Wenn sich Kiwis weiße Weihnacht wünschen…

Wenn sich Kiwis weiße Weihnacht wünschen…

…dann stehen die Chancen für die Erfüllung dieses Wunsches grundsätzlich sehr schlecht.

Doch zunächst einmal der Reihe nach: Hier im Reich der Antipoden ist nun wirklich alles anders – ganz anders. Die Autos fahren auf der falschen Straßenseite, das Betreten des Rasens ist nicht verboten und Weihnachten fällt im Land der Kiwis mitten in den Sommer.

ChristmasSanta

Santa ist für kleine (und große) Kiwis der Größte. Seit 1960 grüßt alljährlich im Dezember ein 11 Meter hoher Weihnachtsmann die Christmas Shopper in der Queen Street, Auckland. | © Ed Kruger via Wikimedia Commons

Besonders Letzteres ist für Besucher und Einwanderer, die den größten Teil ihres Lebens auf der Nordhalbkugel verbracht haben, äußerst gewöhnungsbedürftig. Eine echte Weihnachtsstimmung will sich in dem vom Winter geprägten Bewusstsein einfach nicht einstellen.

Es ist kurios. Die Weihnachtszeit ist zugleich die Haupturlaubszeit für die Neuseeländer und die Schüler haben von Mitte Dezember bis Mitte Februar Sommerferien! Wenn die Kiwifamilien die höchsten Feiertage hinter sich gebracht haben, verbringen sie gerne unbeschwerte Wochen in einem Ferienhaus am Strand oder verreisen nach Australien, Fidschi und Samoa.

Vielleicht um die Irritation zusätzlich zu steigern, haben sich die ersten Siedler Neuseelands außerdem entschlossen, ihre gewohnten angelsächsischen Weihnachtsbräuche praktisch eins zu eins zu übernehmen und – Sommer hin, Sommer her – die winterliche Symbolik ebenfalls eisern beizubehalten.

Dieser Anachronismus scheint niemanden zu stören, im Gegenteil: der pelzig-rot gewandete Weihnachtsmann namens Santa (Claus) mitsamt seinem von Rudolph, dem rotnasigen Rentier, gezogenen Schlitten darf bei keiner Christmas Parade fehlen, und wenn der Rauschebart noch so schwitzt.

Santa begeistert Kleine und Große, die in T-Shirt, kurzen Hosen und meist barfuß ihrem winterlich gekleideten Weihnachtshelden zuwinken. Kinderchöre singen bei 25°C – plus wohlgemerkt – und schweißtreibendem Sonnenschein inbrünstig »White Christmas«, »Jingle Bells«, »Winter Wonderland« und überhaupt alle Weihnachtslieder, in denen von Schneeflöckchen oder still und starr zugefrorenen Seen die Rede ist.

Von der Sonne gerötete Kiwikunden durchstreifen im vorweihnachtlichen Kaufrausch die schneereich dekorierten Geschäfte, in denen Santa Süßigkeiten wie Jelly Beans etc. an die Kids verteilt und mit funkelnden Schweißperlen auf den Lippen »ho, ho, ho« brummt. Weiße Winterlandschaften und glitzernde Eiszapfen zieren Weihnachtskarten und Geschenkpapier inmitten eines sonnigen und warmen Sommers.

Attention please! Ja bitte, Tännchen sind auch in Neuseeland eine gern verwendete Dekoration zum Christfest. Die deutsche Hausfrau mag sich dabei kaum vorstellen, wie schnell und stark die durstige Tanne in sommerlicher Warmluft nadelt. Trotzdem steht ein echtes, bunt dekoriertes Nadelgewächs in vielen Kiwi Homes, aber statistisch gesehen ist überwiegend Plastik der Stoff aus dem die Bäume sind.

Der wahre Weihnachtsbaum Neuseelands ist allerdings ein ganz anderer. Er trägt den schwierigen, aber klangvollen Namen Pohutukawa. Das ist ein immergrüner Baum, dessen festliche Ausstrahlung in seiner vollen Blütezeit von Dezember bis Januar zur Bezeichnung New Zealand Christmas Tree führte. Dann nämlich bedecken pinselartige, leuchtend rote Blüten den gesamten Baum und Fotos der größten und schönsten Exemplare des Landes sind immer wiederkehrende Motive auf nahezu allen bedruckbaren Medien.

