Ein Brauch mit Pünktlichkeitsgarantie: Die siesta

Ein Brauch mit Pünktlichkeitsgarantie: Die siesta

Ich bin Frühaufsteher. Überwiegend unfreiwillig. Täglich jagt mich die Arbeit, der Hund, die beginnende senile Bettflucht oder schlicht die daraus entstandene Gewohnheit aus den Daunen. Als Resultat gehe ich auch oft früh ins Bett. Manchmal sogar schon zur gleichen Zeit, wie hier manche Restaurants für die Abendkundschaft erst die Türen öffnen. Mein Biorhythmus ist alles andere als spanisch. Ich bezeichne ihn gerne als global, denke ich doch auch noch immer in unterschiedlichen Zeitzonen, wie ich auch noch immer Preise in unterschiedliche Währungen umrechne, D-Mark eingeschlossen.

Und auch wenn dieser zeitliche Gegensatz mich oft davon abhält, ein neues Restaurant auszuprobieren, da ich meist schon halb verhungert bin oder mir zur Vorbeugung dessen den Appetit längst mit diversen Snacks ruiniert habe, entstehen auch Vorteile für mich. Wie ich schon einmal erwähnte, ist Spanien ein recht lautes Land. Außer zur siesta, der obligatorischen Ruhezeit. Sie beginnt erstaunlicherweise pünktlich gegen zwei Uhr nachmittags und hält oft bis halb fünf an. In diesen zwei bis drei Stunden herrscht eine fast gespenstische Stille im Ort. Die eben noch im Pool kreischenden und planschenden Kinder sind wie durch Geisterhand verschwunden. Die Straßen sind leer. Kaum ein Hund bellt. Die kleinen Geschäfte im Ort sind geschlossen.

Und da meine innere Uhr vorgeht, habe ich dann bereits gegessen, die Müdigkeit des Verdauens fast überwunden und mein Hirn seine Fahrt zur neuerlichen Hochtour wieder aufgenommen. Das ist meine Zeit. Für den Balkon. Für die Kreativität. Für den schönsten Teil des Tages. Ich lasse mich vom Blick aufs Meer inspirieren und schreibe mal mehr, mal weniger glorreiche Passagen eines aktuellen Projektes. Oder genieße einfach nur die himmlische Ruhe.

Seit der Antike wird die sexta hora, lateinisch für „die sechste Stunde“, zelebriert. Der Brauch geht nicht nur zurück auf die heißesten Stunden des Tages, an denen es Sinn macht, seinen Körper auszuruhen. Früher glaubten die Menschen, dass die Mittagszeit die Zeit der Dämonen sei. Da schien es vernünftiger, sich in eine meditative Versunkenheit zu begeben. Auf gut deutsch: mal ordentlich auspennen. Das Wort siesta bezeichnet auch in der Tat nur den Mittagsschlaf nach dem Essen, nicht die gesamte Pause mit allem drum und dran.

Wissenschaftlich soll zudem erwiesen sein, dass die Neuronen in unserem Gehirn, welche für die Wachsamkeit verantwortlich sind, nach dem Essen mal einfach so ihren Dienst quittieren. Vor wenigen Jahren erst haben Forscher herausgefunden, dass Glukose im Blut die Neuronen daran hindert, Signale zum Wachbleiben zu senden. Somit sei es nur natürlich, nach dem Essen zu schlafen. Ich weiß, das ist keine wirklich überraschende Neuigkeit, die Sehnsucht nach dem Verdauungsschlaf kennt schließlich jeder. Nur wenige jedoch geben diesem Verlangen nach. Und das, was den Südländern immer wieder den Ruf einbringt, faul zu sein, ist in Wirklichkeit biologisch und chemisch nachvollziehbar.

Im Jahr 2012 wollte die spanische Regierung angeblich die siesta im Zuge der Wirtschaftskrise abschaffen. Medien berichteten über die anstehende Mehrbelastung und steigende Ausbeutung der Arbeitnehmer, sowie über den Überlebenskampf der kleinen Unternehmen, deren höhere Personalausgaben in keinem Vergleich zu den zu erwartenden Einnahmen stünden. Und auch das Argument der „verlorenen Tradition“ fiel natürlich. Am Ende war alles eine Ente. Was die spanische Regierung erließ, war die Erlaubnis, die Öffnungszeiten zu verlängern und individuell anzupassen. Die siesta gehört zu und bleibt in Spanien. Daran wird auch keine Euro-Krise etwas ändern.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.