Moderne Höhlenmenschen auf Gran Canaria

Moderne Höhlenmenschen auf Gran Canaria

Die kanarischen Inseln sind alle verschieden und haben ihre eigenen Besonderheiten, so steht es in jeder Information über die spanische Inselgruppe. Das kann ich bis jetzt bestätigen, auch wenn meine Expertise noch lange nicht vollständig genannt werden darf. Ich bin erst bei der Hälfte angelangt. Diese Besonderheiten beziehen sich nicht nur auf die Natur oder die möglichen Aktivitäten der einzelnen Inseln, sondern auch auf die Architektur.

Lanzarote zum Beispiel ist geprägt von weißen Häusern, die mit den charakteristischen schwarzen Lavasteinen verziert sind. Der Maler und Architekt César Manrique hatte sich entscheidend dafür eingesetzt, dass nur die traditionelle Bauweise auf der Insel zugelassen wurde.

Dadurch ergibt sich ein einheitliches Bild, in dem fast ausschließlich die Farben weiß, schwarz und das Grün der Kakteen und Palmen vorkommen.

Auf Fuerteventura gibt es einen Mix aus Moderne und Tradition. Leider gehören zu den modernen Bauten auch die riesigen Hotelkolosse in den touristischen Gebieten. In kleinen Orten findet man dagegen noch alte Häuser im bäuerlichen Stil.

Tja, und Gran Canaria? Wenn man dort mit dem Schiff ankommt, wird man erst einmal von den vielen Hochhäusern in La Palma erschlagen und reist dann entlang der Ostküste durch verfallene Ortschaften.

An den Häusern zeigt sich die weit verbreitete Armut abseits der touristischen Orte. Im Süden der Insel ist eine Bettenburg nach der anderen entstanden, was dem Landschaftsbild auch nicht unbedingt gut tut. Aber es gibt eine Auffälligkeit, die ich bei den anderen beiden Inseln nicht entdeckt habe: Höhlenwohnungen.

In der Höhlenwohnung

© Anja Obst

© Anja Obst

Über die erste stolpere ich gleich am ersten Tag auf Gran Canaria. An dem Strand auf der Halbinsel La Isleta, im Nordosten von La Palma, hat sich ein europäischer Aussteiger einen Felsvorsprung hergerichtet und residiert dort, wie es aussieht, schon seit Jahren.

Solche Aussteiger oder Langzeittouristen, die sich einfach in einem Höhleneingang niederlassen, gibt es an vielen Ecken. Wovon ich aber rede, sind Wohnungen oder Häuser, die in den Bergen eingelassen sind.

In dem kleinen Ort Tufia treffe ich Momi. Momi lebt eigentlich in Las Vegas – nein, nicht in den USA, sondern einem kleinen Ort ein wenig die Berge Richtung Inselmitte hinauf.

Momi hat sich für den Winter ein kleines Häuschen am Strand von Tufia gemietet. Als sie erwähnt, dass es ein Höhlenhäuschen ist und meine begeistert aufgerissenen Augen sieht, lädt sie mich ohne zu zögern zu einer Besichtigung ein. Auch ich zögere nicht und stehe ein paar Tage später vor ihrer Tür.

Von außen sieht es erst einmal nicht ungewöhnlich aus. Ein kanarisches Reihenhaus halt. Ein wenig verdutzt könnte man sein, dass es wohl nicht so tief sein könnte. Nur wenige Meter dahinter ragt ein großer schwarzer Berg empor.

Ein paar Häuser weiter sieht das schon ganz anders aus, da schließt die Wohnungstür mit der Felswand ab. Dort geht man wahrhaftig in den Berg hinein.

Aber schon als ich durch Momis Haustür trete, fühle ich mich wie zu Hause. Wir stehen in einem winzigen Hof, von dem rechts eine abgeschlossene Wohnung abgeht. Die ist relativ unspektakulär.

