»Interkulturell betrachtet sind wir die Exoten«

»Interkulturell betrachtet sind wir die Exoten«

Die change.project GmbH hat sich auf die Lösung interkultureller Fragestellungen spezialisiert und vermittelt Coachings für Geschäftsleute, die erkannt haben, dass in einer globalisierten Welt Feingefühl für kulturelle Unterschiede gefragt ist, um nachhaltig erfolgreich zu agieren. Geschäftsführer Johannes Klemeyer sprach mit uns über gesellschaftliche Prägungen, »typisch deutsche« Verhaltensmuster und die Zukunft interkultureller Wissensvermittlung.

CONBOOK: Als einer der Geschäftsführer der change.project GmbH widmen Sie sich tagtäglich der interkulturellen Arbeit. Sie selbst haben in Ihrer Karriere u.a. Stationen in Polen, Russland und den USA absolviert. Gibt es einen speziellen Wendepunkt, einen Moment in Ihrem Leben, der Sie zu dem Entschluss führte, sich ganz der interkulturellen Arbeit zu widmen?

Johannes Klemeyer: Einen speziellen Wendepunkt im Sinne von »genau an dem Tag habe ich beschlossen, mich dem Thema Interkulturalität zu widmen« gibt es eigentlich nicht. Vielmehr ist es so, dass meine Auslandsaufenthalte mir jedes Mal wieder gezeigt haben, wie »typisch deutsch« ich in meinem Verhalten und Denken eigentlich bin. Und wie schwer mir gerade anfangs manches deshalb gefallen ist. Ich erinnere mich noch genau, dass ich in meinem ersten Jahr in Moskau unter anderem von der Bürokratie dort wahnsinnig genervt war und oft genug gedacht habe, dass »die doch keine Ahnung haben«. Im Nachhinein klassische Anzeichen eines Kulturschocks. Man könnte also sagen, dass ich rückblickend viel gelernt habe und mir diese Reflexion gezeigt hat, wie wichtig das Thema interkulturelle Kommunikation ist.

CONBOOK: Seit einiger Zeit betreibt die change.project GmbH das Portal »crossculture academy«. Wie würden Sie die Zielsetzung dieses Portals beschreiben und was ist für Sie das Kernelement Ihres Online-Angebots?

Johannes Klemeyer: Die Zielsetzung der crossculture academy ist ganz klar die Unterstützung von Menschen, die im interkulturellen Kontext leben und arbeiten. Und zwar online, also losgelöst von Ort und Zeit, um es mal ein wenig geschwollen auszudrücken. Bisher ist es so, dass zumindest im geschäftlichen Umfeld nach wie vor hauptsächlich mit interkulturellen Trainings gearbeitet wird. Das ist natürlich auch nicht hat falsch, schließlich ist ein interkulturelles Training ein wichtiger und sinnvoller Baustein, wenn es darum geht, Menschen auf andere Kulturen vorzubereiten. Ein interkulturelles Training hat allerdings drei Schwächen: Es ist zeitaufwändig in der Planung, es ist vergleichsweise teuer, und es ist meist einmalig. Wir haben uns also folgende Fragen gestellt: Wie können wir Menschen regelmäßig in der Kommunikation mit anderen Kulturen unterstützen, wie können wir konkrete Tipps und Hinweise geben, und wie schaffen wir es, dass diese jedem zugänglich sind? Herausgekommen ist die crossculture academy.

CONBOOK: In Ihrer tagtäglichen Arbeit werden Sie immer wieder auf Besonderheiten anderer Kulturen aufmerksam. Gibt es auch heute noch Erkenntnisse im Bereich interkultureller Kommunikation und Zusammenarbeit, die Sie überraschen?

