den Kopf gestoßen fühlten. Amerikaner äußern Kritik sehr viel behutsamer.

CB: Momentan tritt in den USA der Wahlkampf wieder in eine heiße Phase ein. Wir wissen, dass dies ein Thema ist, das sie sehr interessiert und von Ihnen in einem Blog verarbeitet wird. Was ist das Besondere am US-Wahlkampf 2012?

KB: Die Republikaner haben einen relativ schwachen Kreis an Kandidaten, die sich aber eine unglaubliche Schlammschlacht liefern. Eigentlich sollte es angesichts der Wirtschaftslage ein Leichtes für sie sein, die Wahl zu gewinnen, aber sie stellen sich schon jetzt selbst ein Bein. Mitt Romney, der superreiche ehemalige Gouverneur des Bundesstaates Massachusetts tut sich da besonders hervor. Falls er, wie erwartet wird, die Vorwahlen gewinnt und gegen Barack Obama antreten wird, steht uns noch Einiges bevor.

CB: Herr Blum, vielen Dank für das Gespräch!

Wissenswertes über Kai Blum

Kai Blum wurde 1969 in Rostock geboren und hat in Leipzig Germanistik, Geschichte und Amerikanistik studiert. Nebenher schrieb er dort für eine Lokalzeitung. 1994 wanderte er in die USA aus und wohnte anfangs in Washington, D.C. und später in Virginia sowie South Dakota.

Seit Ende der Neunziger Jahre lebt er in Michigan. Beruflich war er bisher u.a. im Buchhandel, in einer Bibliothek und vor allem im Internet-Bereich tätig. Gegenwärtig leitet er bei einer PR-Agentur in Detroit den Bereich Suchmaschinen-Marketing.

Kai Blum erhielt Anfang 2006 die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Auszug aus Kai Blums vielfältigen Web-Aktivitäten

> 1000 kleine Dinge in Amerika – Ein Blog zum Leben in den USA

> US-Wahl 2016 – Gedanken zum Wahlkampf in den USA

> Alltag in Amerika – Web-Update zum erfolgreichen Ratgeber

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Kai Blum wurde 1969 in Rostock geboren und hat in Leipzig Germanistik, Geschichte und Amerikanistik studiert. Nebenher schrieb er dort für eine Lokalzeitung. 1994 wanderte er in die USA aus und wohnte anfangs in Washington, D.C. und später in Virginia sowie South Dakota. Seit Ende der Neunziger Jahre lebt er in Michigan. Beruflich war er bisher u.a. im Buchhandel, in einer Bibliothek und vor allem im Internet-Bereich tätig. Gegenwärtig leitet er bei einer PR-Agentur in Detroit den Bereich Suchmaschinen-Marketing. Kai Blum erhielt Anfang 2006 die amerikanische Staatsbürgerschaft.

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