Remember, remember the 5th of November

Remember, remember the 5th of November

Man muss sich das nur einmal plastisch vor Augen führen: Ein religiöser Extremist beschließt den Sitz einer Regierung inklusive deren Vertreter in die Luft zu jagen. Doch kaum ist die größte Aufregung verebbt, wird der Jahrestag seiner sorgfältig geplanten Tat mit symbolischen Freudenfeuern und Brillantfeuerwerken begeistert gefeiert. Und der Rebell selbst wird im Laufe der Zeit zur Kultfigur politischer Bewegungen stilisiert.

Folgendes war geschehen: Guy Fawkes, englischer Offizier und radikaler Katholik, war fest entschlossen, der Unterdrückung seiner Glaubensbrüder und -schwestern durch King James I. (Sohn der Maria Stuart) mit lautem Knall ein jähes Ende zu setzen.

Gescheiterte Untat auf dem Scheiterhaufen. Freudenfeuer symbolisieren Guy Fawkes‘ missglückten Anschlag auf das englische Parlament im Jahr 1605. | © Chris Opperman, Auckland

Gescheiterte Untat auf dem Scheiterhaufen. Freudenfeuer symbolisieren Guy Fawkes‘ missglückten Anschlag auf das englische Parlament im Jahr 1605. | © Chris Opperman, Auckland

Fawkes schmiedete einen klar umrissenen Plan. Zusammen mit elf Komplizen hatte er in den weitläufigen Kellerräumen des englischen Parlaments im Palast von Westminster 36 Fässer mit mehr als zwei Tonnen (!) Schwarzpulver deponiert. Am 5. November 1605, dem Tag der Parlamentseröffnung, sollte die stattliche Ladung hochgehen und die Quelle der protestantischen Vorherrschaft ins Verderben reißen: das ganze House of Lords mitsamt dem König, den Parlamentsmitgliedern und den Bischöfen. Danach – so der weitere Plan des Guy Fawkes – sollte ein katholischer König eingesetzt werden und die britische Geschichte würde schließlich ein Happy End mit päpstlichem Segen haben.

Aber das einzige, was hochging, war der Plan der Revoluzzers. Das explosive Projekt flog auf – im übertragenen Sinne versteht sich. Die zwölf Verschwörer wurden – lange bevor die Lunte glimmen sollte – gefasst, gefoltert, bis zur Bewusstlosigkeit aufgehängt, ausgeweidet und viergeteilt. Wirklich, der königlich-englische Arm des Gesetzes war nicht zimperlich.

Guy Fawkes selbst fand jedoch eine Abkürzung auf seinem Weg ins staatlich verordnete Jenseits, indem er vor dem langsamen Hochziehen der Schlinge vom Galgenpodest sprang. Dabei brach er sich spontan das Genick und brachte so die Henkersgesellen um den Spaß der restlichen Prozedur, die ja dem Gesetz nach bei lebendigem Leib hätte stattfinden sollen.

Die nicht zustande gekommene Untat des Guy Fawkes ging fortan als »Pulververschwörung« in die Geschichte des antiken Terrors ein. Ihre jährlich wiederkehrende, traditionelle Feier in vielen englischsprachigen Ländern ist heute als Bonfire Night bekannt und beliebt, besonders auch hier in Neuseeland. »So sind sie eben, die Kiwis – sie können nicht über ihren angelsächsischen Schatten springen«, könnte man augenzwinkernd an dieser Stelle sagen.

Zugegeben, die alljährlichen Freudenfeuer flackern heute natürlich im Gedenken an die Vereitelung des Anschlags. Allerdings hat sich sehr schnell auch ein bemerkenswerter Personenkult um jenen Guy Fawkes herausgebildet, der in der Liste der »100 wichtigsten Briten« schon seit vielen Jahren konstant in der ersten Hälfte zu finden ist (aktuell belegt er Platz 30).

Pulverdampf und Funkenflug. In der Nacht des 5. November kracht, sprüht und blitzt es überall in Neuseeland. | © Chris Opperman, Auckland

Pulverdampf und Funkenflug. In der Nacht des 5. November kracht, sprüht und blitzt es überall in Neuseeland. | © Chris Opperman, Auckland

Kiwis mögen Feuerwerke und Illuminationen sehr, aber Guy Fawkes‘ Bonfire Night ist nicht nur eine gute Gelegenheit, es mal wieder richtig krachen zu lassen. Das Fest signalisiert ebenso den Beginn des Sommers und wird deshalb gerne auch als willkommener Anlass gesehen, mit Freunden und Bekannten zum Barbecue zusammenzukommen, selbstverständlich nicht ohne bei Einbruch der Dunkelheit ein paar funkensprühende Raketen in den neuseeländischen Nachthimmel abzufeuern.

Mehrere öffentliche Gruppierungen, die von Spöttern gerne als Förderer des Ammenstaats (Nanny State) bezeichnet werden, treten allerdings kräftig auf die Spaßbremse und erheben schon lange mahnend den Finger und weisen auf die erheblichen Risiken und Nebenwirkungen der Guy-Fawkes-Freudenfeuer hin – möglicherweise nicht einmal ganz zu Unrecht, denn der 5. November mündet stets in einer Großkampfnacht für Feuerwehren und Notaufnahmen in den Krankhäusern. Trotz, oder gerade wegen der strengen Restriktionen beim Verkauf von Feuerwerkskörpern kommt es häufig zu Unfällen durch fahrlässigen Umgang mit Böllern und Raketen und so manches Fingerglied wird in dieser erleuchteten Kiwinacht dem Andenken des berühmt-berüchtigten Pulververschwörers geopfert.

Übrigens: das bekannte Konterfei, die von dem Grafiker David Lloyd gestaltete Guy-Fawkes-Maske, ist inzwischen zum Symbol verschiedener aktivistischer Protestbewegungen geworden (z.B. Anonymous und Occupy Wall Street).

Ja, selbst vor den Kleinen macht die Figur des Guy Fawkes nicht halt, wie die ersten Zeilen dieses Kinderreims zeigen:

Remember, remember the 5th of November
Gunpowder, treason and plot
I know of no reason why gunpowder treason
Should ever be forgot.

Nächster Artikel:
Vorheriger Artikel:
Dieser Artikel wurde geschrieben von

Rudi Hofer, geboren in Nord-, aufgewachsen in Süddeutschland, lebt zusammen mit seiner Frau Heike seit knapp einer Dekade in der Region Auckland, Neuseeland. Sein beruflicher Weg führte über die Ausbildung zum Grafischen Zeichner zur baldigen Selbständigkeit und dem Schreiben von Werbe- und Katalogtexten als langjährigem Tätigkeitsschwerpunkt. Parallel zu neuen Unternehmungen in anderen Branchen, wie beispielsweise Luftfahrt und Fitness, blieb Rudi Hofer weiterhin als freier Texter tätig. Nach seinem sorgfältig geplanten Umzug auf die Südhemisphäre der Erde war die Zeit reif für das Schreiben umfangreicher Werke, wie dem in Kürze vorliegenden Fettnäpfchenführer Neuseeland.