Anders dagegen das erste Stockwerk. Die Treppe unter freiem Himmel führt zu einer überdachten, aber offenen Küche und zwei Zimmern. In dem »Flur« ist die Felswand naturbelassen. Ein paar Gräser wachsen aus der braunen Wand heraus und mein ungezogener Hund denkt sogar, er wäre in der Wildnis. Bevor ich ihn abhalten kann, hat er schon gegen den kleinen Felsvorsprung gepinkelt.

Momi lacht nur und holt den immer bereitstehenden Wischeimer. In den beiden Schlafzimmern sind die Felswände geweisselt, die Lampen werfen ein freundliches gelbes Licht auf die schroffe Oberfläche.

Natürliche Klimaanlage

»Das Schöne ist«, sagt Momi, »in den Zimmern ist es im Sommer kühl und im Winter angenehm. Durch den Felsen reguliert sich das Klima automatisch.«

Selbst ich, die am liebsten in einem Glashaus wohnen möchte, weil ich Licht und Weitblick so sehr liebe, finde es überhaupt nicht beklemmend, dass es gar keine Fenster gibt, nur die Zimmertür lässt natürliches Licht hinein. Diese natürliche Wand strahlt schlicht eine unbeschreibliche Gemütlichkeit aus.

Bilder aufzuhängen ist unnötig. Die kleinen Wohnaccessoires wie Lampen, farbenfrohe Teppiche oder kleine Tischchen reichen aus, um das Zimmer behaglich zu machen.

Groß ist das Häuschen nicht, aber für Momi und ihre Freundin, die gerade zu Besuch ist, reicht es allemal.

Wir gehen noch weiter nach oben und landen auf der mit dunklem Holz vertäfelten Dachterrasse. Dort sitzen wir halbnackt und mit kühlem Bier in der Hand in der Sonne und beobachten das Treiben am Dorfstrand unter uns. Wir haben einen Blick über die gesamte Bucht mit dem kristallgrünen Wasser. Ich komme mir vor wie im Urlaub.

»Die Eigentümer sind im Winter immer in La Palma und vermieten das Haus dann«, erzählt Momi. »Im Frühling kommen sie zurück und wohnen selbst hier.«

Sie ziehe dann wieder in ihr Häuschen in Las Vegas und genieße die kühle Brise der Berge. Zum Strand sei es ja dennoch nicht weit. Ich schätze, egal, wo man ist auf Gran Canaria, es dauert nie länger als eine Stunde, um bis zum nächsten Strand zu gelangen.

Gran Canaria ist übersät von Ausgrabungsstätten uralter Behausungen. Manchmal merke ich gar nicht, dass ich vor der Ruine eines früheren Hauses stehe, so sehr schmiegt sich das Gebäude in die Landschaft. Einige wurden von den Jugendlichen aus angrenzenden Ortschaften als Treffpunkte auserkoren. Das ist an leeren Chipstüten und zusammengedrückten Bierdosen ersichtlich, die sie zurückgelassen haben.

An manchen Stellen hat die Inselverwaltung Hinweisschilder aufgestellt, die von der Geschichte der Häuser berichten. Die meisten sind nur auf Spanisch. Ich habe auch keinen einzigen Touristen an solch historischen Orten angetroffen.

Bevor ich die Insel nach einer, zugegeben, sehr kurzen Stippvisite schon wieder verlasse, besuche ich Momi noch in Las Vegas. Obwohl auch dieser Ort, als auch ihr eigenes Häuschen dort, einen eigenen Charme haben, ist das Berghäuschen in Tufia wirklich etwas ganz Besonderes. Für mich ein Wahrzeichen Gran Canarias, das unvergesslich bleiben wird.

Nach einer spanischen Eingewöhnungszeit an der Costa Brava, tourt Wahl-Spanierin Anja Obst seit ein paar Monaten über die Kanarischen Inseln. Vor ihrem Spanien-Abenteuer hat sie dreizehn Jahre in China gelebt. Ihre Erfahrungen im Reich der Mitte inspirierten sie zum Verfassen des »Fettnäpfchenführer China«.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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