Ein Himmelfahrtskommando?

Ein Himmelfahrtskommando?

Ich habe mein Bankkonto geräumt und mir ein Auto gekauft. Einen Lieferwagen. Hehres Ziel ist es, ihn in einen Campingbus zu verwandeln und somit meinem Nomadenleben die Krone aufzusetzen. Bis dahin muss ich mich noch etwas gedulden. Diverse Genehmigungsprozesse und Erkundigungen beim TÜV liegen vor mir, bis ich mit dem Innenausbau starten kann.

Das hält mich aber nicht davon ab, schon kleinere Touren zu unternehmen. Der Mai ist mit seinen vielen Feiertagen dafür prädestiniert. Außerdem kann ich mich so langsam an die monströsen Abmessungen meines neuen Vehikels gewöhnen. In Anbetracht der oft engen Straßen ein Muss.

So packe ich flugs eine Campingkiste, lade den Hund ein und los geht es, lächerliche 60 Kilometer entfernt von Sant Pol. Für weite Reisen fehlt mir nun leider erstmal das Benzingeld. Außerdem, so hoffe ich, ist die Wahrscheinlichkeit, wieder nach Hause zu finden, größer, je näher ich bleibe. Ich weiß aber, dass das nur ein Trugschluss sein kann. Ich verirre mich überall und immerzu. Das ist einfach ein Fakt.

Um überhaupt in den Ort zu gelangen, den ich mir ausgesucht habe, präge ich mir die Karte sowie einige strategisch wichtige Orte auf der Strecke ein. Und vertraue auf die genervt klingende Stimme aus meinem Navigationsprogramm.

Genervt ist sie, weil ich vergessen habe, die Einstellungen zu ändern, um gebührenpflichtige Straßen zu vermeiden. An jedem Kreisel will sie mich auf die Autobahn navigieren, ich halte konsequent dagegen (noch weiß ich nämlich, wo ich bin und wo ich lang muss), sie passt unermüdlich die neue Reiseroute an mit den Hinweisen, doch endlich auf die Autobahn abzubiegen, die ich resolut ignoriere. Aber es ist ja nur eine Maschine und ich rechne nicht mit bösartigen Retourkutschen in Momenten, wo ich hoffnungslos verloren bin.

Erstaunlicherweise treten diese Momente gar nicht ein. Ich komme in weniger als einer Stunde in Gualba an, ein kleiner Ort inmitten eines riesigen Naturparks. Gut, auf der Suche nach einem Standplatz fahre ich, ungewollt natürlich, ein wenig im Kreis. Finde dann aber einen perfekten Platz neben einem kleinen Olivenhain. Dass ich in einer Mini-Wohnsiedlung gelandet bin, merke ich erst, als ich zu Fuß in einen Waldweg für einen Spaziergang einbiegen will.

Sprechen Sie Katalanisch?

Hinter einem vom Gebüsch versteckten Tor werkeln Arbeiter an einem Haus. Da winkt auch schon ein Dachdecker und ruft mir etwas zu. Katalanisch aus der Ferne mit vom Wind verwehten Wörtern, erwartungsgemäß verstehe ich kein Wort. Aber er bemüht sich vom Dach und ich ahne natürlich, was kommt. Vorbeugend sage ich gleich: Ich spreche kein Katalanisch und gehe wohl Recht in der Annahme, dass ich hier nicht stehen darf?

»Nein, nein!«, ruft er aus. »Absolut kein Problem!« Nur das hatte er mir vom Dach zurufen wollen. Wie nett von ihm!

Als ich dann endgültig zur Wanderung aufbrechen will, höre ich seinen Gehilfen ein Lied pfeifen. Ich glaube, darin das Hänsel-und-Gretel-Lied zu erkennen. Den ganzen Weg über summe ich die Zeile »…verirrten sich im Wald, es war schon sehr dunkel und auch sehr bitterkalt…«. Ich nehme das Lied nicht als Omen, sondern nur als Warnung.

