Und immer wieder dieser Kalle

Und immer wieder dieser Kalle

Ich bin ein Kind der analogen Generation. Als Teenager stand ich jeden Sonntag mit meinem Kassettenrecorder vor dem Radio, um aus der wöchentlichen Hitparade des derzeitige Lieblingslied aufzunehmen. Mitunter dauerte das Wochen. Es war wie ein Fluch, dass — just als die Aufnahme lief — jemand zur Tür hereinkam. Den Song mit der kleinen Unterbrechung: »Das Essen ist fertig« zu hören, machte wenig Spaß.

Heute ist diese Szene kaum mehr vorstellbar. Für wenig Geld und mit nur einem Klick hat man das gewünschte Lied in hoher Qualität heruntergeladen.

Ich begrüße den Fortschritt der Technik. Allem voran, wenn es um Apps für Smartphones geht. Für alles — ob der gesammelte Pilz giftig ist, welches Sternbild gerade über einem leuchtet oder wie das Wort »Fahrvergnügen« auf Arabisch heißt — gibt es eine App.

Meine meist genutzte App jedoch ist die für Navigation. Dass mein Orientierungssinn quasi nichtexistent ist, hatte ich bereits in diesem Blog erwähnt. Daher nutze ich die App auch für Strecken von nur wenigen Kilometern. Nicht erst einmal bin ich verzweifelt und fünfmal im Kreis gefahren, weil die von mir geplante und als alleine machbar empfundene Strecke von Einbahnstraßen durchzogen war und ich nach dreimal abbiegen komplett den Überblick verloren hatte. Deswegen lasse ich den kleinen Helfer nur in todsicheren Fällen weg, also nie.

Zudem erheitert mich die App auch immer. Natürlich habe ich als Sprache Deutsch eingestellt. Mich auf Verkehr, Richtung und Übersetzung zu konzentrieren, sind definitiv zwei Dinge zu viel.

Kalle ist überall

Die Computerstimme beherrscht nur leider kein Spanisch. Soll ich in die Calle Corazon abbiegen, sagt die Dame: Kalle Koratson. In größeren Orten komme ich an vielen Kalles vorbei. Aber die Erheiterung lässt noch immer nicht nach. Ich werde mich hüten, das System auf Spanisch umzustellen.

Auf der anderen Seite profitierte ich davon, denn mein Spanisch hat sich noch immer nicht signifikant verbessert. In Sant Pol war meine Ausrede, dass alle Katalanisch sprachen. Mit der Reise über die Kanarischen Inseln flammte die Hoffnung in mir auf, endlich einen Durchbruch zu schaffen. Es gibt zwar auch hier einen Dialekt, aber der ist so minimal, dass er selbst mir kaum auffällt. Meine Hoffnung wurde bislang enttäuscht. Denn: man spricht Deutsch.

Man spricht Deutsch

Speisekarte

Selbst die Speisekarte hat Deutsch als Erstsprache gewählt. | © Anja Obst

Schon wenige Tage nach meiner Ankunft auf Lanzarote stieß ich auf eine kleine Siedlung, die mit deutschsprachigen Schildern gepflastert war. Schnitzel, Weißbier und »frische Brötchen« gab es im Zentrum der 100-Seelen-Gemeinde, ein Anwalt und natürlich ein Immobilienagent lockten Klienten mit ihren Schildern auf Deutsch.

Ich hörte einen Mann in den kleinen Supermarkt zurückrufen: »Bis morgen dann!«, dabei winkte er mit seiner Tüte frischer Brötchen. Dass er Deutsch sprach, war nicht das Ungewöhnlichste.

Er trug ausser der Brötchentüte nur Badelatschen. Kurze Zeit später stellte ich fest, dass ich die einzige bekleidete Person in dem Ort war.

Als ich dann schon recht bald einige Kilometer entfernt war, ärgerte ich mich, nicht mal kurz bei dem Anwalt reingeschaut zu haben. Wäre interessant gewesen zu sehen, ob auch er während der Arbeit der Freikörperkultur frönte. Aber wie dem auch sei, der Ort war durch und durch deutsch.