Johannes Klemeyer: Ich hatte erst vor kurzem tatsächlich eine solche Erkenntnis: Ich war bei einer Veranstaltung, bei der ich eine Podiumsdiskussion zum Thema »Business in Indien« verfolgte. Einer der Diskussionsteilnehmer leitet die Niederlassung eines deutschen Unternehmens in Indien und erzählte, dass er die indische Geschäftskultur eigentlich gar nicht berücksichtige, sondern so arbeite wie in Deutschland auch, nämlich indem er immer für Vorschläge seiner Mitarbeiter offen sei und generell das offene Wort bevorzuge. Er war jedoch ganz offensichtlich jemand mit ganz genauen Vorstellungen davon, wie sein Team zu funktionieren hat, und er betonte mehrmals, dass er diese Vorstellungen direkt und mit klaren Worten vermittle. Wenn man so will, ein klassisches Alphatier also. Dass er genau mit dieser nach eigenem Befinden »typisch deutschen« Art bei indischen Mitarbeitern gut ankommt, da diese gewohnt sind, dass ein Chef klare Ansagen macht, ist keine Überraschung. Die Überraschung, oder vielmehr der für ihn glückliche Zufall besteht darin, dass er offensichtlich nicht allzu viel über kulturelle Unterschiede reflektiert, in einer Kultur wie der indischen damit aber gut klarkommt. Das ist aber wohl eher ein Einzelfall.

CONBOOK: Ein mittelständisches Unternehmen sucht Geschäftskontakte ins Ausland. Der Geschäftsführer zögert aber noch, sich interkulturell fortzubilden, sei es durch ein Coaching oder z.B. durch Ihr Online-Angebot der crossculture academy. Was entgegnen Sie auf die Äußerung: »Ich habe doch einen Dolmetscher, warum soll ich mich denn noch zusätzlich vorbereiten?«

Johannes Klemeyer: Auf diese Frage möchte ich ganz einfach mit einem Zitat aus Ihrem Ratgeber »Geschäftskultur USA kompakt« antworten. Hier steht im Vorwort der Autorin Johanna Marius Folgendes: »Auf dem internationalen Marktplatz wird häufig in der Weltsprache Englisch kommuniziert und es ist verführerisch anzunehmen, dass sich deshalb automatisch alle verstehen. Wenn wir Englisch sprechen, übersetzen die meisten von uns ihre kulturellen und gedanklichen Konzepte mit und gehen unbewusst davon aus, dass ihre Gesprächspartner diese teilen. Das kann allerdings schnell schief gehen.« Diese drei Sätze beschreiben sehr genau, dass uns unsere kulturelle Prägung auch dann noch leitet, wenn wir eine andere Sprache sprechen. Oder anders gesagt: Eine fremde Sprache zu sprechen bedeutet noch lange nicht, die andere Kultur mit all ihren Normen und Werten und den daraus hervorgehenden Handlungsweisen zu verstehen.

CONBOOK: Im Imagefilm der crossculture academy berichten Sie von einem Flugzeugabsturz und einer Explosion auf ein Ölplattform – zwei tragische Unfälle, die durch Probleme in der interkulturellen Kommunikation verursacht wurden. Dies sind natürlich Extremfälle. Kennen Sie aus Ihrer Praxis noch weitere – gerne auch harmlosere – Beispiele über die Auswirkungen missglückter interkultureller Kommunikation?

Johannes Klemeyer: Sie haben vollkommen recht: Was man in unserem Imagefilm zu sehen bekommt, sind bewusst gewählte Extremfälle, um zu zeigen, dass ein im Allgemeinen als »weicher Faktor« angesehenes Thema wie die interkulturelle Kommunikation absolute Relevanz hat. Die meisten Fälle sind natürlich harmloser, was sie aber nicht weniger wichtig macht. Es gibt zum Beispiel den Fall eines Pharmakonzerns, der als Aussteller auf einer großen Messe in Japan war und sich dies eine ordentliche Stange Geld kosten ließ. Der Stand war nach unseren Maßstäben vom Feinsten: mit Parkettfußboden und zwei Stufen, die ins Innere des Standes führten, wie in einen richtig eleganten Raum. Auf der Messe war die Enttäuschung allerdings groß, denn es kamen viel weniger Besucher als erhofft. Der Grund war im Nachhinein kulturell bedingt: In Japan ist es allgemein üblich, dass man sich die Schuhe auszieht, bevor man eine Wohnung betritt – und eben dieses Ambiente vermittelte der elegante Parkettfußboden gerade in Verbindung mit den zwei Stufen. Da auf einer Messe aber die wenigsten Lust haben, sich die Schuhe auszuziehen, haben viele potenzielle Kunden gar nicht erst in Erwägung gezogen, das Innere des Standes zu betreten.

