Gastfreundschaft auf Spanisch

Gastfreundschaft auf Spanisch

Sind es meine schwindenden Alltagserlebnisse mit den Deutschen oder die oft schlechte Presse über Fremdenfeindlichkeit aus der Heimat, dass ich nicht mehr an das Gute in ihnen glaube? Und deshalb so häufig überrascht bin, wie hilfsbereit und gastfreundlich die Spanier sind? Es fällt mir auf, dass mir der Unterschied auffällt.

Meist befinde ich mich dann in Situationen, in denen ich nie und nimmer mit Unterstützung gerechnet hätte. Wie neulich, ein kleines Beispiel: Ich ging mit meinem Vierbeiner einen Berg im Naturschutzgebiet hoch.

In der derzeitigen Hitze gönne ich ihm jede Rast, die er fordert. So lag er nun in einem Graben zum Ausruhen, während ein Transporter der Stadtverwaltung Calella uns entgegen rumpelte.

Der Wagen hielt an, mein erster Gedanke war: Mist, jetzt gibt es einen Rüffel, weil der Hund nicht angeleint ist. Meine Erwartungshaltung gepaart mit den Unkenntnissen der katalanischen Sprache ergab natürlich, dass ich kein Wort verstand. Der Beifahrer wiederholte noch zweimal sein Anliegen auf Spanisch.

Beim ersten Mal war noch immer meine Erwartungshaltung im Weg. Als ich endlich kapierte, was er wollte, war ich so baff, dass ich außer: »No, no, se descansa« – »nein, nein, er ruht sich nur aus« – nichts herausbekam. Er wollte nämlich wissen, ob es meinem Hund gut ginge oder ich eventuell Hilfe bräuchte.

Als ich mich von der Rührung erholt hatte und endlich auf die Idee kam, mich zu bedanken, holperte das Auto schon längst den Weg weiter.

Wochenendausflug

Ähnlich bei dem letzten Wochenendausflug: Ich hatte mein Auto nämlich für die Übernachtung in eine verlängerte Hofeinfahrt gestellt, weil ich dachte, das Haus sei unbewohnt. Dem war aber nicht so.

Als ich das bemerkte, ging ich hin, um zu fragen, ob ich dort stehen bleiben dürfte. Die Dame des Hauses überschlug sich fast vor Zustimmung und schob hinterher, dass ich sofort kommen solle, wenn ich etwas bräuchte, egal was.

Auch ihr Mann, der am Nachmittag nichtsahnend von der Arbeit kam, winkte mir fröhlich zu. Einfach so. Obwohl ich ein wortwörtlicher Wegelagerer war.

Ich stellte mir daraufhin vor, was wohl ein deutscher Bauer in so einem Fall machen würde. Und muss gestehen, dass er in meiner Fantasie nicht besonders gut wegkam.

Disziplin im Straßenverkehr im spanisch-deutsch-chinesischen Vergleich

Dieses Blatt kann ich aber auch sehr schnell wenden, wenn ich das Thema auf den Straßenverkehr lenke. Da könnten sich die Spanier von den Deutschen (die ich vielleicht nicht mehr richtig kenne?) ein hübsches Scheibchen abschneiden.

Ich meine mich zu erinnern, dass Autofahrer in Deutschland ohne nachzudenken die Ein- bzw. Ausfahrt einer Nebenstraße freilassen, wenn die Ampel vorne rot ist. Hier in Spanien nützen noch nicht mal die extra dafür gelb-schraffierten Flächen an den entsprechenden Stellen, um das zu gewährleisten.

Und die wenigsten sind höflich genug, das Reißverschlusssystem anzuwenden. Das fällt mir auch an den ungläubigen Blicken auf, wenn ich jemanden vorlasse. Und auch an denen, die sich fix den Platz vor mir sichern wollen, egal wie schnell ich angerauscht komme.

Ganz so frech wie die Chinesen beispielsweise sind die Spanier dann aber doch nicht. In China ist es ja faktisch eine sportliche Disziplin, als Linksabbieger so schnell in die Gänge zu kommen, um noch vor den Geradeaus-Fahrern die Kurve zu nehmen.

Davon profitieren auch die Autos dahinter. So lange es grün ist, schlängelt sich der Wurm der Abbieger vor den anderen vorbei. Als Resultat schafft es meist nur ein Auto aus der Gegenrichtung, die Ampelkreuzung zu überqueren.

Alles hat, wie immer, zwei Seiten. Aus China bin ich es gewöhnt, im Straßenverkehr auf alles Mögliche und Unmögliche im Vorfeld gefasst zu sein. Somit empfinde ich die spanische Fahrweise noch immer als gemäßigt.

Ehrlich gesagt möchte ich mich aber nicht an die Gastfreundschaft gewöhnen, denn die freudige Überraschung darüber ist genauso herzerwärmend wie die Gastfreundschaft selbst.

Nächster Artikel:
Vorheriger Artikel:
Dieser Artikel wurde geschrieben von

Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.