In Costa Calma auf Fuerteventura sah es kaum anders aus. Deutsche Ärzte, deutsche Windsurfing-Schulen, deutsche Friseure, wo man hinsah, die meisten Schilder waren auf Deutsch. In einem kleinen Supermarkt lief ein Radiosender, natürlich auf Deutsch. Die Kassiererin sprach ebenfalls ein wenig Deutsch. Sie war jedoch völlig überfordert von einem älteren Herren, der ohne Punkt und Komma auf sie einredete, auf Deutsch. Touristen, die ich nicht kannte, sprachen mich unverblümt an, auf Deutsch. Sie alle nutzen ihre Heimatsprache mit einer Selbstverständlichkeit, die ich nicht nachvollziehen konnte.

Dieses Phänomen konnte ich allerdings auch in Orten erleben, die zum Beispiel in der Hand britischer Touristen liegen, wie Corralejo, im Norden Fuerteventuras. Statt Weißbier-Schänken gibt es dort Sport’s Bars oder Irish Pubs. Und auch die Mehrheit der Briten scheint nur wenige Worte auf Spanisch zu beherrschen.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Anpassung der Kanaren auf ihre Besucher natürlich verständlich. Es ist ganz klar ein Standortfaktor, wenn Touristen mühelos vor Ort kommunizieren können.

Ich dagegen finde es schade, dass die Ursprünglichkeit und auch die Fremdartigkeit damit ein wenig verloren geht. Ein Grund, weshalb ich mich gerne in Gegenden aufhalte, die nicht dem Massentourismus zum Opfer gefallen sind.

Allerdings hilft mir das in Punkto Spanisch auch nicht wirklich weiter. Entweder treffe ich niemanden, mit dem ich reden könnte. Oder ich treffe Camper, die im Zweifel ebenfalls aus Deutschland kommen.

Als ich kürzlich eine Autowerkstatt aufsuchte, am Rande von Puerto del Rosario, wo nur eine Hotelruine eher dezent an Tourismus erinnert, staunte ich nicht schlecht, als Claudio, der Werkstattleiter aus Chile, mich sofort als Deutsche erkannte und, darüber hinaus, ein paar Brocken Deutsch in unsere Konversation einfließen ließ.

Ich schätze, auch bei den Fahrten über die anderen kanarischen Inseln, werde ich immer wieder auf kleine deutsche Enklaven treffen. Oder, anders ausgedrückt, eher selten die Notwendigkeit sehen, Spanisch reden zu müssen.

Da ich persönlich von mir enttäuscht bin, schon Jahre in Spanien verbracht zu haben, ohne nennenswerte Fortschritte vorweisen zu können, habe ich meine Strategie geändert. Auf einem Flohmarkt habe ich mir Bücher auf Spanisch gekauft.

Man mag es kaum glauben, aber auch das war nicht besonders einfach. Alle Verkäufer boten Bücher in sämtlichen Sprachen, vor allem Deutsch, an. Nur zwei von ihnen hatten tatsächlich Bücher auf Spanisch.

Wie schnell die Bücher in meinem Alter, ich erinnere an die analoge Generation, Erfolge zeigen werden, bleibt abzuwarten. Meine Hoffnung, jedenfalls, ist wieder auf dem Höhepunkt.

Nach einer spanischen Eingewöhnungszeit an der Costa Brava, tourt Wahl-Spanierin Anja Obst seit ein paar Monaten über die Kanarischen Inseln. Vor ihrem Spanien-Abenteuer hat sie dreizehn Jahre in China gelebt. Ihre Erfahrungen im Reich der Mitte inspirierten sie zum Verfassen des »Fettnäpfchenführer China«.

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Anja Obst, 1967 in Lübeck geboren, studierte Wirtschaftssinologie in Bremen. Ihre anschließende Arbeit führte sie nach China, wo sie von 1998 bis 2011 in der Hauptstadt Peking lebte. Dort arbeitete sie viele Jahre im ARD-Auslandsstudio und als Wirtschaftsberaterin. Dabei zog sie es von Anfang an vor, nicht in der oftmals isolierten Welt der Ausländer zu leben, sondern zwischen den Einheimischen in einem hútòng - einem Pekinger Altstadtviertel.