Die katalanische Kerbe

Die katalanische Kerbe

Zwei Ereignisse beschäftigen hier die Nation: Die Monarchie und die Fußball-Weltmeisterschaft. „Was sagst du dazu: Der König hat abgedankt!“, begrüßte mich Ignacio vor wenigen Wochen, als bekannt wurde, dass Juan Carlos an seinen Sohn Felipe das Zepter reichen wolle.

Nun ist die Übergabe vollzogen und die Demonstrationen im Land halten an. Viele sind gegen die Monarchie und wollen eine Demokratie. „Die Monarchie ist völliger Schwachsinn“, meint Ignacio ungnädig. „Sie kostet nur Geld, ist aber ansonsten sinnfrei.“ In England oder Holland mag sie ja willkommen sein, aber hier in Spanien, wo viele Arbeiter von 700 oder 800 Euro leben müssten, sei sie nur eine finanzielle Belastung

Neus schlägt zudem in die „katalanische Kerbe“: „Es wird sich sowieso nichts ändern, Felipe, ausgerechnet Felipe“ ruft sie bekräftigend hinzu, „fährt den gleichen Kurs wie sein Vater.“ Mich interessiert das „ausgerechnet Felipe“.

Derjenige, der Katalonien seine Unabhängigkeit nahm, erklärt mir Neus, war Felipe. Und zwar ist das der gleiche Felipe, Phillip V, der als Sieger des Erbfolgestreits 1714 Barcelona einnahm und in den folgenden Jahren die katalonischen Institutionen und somit die Selbstverwaltung auflöste.

Das hätte ich eigentlich wissen müssen, dünkt mir. Und bekomme die Bestätigung dafür: „Deswegen feiern wir doch unseren Nationaltag am 11. September.“ In Neus Augen hat Felipe VI schon jetzt verloren. Die Regierung habe schon immer die Bemühungen Kataloniens wieder selbstständig zu werden unterwandert, sagt sie. Aber Felipe VI werde daran auch nichts ändern.

Während der vielfachen Gespräche über die hiesige Politik und Geschichte, die wir mittlerweile geführt haben, ist mir die Tragweite des Themas Unabhängigkeit immer bewusster geworden. Die Wut auf die Spanier, welche die Sprache und Kultur der Katalanen wie zum Beispiel unter Franco komplett verboten hatten, ist allgegenwärtig.

Dass heutzutage wieder Unterricht in Katalanisch gegeben werden dürfe, reiche natürlich nicht aus. Ignacio berichtet dazu von seiner Schulzeit, als sie nur während des Sportunterrichtes heimlich Katalanisch gelernt hatten. Seine Lehrerin habe aber immer in der großen Gefahr geschwebt, verhaftet oder sogar getötet zu werden. Dass sich durch diese Niederdrückung Wut anstaue, sei doch völlig normal. Ich muss ihm zustimmen.

Die Weltmeisterschaft ist übrigens ein fast lustiges Beispiel, wie die Katalanen den Spaniern gegenüber stehen. Als ich während des Spieles Spanien gegen Chile, welches ich nicht selbst verfolgt hatte, zweimal die begeisterten Rufe von der Straße hineintönen hörte, ging ich natürlich davon aus, dass Spanien zwei Tore geschossen hätte.

Meine Verwunderung war groß, als ich am nächsten Tag das wahre Ergebnis sah. Jeder hier, den ich fragte, bestätigte mir: „Es ist immer eine große Freude, wenn die Spanier verlieren!“ Zwar spielten auch Katalanen in der Mannschaft, aber am Ende spielten sie für Spanien und nicht für Katalonien. Das sei ein großer Unterschied!

Bislang habe ich noch niemanden hier getroffen, der nicht von diesem „Lokal-Patriotismus“ ergriffen ist. Dennoch sei sich keiner sicher, wie viele bei einem Referendum für die Unabhängigkeit stimmen würden. „Es hat sich noch keiner die Mühe gemacht, mal nachzufragen“, erklärt Neus achselzuckend. Es wäre aber auch irrelevant, schließlich verbiete Madrid sowieso die Volksbefragung. Ich sage scherzhaft: „Das sind ja Zustände wie unter Franco hier.“ Neus’ Antwort ist nicht nur als an den Witz anknüpfend zu verstehen: „Endlich hast du es kapiert!“

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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