Der Mythos: Fußball von hier

Der Mythos: Fußball von hier

Die Faszination des Ruhrgebiets am Fußball ist ein stadtteil-, generationen- und geschlechter- übergreifendes Phänomen. Frank Klötgen, Hyperfiction-Autor, Slam-Poet und Sänger der Band „Marilyn’s Army“, spürt im „Heimatbuch Ruhrgebiet“ der Seele des Reviers nach und fragt sich, was die „Pötter“ umtreibt. Dabei untersucht er auch das Gütesiegel „Fußball von hier“…

Sonntags war Fußball. Nach einer harten Woche im Pütt oder beim Abstich trottete der Vater mit dem Sohne gen Stadion, um ihre Jungs laufen zu sehen.

Die Spieler auf dem Platz hatten unter der Woche vielleicht sogar in der gleichen Schicht malocht. Zumindest kamen sie aus der gleichen Siedlung. Oder der weiteren Nachbarschaft. Auf jeden Fall war die Identifikation mit der kompletten Mannschaft gegeben. Das hat sich in die Jetzt-Zeit gerettet, obwohl die Balltretermillionäre im seltensten Fall noch aus dem gleichen Land wie Vater und Sohn kommen.

Fußballleidenschaft ist ein gut gepflegtes Leiden im Ruhrgebiet. Es gibt viele traditionsreiche Mannschaften, die sich in eine langwierige Aussichtslosigkeit hineinmanövriert haben und dennoch beherzte Jünger um sich scharen, deren Fanatismus ein Fall für das Guinness-Buch der Rekorde wäre.

Keine Region ist enger mit Teams bestückt, die Fußballgeschichte geschrieben haben. Doch neben den Primadonnen Borussia Dortmund und Schalke 04, die im Jubeljahr 1997 beide europäischen Titel ins Revier holten, gerät der Rest allmählich in Vergessenheit:

1. VfL Bochum: 34 Jahre in der Ersten Bundesliga, dort vermisst seit 2010
2. MSV Duisburg: 28 Jahre, vermisst seit 2008
3. Wattenscheid 09: vier Jahre, vermisst seit 1994
4. Rot-Weiss Essen: sieben Jahre, vermisst seit 1977
5. Rot-Weiß Oberhausen: vier Jahre, vermisst seit 1973

Wie dünn das Eis des Strukturwandelbewusstseins der Pottbewohner ist, ließe sich in Essen leicht mit folgender Frage ergründen: Was würde der Stadt mehr Aufschwung bescheren – ein weiteres Kulturhauptstadtjahr oder der Aufstieg von Rot-Weiss Essen in die Dritte Bundesliga?

Es mögen da stadtteil- oder geschlechtsspezifische Unterschiede zutage treten, aber klar ist: Fußball gehört zu den Grundfesten pöttischen Selbstbewusstseins. Jede Stadt möchte ihren Verein in den oberen Ligen spielen sehen.

Als ökumenisches Gemeindeblatt der Fan-Jünger im Ruhrgebiet fungiert die Zeitung RevierSport. Die erscheint gleich zweimal in der Woche, widmet sich trotz des ausschweifenden Namens doch vornehmlich dem Fußball und füllt die Lücke zwischen Stadionzeitung und kicker. Dort erfährt man dann auch, in welcher Liga die Oberhausener Kleeblätter mittlerweile gelandet sind. Dass das Geschäftsmodell einer regionalen Fußballzeitschrift trägt – und dies bereits seit 1987 –, belegt die Besessenheit, mit der der Pötter seinem Ballsportinteresse nachgeht.

Manchmal schwingen sich die Fan-Völker zum Schulterschluss zusammen und bieten mit dem Schlachtruf »Ruhrpott!« Waffenstillstand an. Ansonsten herrscht unerbittliche Feindschaft unter den Lokalrivalen. Da hält mancher Hardliner sogar zu Bayern München, wenn diese wie 2001 den Schalkern die kürzeste und tragischste Meisterschaftsfeier der Welt bescheren – charakterliche Abgründe, von jahrelanger Feindschaft geschürt.

Zum Einfrieren: Fünf Momente des Pottfußballs

* 5. November 1977: Bernard »Ennatz« Dietz schießt sein viertes Tor beim 6:3-Sieg der Duisburger über Bayern München.

* 1. Juni 1991: Der Wattenscheider Thorsten Fink kickt in der 89. Minute mit dem 3 : 2 den FC Bayern aus dem Meisterschaftsrennen.

* 4. Oktober 1995: Rot-Weiss Essens Putsche Helmig erzwingt mit dem 4 : 4 die Verlängerung im Pokalspiel gegen Bayer Leverkusen.

* 21. Mai 1997: UEFA-Pokalfinale, Rückspiel Inter Mailand gegen Schalke 04 – Marc Wilmots tritt zum Elfmeter an!

* 28. Mai 1997: Einwechslung von Lars Ricken im Champions-League-Finale BVB gegen Juventus Turin in der 70. Minute …

Artikelbild: © b13nd / photocase.com

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1968 in Essen geboren. Slam-Poet und Netz-Literat sowie seit über 25 Jahren und 15 CDs Sänger und Texter bei Marilyn's Army. 1998 für die Hyperfiction "Aaleskorte der Ölig" von der ZEIT mit dem "Pegasus"-Preis für Internet-Literatur ausgezeichnet. Studierte Kommunikationswissenschaften und arbeitete zehn Jahre lang als Webmaster für Universal Music. 2004 erschien mit "Spätwinterhitze" der erste deutschsprachige Hyperfiction-Roman auf CD-ROM (Verlag Voland & Quist); 2005 feierte sein Online-Musical "Endlose Liebe/Endless Love" Premiere. Seine besten Slam-Texte gibt es seit März 2007 in "Will Kacheln" (Buch und CD, Verlag Voland & Quist). Seit August 2007 schreibt er den Stadtkind-Blog auf tagesspiegel.de. Monatliche Kolumnen in diversen Magazinen, zahlreiche Beiträge in Anthologien und Zeitschriften. Im März 2010 erschien sein Debutroman „Der Fall Schelling“ (Buch und CD, Verlag Voland & Quist). 2011 ist er Writer in Residence der Universität Innsbruck, das im April erschienene Buch "Mehr Kacheln" vereint über 50 seiner Spoken Word-Gedichte. Gewinner des Deutschen Box Slams 2011, des arte-Webslams und dem Polit-Slam der Süddeutschen Zeitung. Im Oktober 2012 erscheint sein neuer Gedicht- und Fotoband "Kitt!". Permanent auf Lese-Reise und mit dem Tanzorchester Baron von Kurz in der Republik unterwegs. Außerdem DJ u