Ich bin ein Ausländer

Ich bin ein Ausländer

Einen Großteil meines Lebens habe ich als „Ausländer“ verbracht. Insofern interessiert es mich sehr, wie die Einwanderer von den Lokalen betrachtet und behandelt werden.

In China, zum Beispiel, gehörte ich als westlicher Ausländer fast automatisch zu den VIPs, den „very important persons“. Auch wenn ich damals als Studentin alles andere als wichtig war. Chinesen sehen in Westlern oft Reichtum und damit Macht, ohne zu hinterfragen, ob nicht vielleicht doch ein armer Schlucker vor ihnen stehen könnte. Schwarz-Afrikaner hingegen haben einen eher schweren Stand. Sie sind ja „auch“ mittellos und können den Chinesen somit nichts „bieten“.

In Spanien landen bekanntlich viele Flüchtlinge aus Afrika, vor allem Marokko. Christina, eine Lehrerin in Sant Pol, erzählt mir, dass in ihrer Klasse viele Marokkaner und auch andere Ausländer seien, aber niemand, weder die Lehrer noch die Schüler, behandelten sie anders als ihresgleichen. „Vor allem die Kinder passen sich schnell an, lernen die Sprache und werden von jedem als Katalanen akzeptiert, egal welchen Pass sie haben“, sagt sie. Aber, fügt sie hinzu, die „Sant Poler diskriminieren trotzdem“. Nur eben keine Ausländer. Sondern die Zugezogenen aus anderen Dörfern.

Christina stammt aus Sant Cebrià de Vallata, einem kleinen Örtchen drei Kilometer entfernt von Sant Pol. Da kann man also zu Fuß hinlaufen. Trotz der Nähe, so beschwert sie sich, werde sie nicht akzeptiert im Ort. „Die Leute reden über mich oder unterbrechen ihre Gespräche, wenn ich dazu komme“, sagt sie.

Ich werfe scherzhaft ein, dass es vielleicht an ihr persönlich liege. (Glücklicherweise lacht sie und versteht sofort, dass das nur einer meiner blöden Witze ist.) Aber Maria, eine gebürtige Sant Polerin, schließt sich ihrer Meinung an: „Die Leute hier sind Spießbürger. Wer in ihren ‚elitären Kreis‘ möchte, muss sich intensiv bemühen. Das hat nichts mit Mögen zu tun, die sind einfach borniert“, so ihr vernichtendes Urteil. Eine ganz normale Dorfgemeinschaft?!

Mir sei bislang noch niemand über den Weg gelaufen, der nicht hilfsbereit gewesen sei oder gar ablehnend, bemerke ich. Und sobald ich den Mund aufmache, enttarne ich mich sofort als Zugezogener! Freundlich und entgegenkommend seien sie ja auch, aber gleichzeitig eben hinterhältig.

„Und über dich reden sie bestimmt auch hinter vorgehaltener Hand“, bekomme ich die Retourkutsche von Christina für meinen Scherz von vorhin. „Da haben meine Sprachschwierigkeiten ja doch was Gutes, ich verstehe ja sowieso kein Wort“, kontere ich. Und kann mich also getrost weiterhin der Illusion hingeben, in einer gastlichen Umgebung zu wohnen.

Wir albern noch ein wenig rum, was man alles tun könnte, um die Gerüchteküche zum Brodeln zu bringen. Viele gute Ideen bringen wir zutage, allerdings, gibt Christina abschließend zu Bedenken: Wenn ich nichts verstünde, hätte ich leider relativ wenig von dem Spaß. Wo sie Recht hat, hat sie Recht!

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.

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