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Der Hausherr schneidet den Christmas Ham an. Traditionelles Weihnachtsessen in neuseeländischen Familien. | © Heike & Rudi Hofer

Nun zum Höhepunkt der vorfreudigen Zeit: Anders als im deutschsprachigen Raum wird Weihnachten nicht am 24. Dezember gefeiert. Der Heilige Abend, Christmas Eve, wird hierzulande tagsüber zum intensiven Weihnachtsshopping genutzt und den späten Abend verbringen vor allem die jüngeren Kiwis gerne, etwas weniger heilig, zusammen mit Freunden in Pubs und Bars.

Wirklich weihnachtlich geht es am 25. Dezember, dem Christmas Day, zur Sache – dem Tag der Bescherung und dem großen Weihnachtessen mit der Familie. Sehr beliebt ist dabei das Christmas Barbecue im Garten, im Park oder am Beach, wobei bevorzugt ein mächtiger Weihnachtsschinken, Christmas Ham, aufgelegt und stundenlang gegart wird.

Alternativ findet man freilich auch Lamm auf dem Christmas Menue. Ein Truthahn in der Bratröhre ist ebenfalls nicht selten und zeigt, dass auch amerikanische Bräuche die neuseeländische Weihnachtstradition beeinflusst haben. Als Dessert kommt beim Fest der Feste praktisch nur die Kiwi-Ikone Pavlova, die berühmte Baisertorte, in Frage.

Der 26. Dezember heißt Boxing Day. Dieser etwas seltsam anmutende Name für den zweiten Weihnachtsfeiertag entspringt der historischen Tradition, bei der wohlhabende Bürger Geschenke in Kartons gepackt (boxing) und großherzig an die Armen verteilt haben.

Heute ist der Boxing Day in Neuseeland der Tag der Superschnäppchen. Unzählige Geschäfte locken mit den günstigsten Angeboten des Jahres und alle Kiwis stürmen in die Läden, um mit ihren Geldgeschenken vom Vortag traumhaft günstig einzukaufen.

Sehr gerne wird dieser Tag auch genutzt um unpassende Geschenke gleich wieder umzutauschen – Präsente zurück in die Kartons und ab damit ins Geschäft. Ironiker behaupten, dass der Boxing Day eigentlich daher seinen Namen hat.

Snowplanet

Weiße Weihnacht im Kiwi-Sommer? Die Skihalle Snowplanet in Silverdale, nördlich von Auckland, macht’s möglich. | © Heike & Rudi Hofer

Fazit: Kiwi Christmas ist ein Event, das man durchaus einmal miterlebt haben sollte, auch wenn man den coolen Traum einer weißen Weihnacht bereits im voraus als geschmolzen betrachten kann, zumal selbst in den neuseeländischen Alpen die Schneefallgrenze zur Adventszeit auf bis zu 2.200 Meter angestiegen ist.

Aber es gibt einen kleinen Funken der Hoffnung für alle, die das Fest der Feste auch hier Down Under partout nicht ohne Schnee und Minusgrade verbringen wollen: Snowplanet heißt die größte, (allerdings auch einzige) Skihalle Neuseelands. Dieses Indoor Snow Centre nördlich von Auckland bietet einen rund 200 Meter langen Skihang, natürlich aus echtem Schnee, wo man nicht nur wedeln, sondern im Rahmen einiger Veranstaltungen im Monat Dezember auch wirklich weiße Weihnacht feiern kann, und wo auch Santa nicht so schnell ins Schwitzen kommt.

Lust auf weitere kuriose Geschichten aus Neuseeland? Hinter unserem Kiwiblogger verbirgt sich der Autor Rudi Hofer, der den amüsanten Länderknigge »Fettnäpfchenführer Neuseeland« verfasst hat.

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Rudi Hofer, geboren in Nord-, aufgewachsen in Süddeutschland, lebt zusammen mit seiner Frau Heike seit knapp einer Dekade in der Region Auckland, Neuseeland. Sein beruflicher Weg führte über die Ausbildung zum Grafischen Zeichner zur baldigen Selbständigkeit und dem Schreiben von Werbe- und Katalogtexten als langjährigem Tätigkeitsschwerpunkt. Parallel zu neuen Unternehmungen in anderen Branchen, wie beispielsweise Luftfahrt und Fitness, blieb Rudi Hofer weiterhin als freier Texter tätig. Nach seinem sorgfältig geplanten Umzug auf die Südhemisphäre der Erde war die Zeit reif für das Schreiben umfangreicher Werke, wie dem in Kürze vorliegenden Fettnäpfchenführer Neuseeland.