Viel hilft es nicht. Am Ende komme ich an einer Stelle raus, mit der ich nicht gerechnet hatte. Wenn auch eine wunderschöne Stelle mit einer Wiese und Blick in die Berge. Und natürlich wäre ich auch nach einer Rast prompt in die falsche Richtung gelaufen, hätte ich nicht die GPS-Funktion meines Telefons bemüht.

Heimkehrinstinkt

Anders ergeht es mir leider am folgenden Tag. Aber warum suche ich mir auch kleine Wege aus, die im Zweifel nirgendwohin führen und mich an eine Stelle leiten, die selbst per GPS nicht zu orten ist? Ich bin darüber weder überrascht noch besorgt. Ich habe den ganzen Tag Zeit, entweder ein Lebkuchenhaus oder schlicht aus dem Wald heraus zu finden. Einzig die Tatsache, nicht genügend Wasser dabei zu haben, bereitet mir Ungemach.

Sämtliche in der Karte eingezeichneten Bäche und Flüsse sind staubtrocken. Und dabei waren die Bilder der rauschenden Bäche ein Grund gewesen, weshalb ich den Ort ausgesucht hatte. Mein Hund allerdings hat neben einigen Unarten auch Fähigkeiten, die mich immer wieder beeindrucken. In einer der trockenen Furchen findet er im Dickicht versteckt zielsicher eine kleine Pfütze im Matsch. Nach dem Labsal sieht er zwar aus wie ein frisch gesuhltes Schwein. Ich gehe aber davon aus, den Dreck später einfach abklopfen zu können.

Eine schon mehrfach erprobte Gabe ist außerdem sein Orientierungssinn. Bislang weiß ich nur, dass der perfekt funktioniert, sobald ich umdrehe. Er läuft dann schnurstracks den gleichen Weg zurück, den wir gekommen sind. Aber anscheinend wird der sogar in dem Moment aktiviert, sobald ich innerlich beschließe, den Rückweg anzutreten.

Denn dieses Mal drehen wir nämlich nicht um, sondern gehen weiter in die gleiche Richtung. Nur versuche ich, Wege zu wählen, die uns näher zum Auto bringen. Aber anstatt wie meistens, fragend an einer Kreuzung stehen zu bleiben, läuft mein Vierbeiner nun einfach weiter. Er muss wissen, dass es »nach Hause« geht. Es fällt mir einmal dennoch schwer, ihm in eine Richtung zu folgen, die meines Erachtens falsch ist.

AutoDass meine Wahl definitiv nach hinten losginge, wahrscheinlich auch im wahrsten Sinne des Wortes, ist unabdingbar. Da mein tierischer Freund aber freiwillig einen Berg hoch geht, statt den absteigenden Weg einzuschlagen, überzeugt er mich, dass wir dort entlang müssen. Und ich folge. Nicht aber, als er beschließt, wieder auf einem kleinen Trampelpfad ins Unterholz zurückzugehen.

Ich bevorzuge den fortgeführten breiten Wanderweg und setze mich natürlich durch. Mit dem Erfolg, in einer Sackgasse zu landen und alles wieder zurücklaufen zu müssen. Bin ich froh, dass Hunde nicht die Häme eines Menschen besitzen. Ich hätte für den Rest des Weges in sein feixendes Hättest-du-mal-auf-mich-gehört-Gesicht schauen müssen. Stattdessen legt er sich einfach nur zufrieden unter einen der Olivenbäume, nachdem wir unser mobiles Heim wieder erreicht hatten.

Schade ist natürlich, dass ich seine Fähigkeiten beim Autofahren nicht nutzen kann. Überheblich wie ich bin, bilde ich mir nämlich bei der späteren Rückfahrt ein, ohne Navi auskommen zu können. Selbstverständlich endet das in einer Irrfahrt. Ich muss diverse Male umdrehen, bis ich bekanntes Terrain erreiche. Immerhin weiß ich jetzt aber, wie groß der Wendekreis meines neuen Vehikels ist.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.