Ein Silberfarn am Horizont

Ein Silberfarn am Horizont

Nur mal angenommen die deutsche Kanzlerin käme auf die (fixe) Idee Deutschland eine neue Staatsflagge zu verordnen. Die schwarz-rot-goldenen Wirtschaftswunderzeiten waren gestern – nun soll eine neue Flagge im frischen Herbstwinde flattern: vielleicht ja ein Europa-blauer Grund mit Eichenlaub in gelb.

Als ob man keine anderen Sorgen hätte? Mag sein. Dennoch spielt sich gerade etwas sehr Ähnliches hier in Neuseeland ab. Der Premierminister des Kiwilandes, John Key, hat die baldige Erneuerung des Staatslogos zur Chefsache gemacht. Der triumphale Wahlsieg seiner National Party am 22. September dürfte ihn dabei in der Dringlichkeit seiner Idee bestärkt haben.

Aktuelle Flagge NZ

Wird oft mit Australien verwechselt: Steht die Zukunft der neuseeländischen Staatsflagge in den Sternen?

Der Union Jack mit den vier Sternen des Southern Cross hat ausgedient. Der starke Bezug zur einstigen Kolonialmacht Großbritannien ist nicht mehr zeitgemäß – so die Überzeugung des Regierungschefs, der trotz scheinbarer Abtrünnigkeit ein starker Verfechter der parlamentarischen Monarchie ist. Nun soll sein Kiwivolk entscheiden: Die Neuseeländer werden demnach innerhalb der nächsten drei Jahre über eine neue Nationalflagge abstimmen dürfen – jedenfalls ließ John Key solches noch vor der den Parlamentswahlen verlauten.

Doch hier endet Keys Begeisterung noch lange nicht: Sogar ums Layout kümmert sich der Premierminister höchstpersönlich. Sein Design-Favorit ist der sehr neuseelandtypische Silberfarn auf schwarzem Grund. Ein Höchstmaß an individueller Kreativität kann man dem ersten Mann des Landes dabei allerdings kaum bescheinigen. Der silbern schimmernde Farnzweig ziert in Neuseeland schließlich praktisch alles und scheint vor allem im Sport als Universalsymbol geradezu inflationär eingesetzt zu werden. Das Rugby-Nationalteam »All Blacks« und die Netballer »Silver Ferns« (der Name sagt schon alles) seien nur stellvertrend genannt. Boeings und Airbusse von Air New Zealand, die 1-Dollar-Münze, Myriaden von T-Shirts und ungezählte Oberarme und Unterschenkel tragen stolz den Farn – letztere freilich als Tattoo in die Haut gestochen.

Und bald vielleicht – als ob das alles längst nicht genug sei – auch noch als Dekor der Staatsflagge des Landes am schönsten Ende der Welt?

Abwarten und 5-Uhr-Tee trinken. Prinzipiell ist gegen eine Moderinisierung der Staatsflagge nichts einzuwenden, allein die häufige Verwechselung mit jener Australiens wäre schon ein guter Grund. Aber die Gegner des Plans melden sich bereits gut hörbar zu Wort. Veteranenverbände sind wie in alten Zeiten zum Angriff bereit: »Unsere Truppen haben unter dieser Flagge gekämpft und ihr Leben gelassen. Keine neue Fahne. Gott schütze die Königin.« Und dann sind da auch noch die immensen Kosten, die eine solche Änderungsaktion verursacht…

Der Premierminister sieht schwarz: John Key ist erklärter Fan vom Farn auf schwarzem Grund.

Neuer Entwurf

Der Premierminister sieht schwarz: John Key ist erklärter Fan vom Farn auf schwarzem Grund.

Aber auch Grafikdesigner, die das Farn-Logo auf den aktuellen Trikots der »All Blacks« für rundherum gelungen halten, sehen seine Adaption als Nationalflagge für problematisch an, weil die schwarze Farbe mit Trauer, Tod und Traurigkeit assoziiert wird. Andere fühlen sich an eine Piratenflagge erinnert, oder – weitaus schlimmer – an die Insignien des so genannten Islamischen Staates IS (ISIS).

Natürlich gibt es weitere Vorschläge, beispielsweise das Symbol der Maori, oder den Entwurf, den kein geringerer als Friedensreich Hundertwasser bereits in den Achtziger Jahren vorgelegt hat: eine farngrüne Farnspirale (Maori: Koru) auf weißem Grund.

Das kommende Referendum wird zeigen, ob die Kiwis ein Herz für das Hobby ihres Premierministers haben und welche Flagge in ein oder zwei Jahren auf öffentlichen Gebäuden, der Harbour Bridge und vielen neuseeländischen Privathäusern wehen wird.

Derweil halten es die meisten Kiwis auf der Straße schlicht mit dem Bonmot: »If it’s not broken, don’t fix it!« (Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren!)

Bis dato bläst zumindest noch ein strammer Gegenwind. Jedenfalls ergab die letzte Umfrage, dass lediglich 28 Prozent der Kiwis eine neue Flagge wünschen, während 72 Prozent mit vier roten Sternen nebst Union Jack auf blauem Grund auch in Zukunft gut leben können.

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Rudi Hofer, geboren in Nord-, aufgewachsen in Süddeutschland, lebt zusammen mit seiner Frau Heike seit knapp einer Dekade in der Region Auckland, Neuseeland. Sein beruflicher Weg führte über die Ausbildung zum Grafischen Zeichner zur baldigen Selbständigkeit und dem Schreiben von Werbe- und Katalogtexten als langjährigem Tätigkeitsschwerpunkt. Parallel zu neuen Unternehmungen in anderen Branchen, wie beispielsweise Luftfahrt und Fitness, blieb Rudi Hofer weiterhin als freier Texter tätig. Nach seinem sorgfältig geplanten Umzug auf die Südhemisphäre der Erde war die Zeit reif für das Schreiben umfangreicher Werke, wie dem in Kürze vorliegenden Fettnäpfchenführer Neuseeland.