CONBOOK: Ein Blick auf die Arbeitsbereiche Ihrer change.project GmbH offenbart, dass es für Geschäftsleute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in der ganzen Welt interkulturelle Hürden zu überwinden gilt. Lässt sich im Umkehrschluss feststellen, dass gerade die Geschäftskultur der Deutschen im Ausland als besonders exotisch betrachtet wird?

Johannes Klemeyer: Zunächst einmal muss man kulturell zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz unterscheiden. Da sind wir wieder beim Thema »Die gleiche Sprache sprechen und doch kulturell anders geprägt sein«. Es ist ja in der Tat so, dass wir bei benachbarten oder uns nahe stehenden Ländern automatisch denken, dass hier eigentlich keine großen Unterschiede bestehen – was in vielerlei Hinsicht allerdings doch der Fall ist. Zum Thema Deutschland und die anderen lässt sich feststellen, dass die Deutschen interkulturell betrachtet wirkliche Exoten sind: Mit der strikten Trennung zwischen Beziehungen und Emotionen auf der einen Seite und absoluter Sachorientierung auf der anderen Seite stehen wir ziemlich alleine dar. Wer kennt nicht den Spruch: »Nimm‘s nicht persönlich«. Also zum Beispiel: »Nimm’s nicht persönlich, aber so, wie Du das gerade machst, kann es nicht funktionieren.« Natürlich ist es auch für Deutsche nicht immer ganz einfach, einen solchen Spruch zu akzeptieren. In den meisten anderen Kulturen gibt es diese strikte Trennung, verbunden mit einer sehr direkten Kommunikation, allerdings nicht. Ein Grund dafür, warum wir Deutschen im Ausland nicht selten eher harsch wirken.

CONBOOK: Nicht nur beruflich liegt Ihnen die interkulturelle Kommunikation am Herzen. Sie sind mit einer Amerikanerin verheiratet und erleben so auch privat die Begegnung der Kulturen. Sehen persönliche Fragen der interkulturellen Kommunikation ganz anders aus als geschäftliche oder gibt es da durchaus Ähnlichkeiten?

Johannes Klemeyer: Letztlich ist es ja so, dass es sowohl beruflich als auch privat immer um die Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Menschen geht. Und als jemand, der von seiner Kultur geprägt ist, agiert man in beiden Fällen natürlich nach seinen Werten und Normen. Beruflich kommen sicher noch ein paar Dinge hinzu wie etwa Businessetikette etc., über die man als Privatmensch nicht zwingend Bescheid wissen muss. Wenn ich mich aber zum Beispiel privat mit Freunden verabrede, um etwa einen Wochenendtrip zu besprechen, erwarte ich als Deutscher neben Pünktlichkeit auch, dass ich nach dem Gespräch weiß, wohin es geht – das unterscheidet sich also nicht unbedingt von einem geschäftlichen Meeting, von dem deutsche Beteiligte erwarten, dass alle danach ein klares Resultat vorliegen haben, während es in manchen asiatischen Kulturen etwa allein dem Austausch dient.

CONBOOK: Mit der crossculture academy beschreiten Sie moderne Wege der interkulturellen Wissensvermittlung. Wo soll da in den nächsten Jahren die Reise hingehen?

Johannes Klemeyer: Bei dem Tempo, in dem unsere digitale Welt sich weiter entwickelt, ist das gar nicht so einfach zu sagen. Wenn wir in die nähere Zukunft schauen, ist es sicher so, dass die crossculture academy noch besser auf Smartphone-Nutzer und Mobile Learning ausgerichtet werden wird. Auch die stärkere interaktive Nutzbarkeit wird eine Rolle spielen. Bei aller Rücksicht auf technische Weiterentwicklungen dürfen wir aber nicht vergessen, was im Fokus steht: Das Bemühen darum, interkulturelles Wissen auf unkomplizierte, direkte und verständliche Art und Weise zu vermitteln.

CONBOOK: Wir danken Ihnen für das Gespräch!

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