Die Geisterstadt

Die Geisterstadt

Seit einigen Wochen fahre ich nun in meinem umgebauten Lieferwagen über, zugegeben, erst zwei der Kanarischen Inseln. Immer auf der Suche nach einem Ort, der meinen Wunschparametern entspricht: Einsamkeit, akzeptable mobile Netzverbindung, am Meer. Gerne habe ich in Laufweite einen Ort mit Geschäften. Doch durch die mittlerweile gesammelten Erfahrungen ist dies nicht zwingend notwendig. Ich kann gut drei Wochen autark in der Wildnis stehen, ohne dass es mir an etwas mangelt. Gut, das frische Obst und Gemüse fehlte mir irgendwann, bis dato kam dies aber noch nicht vor.

Schwierig ist es dennoch. Die Inseln sind klein, es gibt nur wenige Gebiete, in denen kein Haus steht oder die Touristen nicht in Scharen einfallen.

Meistens ist es jedoch die Netzabdeckung, die es mir schwer macht. Natürlich, wer braucht an einem einsamen Strand, wo niemand hinfindet, ein G4-Netz? Richtig, niemand.

So kam es auch schon vor, dass ich an einem dieser Orte ein nur wankelmütiges Netz hatte. Mal lief es, mal nicht. Um einen Abgabetermin einzuhalten, bin ich sogar schon mit dem Computer auf dem Armaturenbrett gefahren, bis mein Stick meldete: Netz! Dort hielt ich an und erledigte meine Arbeit. Ein sehr unbefriedigender Zustand.

Also mache ich Abstriche. Bislang waren diese gering und betrafen vor allem meinen von mir nicht ernsthaft erzogenen Hund. Die Verteidigung seines Reviers beläuft sich auf geschätzt 200 Meter. Um Attacken auf Passanten vorzubeugen, liegt er im Zweifel an der langen Leine. Orte, an denen erst gar keiner vorbei läuft, sind also auch für ihn das Paradies, die Freiheit.

Trip nach Tenesar

© Anja Obst

Als ich heute auf Lanzarote einen solchen Ort suche, wähle ich in meinem Navi einfach mal Tenesar aus. Direkt am Parque Timanfaya gelegen, wirkt der Ort klein und abgeschieden. Schon als ich die holprige Straße dorthin entlang rumpele, an schwarzen Lavafeldern vorbei, glaube ich, der Erfüllung nah zu sein.

Auf halbem Weg zeigt mein Telefon: Kein Netz, nur Notrufe möglich. Es wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein.

Die Neugierde treibt mich allerdings trotzdem weiter. Ich traue meinen Augen kaum, als plötzlich wieder das G3-Zeichen erscheint und kurze Zeit später sogar eine natürliche Parkbucht. Ich zögere nicht, halte dort, teste das Netz mit dem Computer und richte mich häuslich ein, als ich feststelle, dass es funktioniert.

Der Ort ist nur wenige hundert Meter entfernt. Bei einem ersten Rundgang treffe ich ein britisches Touristenpärchen, eine Dreiergruppe Deutsche, einen Fischer und sonst niemanden.

Das Dorf ist unbewohnt. Ich wandere durch die Straßen. Nirgendwo ein Auto, alle Fensterläden verrammelt, kein Geschäft, Kiosk oder Restaurant, keine Menschenseele.

Plötzlich schießt ein großer schwarzer Hund um die Ecke, geht in Drohstellung und kriecht langsam, Zähne fletschend, auf uns zu. Als er zum finalen Sprung auf meinen noch immer arglosen, weil halb blinden Hund ansetzt, stelle ich mich in den Weg und brülle ihn an.

Nicht nur dreht das monströse Vieh ab, auch erscheint sein Herrchen hinter der Hausecke. »Die tut nichts!«, der Standardsatz aller Hundebesitzer, egal, ob es stimmt oder nicht. In der Tat gehorcht die Hündin aber und geht brav hinter ein mannshohes grünes Gatter.

José, ihr Besitzer, setzt sich wieder zu einem Freund an den Tisch, der mit Wein und gegrilltem Fleisch bedeckt ist. Er bietet auch mir eine copa an, die ich erst nur zögerlich annehme. »Lokaler Wein«, sagt er stolz, als er mir das kleine Glas reicht.

»Zu viel Säure, oder?«, fragt sein Freund, nachdem ich einen Schlucke probiert hatte. Ich nicke. »Er ist noch jung«, erklärt José. Womit er den Wein meint, nicht seinen Freund.

José will noch ein Kotelett für mich auf den Grill legen. Ich lehne ab und frage ihn stattdessen, was es mit diesem Ort auf sich habe. Wo seien denn die ganzen Einwohner? »Ich bin der einzige hier, die anderen kommen nur im Sommer. Es gibt kein Licht, kein Wasser«, erzählt er. »Für jedes Stück Brot musst du ins Dorf rauffahren.« Er meint Tinajo, ungefähr fünf Kilometer entfernt.

Einsamkeit und Stille

Das Wasser müsse im Tankwagen angeliefert werden, 100 Euro koste ihn das pro Monat. »Aber, es ist so herrlich ruhig!« Er bekomme, wie heute, Besuch von Freunden, man esse und trinke zusammen, ansonsten genieße er die Einsamkeit und Stille.

Wahrlich, es sind nur die Wellen zu hören, die sich an den schwarzen Felsen tosend brechen. »Hier gibt es auch keine Abgase wie in der Stadt«, zählt er weitere Vorzüge auf, als müsste er mich überzeugen. Eulen nach Athen tragen.

Warum die Gemeinde denn den Ort nicht erschließe, möchte ich wissen. »Es wohnt doch keiner hier!« Aber doch wohl, weil es weder Strom noch Wasser gebe, werfe ich ein. José zuckt die Schultern und nickt.

»Kostet doch auch alles Geld«, sagt sein Freund. Ich schlage vor, dass hier doch ein Ausflugsrestaurant entstehen könnte, welches das Geld wieder einbringt. Obwohl ich die letzte wäre, die diesen ursprünglichen, noch nicht vom Tourismus verschandelten Ort derartig verändert sehen wollte.

Jetzt zucken beide die Schultern. »Kostet ja auch erst mal Geld.« Die Katze beißt sich in den Schwanz.

»Viele Besitzer hier haben auch keine gültigen Dokumente für ihre Häuser«, raunt José mir dann noch zu, als ob uns jemand belauschen könnte. Verkaufen oder vermieten wolle daher niemand. So wird wohl bis auf Weiteres das Schicksal des Ortes besiegelt bleiben.

Später hält José kurz an meinem Rastplatz oberhalb der Siedlung an, nachdem er seinen Freund nach Hause gefahren hatte. Er lädt mich ein, an seinem Haus zu parken. Sei doch angenehmer als zwischen dem Lavageröll. Meinem Argument, weshalb ich sein Angebot ablehne, kann er nichts entgegenbringen: Auch ich liebe die Einsamkeit und Stille.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.