Die stummen Zeugen

Die stummen Zeugen

Vier mickrige Bücher auf Spanisch stehen in meinem Bücherregal. Davon ist eins ein Kinderbuch, eins ein recht veraltetes Lexikon für Kinder mit mehr Bildern als Buchstaben und eins aus der Kategorie »Schundroman«. Nur das vierte entspricht meiner Vorstellung von anspruchsvoller Literatur.

Diese vier sind stumme Zeugen, aber auch Ankläger, meiner stagnierenden Kenntnisse der hiesigen Sprache. Nichtsdestotrotz habe ich noch ein Heer von spanischen E-Books auf diversen Medien gespeichert, die ebenfalls darauf warten, wenigstens mal aufgeschlagen zu werden. Bislang warten sie vergeblich.

Buecher

Die vier stummen Zeugen | © Anja Obst

Ob sie jemals Beachtung finden, stelle ich infrage, auch wenn es durchaus einen entsprechenden Plan gibt. Die elektronische und auch analoge Konkurrenz an deutsch- und englischsprachiger Literatur in meiner privaten Bibliothek ist einfach zu groß.

Und Lesen ist für mich eine Art der Entspannung. Die käme viel zu kurz, müsste ich bei jedem zweiten Wort erst ein Wörterbuch konsultieren.

Dem Umstand, genügend Auswahl an spanischen Büchern zu haben, verdanke ich es wohl auch, dass mir ein Aspekt nie richtig aufgefallen war: Es gibt keinen reinen Buchladen in Sant Pol. Nur ein Geschäft bietet ein paar ausgewählte, aber wenige Romane und Sachbücher an.

Sein Geld verdient der Inhaber mit Zeitungen, Schreibwarenartikel und Spielzeug. Seit kurzem gibt es eine Leihbücherei, vor allem für Kinder. Dort wäre ich ja eigentlich ganz gut aufgehoben. Allerdings war ich nur einmal drin, um zu fragen, ob sie an gut erhaltenen Büchern auf Deutsch als Spende interessiert seien.

Auch in den umliegenden Orten gibt es nur wenige, reine Buchhandlungen. Und von diesen wenigen sind die meisten zudem Antiquariate. Bevor ich jedoch berühmte Bücher der Weltliteratur auf Spanisch lese, sollte ich sie besser erst einmal auf Deutsch lesen.

Allerdings gilt auch in dem Fall: Der Entspannungsfaktor bei Büchern aus dem 19. Jahrhundert ist nicht besonders üppig.

Spanische Lesegewohnheiten

Meine neue Erkenntnis stiftete mich jedenfalls an, mal die Lesegewohnheiten meiner Bekannten hier zu untersuchen. Das Ergebnis passt interessanterweise zu den stark gefallenen Umsatzzahlen bei Büchern in Spanien innerhalb der letzten Jahre.

Die meisten lesen nämlich gar nicht bis selten. Geselligkeit steht unangefochten an erster Stelle. Und bis ein gedrucktes Werk in die Hand genommen wird, gibt es noch unzählige andere Dinge, die wichtiger sind. Auch am Strand kann man dadurch (und natürlich an der Farbe der Haut) gut Ausländer von Spaniern unterscheiden.

Buchhandlung

Nur ein Geschäft in Sant Pol bietet u. a. Bücher an | © Anja Obst

Während bei dem englischen, deutschen oder dänischen Pärchen jeder in sein Buch vertieft ist, unterhalten sich die Spanier fast ohne Unterlass. Gespräche werden nur gestoppt, wenn einer sich im Meer abkühlen will. Da er meist von seinen Begleitern verfolgt wird, geht die Diskussion im Wasser weiter.

Von einem holländischen Badetuch hört man höchstens mal ein unwirsches Grummeln.

Schwere Kost

Eine Ausnahme bildet meine Freundin Neus, die nicht nur viel liest, sondern noch dazu Bücher, die für mich den Entspannungsfaktor Null haben. Bevorzugt sind es Abhandlungen und Biografien über deutsche Wissenschaftler. Ihre Fragen oder auch Anmerkungen zu Joseph von Fraunhofer, Robert Koch oder Nobelpreisträger Paul Ehrlich treffen mich immer eiskalt.

Von letzterem hatte ich zum Beispiel noch nie gehört. Entsprechend wortarm ist dann auch mein Beitrag zur Diskussion.

Immerhin hat sie mich ermuntert, aus einem Online-Antiquariat den spanischen Klassiker schlechthin herunterzuladen: Miguel de Cervantes Roman Don Quijote. Natürlich auf Deutsch. Nur fürchte ich, dass ihm dennoch ein ähnliches Schicksal widerfahren wird, wie meinen vier stummen Zeugen und dem Heer der spanischen E-Books: Ausgestochen von der Konkurrenz und vorerst ignoriert.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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