Interview mit unserem »Japan 151«-Autor Fritz Schumann

Interview mit unserem »Japan 151«-Autor Fritz Schumann

Der gebürtige Berliner Fritz Schumann reist regelmäßig nach Japan, von wo aus er für verschiedene deutsche und japanische Medien berichtet. Für den CONBOOK Verlag verfasste er die beeindruckende Länderdokumentation »Japan 151«. Im Interview mit dem Online-Portal animePRO spricht er über seine vielseitige Arbeit in, mit und über Japan.

animePRO: Wie sind Sie zum Fotojournalismus gekommen?

Fritz Schumann: Die Frage ist irgendwie schwierig zu beantworten. Ich merke immer wieder, dass man mich nicht so einfach definieren kann. Ich verdiene mein Geld als Fotograf, mache aber auch Filme oder schreibe. Ich bin nicht »nur« Fotojournalist oder Autor. Und rein formal bin ich ja noch Student.
Ich sehe mich aber auch nicht als nur der Fotograf, Journalist oder Filmemacher. Ich denke, »Storyteller« trifft es vielleicht besser. Das Medium ist dann zweitrangig. Ich fühle mich in vielen Medien wohl und jedes hat seine Stärken.

animePRO: Von Ende 2013 bis 2014 waren Sie für ein Austauschsemester an der Hiroshima City University. Hatten Sie vor diesem Austausch bereits eine längere Zeit in Japan verbracht und wenn ja: Was haben Sie dort gemacht?

Fritz Schumann: Ich habe von Juni 2009 bis Juni 2010 in Tokyo gelebt und als freier Fotograf und Journalist gearbeitet. Ich war damals nicht eingebunden in eine Ausbildung oder feste Arbeit, war also frei. Ich war aber auch, wie kann ich sagen…ohne Leitung. Ich hatte keine Ansprechpartner, alles musste ich mir selbst erarbeiten oder suchen. Das war nicht einfach, aber eine wertvolle Schule. Anschließend bin ich jedes Jahr mindestens einmal nach Japan zurückgekehrt, 2011 und 2012 jeweils für 2-4 Wochen.

animePRO: Als Europäer fallen Sie in Japan sicher schnell auf. Macht es das Fotografieren schwerer oder stehen Ihnen durch den »Exotenstatus« womöglich Türen offen, die japanischen Kollegen verschlossen bleiben?

Fritz Schumann: Beides irgendwie. Man fällt mehr auf, also kann man nicht unauffällig fotografieren oder recherchieren. Ständig reagieren Menschen auf dich. Gleichzeitig habe ich in Interviews gemerkt, dass einige Japaner offener mit mir redeten, gerade weil ich Ausländer war.
Ein Beispiel: Für meinen Film »Im Tal der Puppen« brauchte ich Archiv-Bilder einer Stromfirma. Die weigerten sich, mir Fotos zu geben. Eine japanische Freundin rief dort beherzt für mich an. Die Bilder bekam ich schlussendlich doch. Meine Freundin sagte mir: »Die hatten Angst. Seit Fukushima trauen sie sich nicht mehr, Fotos an ausländische Medien zu geben.« – Obwohl es im konkreten Fall um einen Staudamm ging und nicht ein Atomkraftwerk.

animePRO: Fotografieren Sie in Japan anders als in Deutschland? Legen Sie den Fokus zum Beispiel auf andere Elemente?

Fritz Schumann: Ob ich anders fotografiere, weiß ich nicht unbedingt. Aber ich arbeite definitiv anders. Ich arbeite mehr, länger und intensiver. Und auch mit mehr Leidenschaft und Begeisterung. Es fällt mir leichter, spannende und einzigartige Geschichten in Japan zu finden als in Deutschland.

animePRO: Für Ihr jüngstes Buch »Japan 151« sollten Sie kleine Kapitel zu 151 »Japan-typischen« Schlagworten schreiben. Sie schrieben aber aus Versehen 156 Kapitel. Wissen Sie noch, welche fünf Kapitel Sie notgedrungen gestrichen haben?

Fritz Schumann: Manchmal rede ich mit Leuten, die mein Buch gelesen haben, über gewisse Geschichten daraus – und die gucken mich irritiert an. Mir fällt dann ein, dass ich von Kapiteln rede, die rausgeflogen sind oder gekürzt wurden. Dabei war zum Beispiel das Kapitel »Auto«, um das es mir aber eigentlich nicht schade ist. Das ist entstanden, weil ich dachte, ich muss irgendwie das Buch noch vollkriegen. Ich hab ja noch nicht mal einen Führerschein…
So ganz genau weiß ich es nicht mehr, was noch rausgeflogen ist. Was mir wichtig war, habe ich versucht, noch in andere Kapitel zu quetschen. Mein Lieblingskapitel ist über Anpan. Das hat mich beim Recherchieren am meisten überrascht – und die Geschichte vom »Rote-Bohnen-Brot« fasst 200 Jahre japanische Geschichte perfekt zusammen!

animePRO: Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben!


Das Interview führte Kathia Krüss für animePRO. Sie finden es in voller Länge auf www.animepro.de

Hier geht’s zum Blog des Autors: http://tokyofotosushi.wordpress.com

Fritz Schumanns Homepage: www.fotografritz.de

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Fritz Schumann hat dem Dalai Lama die Hand geschüttelt, verrückte Erfinder und exzentrische Forscher in Tokyo interviewt und ein Buch über eine Insel & ihr Atomkraftwerk geschrieben. Das alles innerhalb von einem Jahr in Japan. Der gebürtige Berliner (*1987) arbeitete als Fotograf und Journalist in der deutschen Hauptstadt, bevor er im Sommer 2009 nach Tokyo zog. Bis heute reist er regelmäßig nach Japan, von wo aus er für deutsche und japanische Medien arbeitet. Unter www.fotografritzblog.de lassen sich seine aktuellen Reisen und Recherchen nachlesen.

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